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DANKBARKEIT OHNE DIESE AUSZUSPRECHEN – Parascha Ki Tawo

Bikurim stehen diese Woche im Mittelpunkt. Bikurim sind die ersten reifen Früchte in Israel, die als Opfer in den Tempel zu Jerusalem gebracht wurden. Mit dem Einzug ins Heilige Land erhielt das Jüdische Volk alles Gute des Landes. Aber sie sollten, oder besser gesagt, sie DURFTEN nie vergessen, durch und mit WESSENS Hilfe sie an jenen Ort gelangten. Als Erinnerung daran brachte man jährlich Bikurim.

„Und Du sollst zum Kohen gehen…und zu ihm sprechen: ich habe heute G“tt bezeugt („higadti“), dass ich in das Land gekommen bin, das G“tt unseren Vorfahren geschworen hat, uns zu geben“ (26:3).

Raschi (elftes bis zwölftes Jahrhundert) erklärt hier, dass die Worte „und zu ihm sprechen“ bedeuten, dass der Bauer hiermit bestätigt, dass er das Gute, von dem er genießt, nicht abstreiten möchte.

Raschi hatte mit der Tatsache ein Problem, dass der Bauer in seiner Aussage zu den Bikurim nichts Inhaltliches erwähnt. Er dankt G“tt nicht. Er sagt nur, dass er im Land angekommen oder eingetroffen sei. Aber das war eindeutig. Ohne sein sich in Israel befinden hätte er die Erstlinge nie erbringen können.

Erst etwas weiter, im Teil, den wir am Seiderabend lesen, steht etwas mehr über Dank.

Rav A. Bonchek (ein moderner Amerikanischer Erklärer) stößt noch ein anderes Problem an: weshalb steht das Wort „higadti“ (ich habe heute zur Kenntnis gegeben) in der Vergangenheit? Was hat der Bauer denn erklärt? Bis zum heutigen Tag hat er nichts gesagt! Das Wort „higadti“ kann, über „mündlich erklären“ hinaus, auch „ohne sprachliche Aussage erklären“ bedeuten.

So steht in Psalmen (19:2), dass „der Himmel das Werk Seiner Hände erklärt“. Auch das bedeutet, dass der Himmel zeigt, dass G“tt ihn geschaffen hat. Auch an anderen Stellen im Tenach (der Bibel) entdecken wir, dass der Stamm „higadti“ Zeigen  bedeutet.

Rav Bonchek nimmt uns zu II Samuel 19:7 mit, wo König David seinen verstorbenen Sohn Awschalom nachtrauert. Awschalom hatte sich gegen seinen Vater aufgelehnt und ihn aus Jerusalem vertrieben. Davids General, Jo’av, hält König David eine Standpauke. Jo’av und viele Andere hatten ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um David aus den Händen von Awschalom zu retten: „Heute zeigen Sie, dass Sie keinen Offizier oder Diener haben“. David hatte das nie behauptet, aber was Jo’av David deutlich vor Augen führte war, dass sein Trauerverhalten im Grunde ein nicht ausgesprochener Schlag ins Gesicht aller derer war, die David geholfen hatten.

Keine Worte, sondern Taten

Das Gleiche gilt für die Bikurim (Erstlinge). Keine Worte, sondern Taten. Wenn man seine Früchte nach Jeruschalajim (Jerusalem) bringt, zeigt man, dass man nicht nur das Land in Besitz genommen hat, sondern auch vom Land genossen hat. Hiermit hat man seine Dankbarkeit bezeugt. Das ist das, was Raschi klar machen wollte.

Warnung nach einer guten Ernte

Nach der guten Ernte erfolgt eine Warnung. Wir dürfen und sollten, trotz des Überflusses, G“tt nicht vergessen. Dieses steht auch etwas weiter, im zweiten Teil des Schema (Deut. 11:14-16): „Ich werde Dir auf Deinem Land Regen geben und Du wirst Dein Getreide ernten, Du wirst es Essen und satt werden. Passe auf Dich selbst auf, dass Dein Herz Dich nicht fehl leitet und dass Du Dich nicht von G“tt abwendest und anderen Göttern dienen wirst“.

Dieser Gedanke wird in dieser Parascha wiederholt (28:47): „Da Ihr nicht G“tt mit Freude und Großherzigkeit gedient habet, als Ihr all das Gute hattet“.

Das gleiche Thema finden wir schließlich gegen Ende der Tora (32:15). „Und Jeschurun (das Jüdische Volk) wurde Fett und lehnte sich gegen G“tt auf“. Der Segen des Überflusses ist ein zweiseitiges Schwert. Es besteht immer die Gefahr, dass man die Quelle alles Segens vergisst. Die Tora warnt hier so oft davor, da wir es so oft vergessen.