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EIN NEUER ZUSTAND NACH ROSCH HASCHANA: SELBSTKRITIK

JOM KIPPUR: DAS VIDDUIJ

Nach dem bevorstehenden Schabbat Schuwa ist Jom Kippur. In der vergangenen Woche feierten wir Rosch Haschana. Rosch Haschana ist ein Tag des Urteils, ein Jom HaDin.

Jom Kippur dagegen ist der am meisten am Menschen ausgerichtete Feiertag des Jüdischen Jahres. Der Mensch wird hauptsächlich mit sich selbst konfrontiert, mit seinem Verhalten gegenüber G“tt und gegenüber seinem Mitmenschen, mit seiner Aufgabe in der Gemeinschaft und mit seiner Rolle in der Welt.

An Jom Kippur werden unsere Sünden weggewaschen, besser gesagt, gelöscht. Wir stehen den ganzen Tag fastend, betend und weinend in der Synagoge. Es ist der Tag der inneren Einkehr und der Verzeihung.

Jom Kippur ist im Jüdischen Kalender der Tag, an dem die meisten Konfrontationen, auf sich bezogen, erfolgen. Der Mensch wird vollständig auf sich selber zurückgeleitet. Zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur gibt es große Unterschiede.

An Rosch Haschana krönen wir G“tt zum König der Welt und über die Welt.

An Jom Kippur bekennen wir unsere Sünden und hoffen, durch Tschuwa, durch innere Einkehr, für alle unsere Sünden Vergebung zu erzielen.

An den Bußtagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur bereiten wir uns auf diese Konfrontation zwischen G“tt und Mensch vor. Aber eigentlich hatten wir mit dem Herannahen von Jom Kippur schon viel früher begonnen.

Schon seit Anfang Ellul

Schon seit Anfang Ellul, dem Monat vor Rosch Haschana, versuchen wir, zu G“tt zurück zu kehren. Es sind eigentlich vierzig Tage der inneren Einkehr, an denen wir uns auf Jom Kippur vorbereiten. Das Ego unseres Alltags soll hierfür empfindsam gemacht werden.

Was bedeutet Jom Kippur in diesem Wachstumsvorgang? Jom Kippur lehrt uns durch Introspektion (durch den Blick in unser Innerstes) und durch das Erkennen unserer Fehler, zu wachsen. Nur so können wir mit einer sauberen Tafel einen Neustart wagen und aufs Neue anfangen.

Wir zählen in der Synagoge zehn Mal alle möglichen Sünden auf

An Jom Kippur zählen wir in der Synagoge selbst zehn Mal alle möglichen Sünden auf, an denen sich ein Mensch schuldig machen kann. Das erfolgt gemeinsam und mit lauter Stimme, sodass der, der sich an einer oder an mehreren der genannten Sünden schuldig gemacht hat, damit nicht einsam vor der Gemeinschaft steht. Und es gibt keinen, der bei der ausgiebig erfolgten Aufzählung der Verfehlungen, in keinem Bereich außen vorgelassen wurde.

alphabetisch

Das Vidduij, das Sündenbekenntnis, ist alphabetisch nach dem Hebräischen Alphabet geordnet worden, um es sich besser merken zu können.

Ein Sündengeständnis wirkt befreiend

Ein zu gestehen, dass wir verkehrt gehandelt haben, wirkt befreiend. Ein Sündengeständnis löst uns von der verkehrten Vergangenheit und bereitet uns auf eine bessere Zukunft vor. Das schafft uns die Möglichkeit, mittels Introspektion (in sich hineinsehen) und kritischer Analyse unseres eigenen Handelns, ein besserer Mensch zu werden.

Bestandteile des Sündenbekenntnisses 

Ich gehe nachstehend auf eine mögliche Erklärung unterschiedlicher Bestandteile des Sündenbekenntnisses ein:

Diebstahl kommt regelmäßig vor, in grober aber meistens in (sehr) unterschiedlicher Art. Haben Sie jemals etwas, was nicht Ihnen gehörte, weggenommen, wie z.B. ein Bonbon aus der weit einladenden Schale im Supermarkt? „Wir haben gestohlen“ gilt nicht nur zwischen dem Menschen und dem Mitmenschen, sondern auch in der Beziehung zwischen Mensch und G“tt (wie Malachi (3:8) schon sagte: „Du bestiehlst MICH andauernd“). Wir benachteiligen G“tt sehr oft. Bekannt ist die Aussage aus den Buch Sprüchen (28:24), wo steht: „Er bestiehlt seinen Vater und seine Mutter“. Laut dem Talmud (Berachot 32b) bedeutet der „Vater“ hier HaSchem (G“tt) und mit „Mutter“ wird das Jüdische Volk oder der Mitmensch angedeutet.

Negativ sprechen. Wir haben doppelzüngig gesprochen (wir sagten nicht ehrlich, was wir meinten), wir haben eine lasterhafte Sprache verwendet, dazu Lügen, Betrug, üble Nachrede (was selbst in Charaktermord ausufern kann) oder eine schmutzige Sprache angewendet. Auch diese Awera (Verfehlung) gilt sowohl gegenüber den Mitmenschen, wie gegenüber G“tt. HaSchem spricht durch seinen Propheten Male’achi (3:13): “Ihr habt außerordentlich unangenehm MICH betreffend gesprochen“. Oft sprechen wir abfällig über Angelegenheiten aus der Thora oder wir beachten die Ehre von HaSchem nicht wirklich ernst genug und bezeugen so, dass es nicht die Mühe wert sei, HaSchem wirklich zu dienen. Hierzu gehört auch das Führen von geschäftlichen Gesprächen an Jomtow und an Schabbat, vor allem nicht in der Synagoge!

Pervers handeln und denken. Was richtig und eindeutig gut war, haben wir pervertiert und schlechtgemacht, wir haben verkehrt gehandelt, indem wir andere Menschen zu Verfehlungen oder zu Sünden angestiftet haben. Auch hegten wir unreine Gedanken und sind Dingen nachgegangen, die wir hätten vermeiden sollen. Anschließend haben wir andere in der Öffentlichkeit durch den Schmutz gezogen; an dieser Last trägt das Judentum schwerer, als wir hier gewohnt sind und anscheinend erfolgt das selbst im häuslichen Kreis.

(Ver)spotten und auslachen. Wir haben Menschen oder wichtige und heilige Dinge lächerlich gemacht. Der Prophet Jeschajahu warnt bereits hiervor, da man alles, was gut und geweiht ist, mit einigen wenigen Worten komplett „abbrechen“ kann (28:14). G“tt verträgt und erträgt keine spottenden und hochmütigen Menschen, die andere herunterziehen, indem sie sie lächerlich machen. Laut dem Talmud haben diese leichtsinnigen Spötter keinen Platz im Paradies.

Den G“ttlichen Auftrag negieren. Wir waren aufsässig, gegen HaSchem, G“tt, gegen unsere Eltern und gegen unsere Lehrer. Manche Menschen handeln verkehrt, da sie ihre Herzensangelegenheiten nicht zügeln können, aber wenn Du wissentlich und absichtlich einen Auftrag von G“tt in den Wind schlägst, rebellierst Du gegen den Allmächtigen.

Auflehnend rebellieren. Wir waren widerspenstig, wohl ganz klar sowohl gegen unsere Eltern, wie gegen die Höchste Autorität. Auflehnend und widerspenstig sind fast synonym. Wir haben unsere Herzen vom G“ttesdienst abgewendet.

Feindschaft. Wir nehmen eine feindselige Haltung ein. Das gegenseitige sich nicht vertragen ist das größte Übel, an dem wir in dieser Zeit leiden.

Wenig flexibel oder bescheiden. Wir benahmen und verhalten uns (immer noch) hartnäckig. Bereits Mosche Rabbejnu verwies uns schon frühzeitig in der Jüdischen Geschichte, im Buch Exodus, auf unseren hartnäckigen Charakter: „Schau, es ist ein stures Volk“ (32:10). Was uns auch geschieht, wir sehen da nie die Hand G“ttes drin. Auch selbst wenn wir deutliche Belehrungen bekommen, bleiben wir dabei, dass das Schlechte, das uns ereilt, lediglich ein Zufallstreffer sei. Wir bleiben felsenfest davon überzeugt, dass wir richtig handeln und sind nicht bereit, hiervon ab zu rücken oder zumindest eine oder mehrere Stufen zurück zu schalten.

Sittlicher Verfall. Wir haben verwerfliche Dinge gemacht. Das Wort „Schichejt“ wird schon mal in Verbindung mit Korruption, Götzendienst und Unzucht oder Obszönitäten gebracht. Aber sittlicher Verfall äußert sich auch auf subtile Art, indem anderen Angst eingejagt wird durch immer Böse und aufbrausend zu sein oder anderen nicht behilflich sein zu wollen, indem wir Tzedaka (Wohltätigkeit) verweigern zu leisten.

Bewusst-unbewusste Fehler. Auch eine verkehrte Sichtweise oder ein Fehler kommen irgendwo her. Meistens brodelt es aus dem Unterbewusstsein hoch und das bedeutet, dass wir diese bösen Neigungen nicht zu unserem Bewusstsein zulassen. Aber sie bilden wohl einen Teil unserer Persönlichkeit und Vergehen, die hieraus entstehen, können wir nicht mit dem Etikett „eines verkehrten Zungenschlages“ abtun.

Schlechtes beispielhaftes Benehmen. Wir haben nicht nur gesündigt, sondern auch andere auf einen Irrweg gebracht. Jeder Mensch hat eine freie Wahl. Das bedeutet, dass er sich manchmal oder regelmäßig irren kann, also fehlerhaft entscheiden, und andere hier mit hineinziehen kann. Eine subtile Art hiervon ist ein schlechtes Beispiel bieten. Leider findet ein schlechtes Beispiel auch Nachahmer.

Ich hoffe, dass Sie sich nach Ablauf dieses Ehrfurcht erweckenden und heiligen und zugleich schweren Tages von Ihren Sünden befreit fühlen und im Stande sind, besser damit um zu gehen.

Sicherlich haben Sie dabei ein zufriedenes Gefühl für die Zukunft mitbekommen. Möge Ihnen das Fasten gut bekommen sein; ich wünsche Ihnen schon vorab ein gesundes Anbeißen!

Gemar chatima towa, Schana towa umetuka, hier und in Israel, ein Schana des Schalom und Wohlergehen, für Jeden!