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Freiheit durch Gebundenheit am Höheren selbst in den schwierigen Zeiten des Coronavirus – Parascha Beschalach

Liebe Freunde,

Wir leben in unsicheren Zeiten. Wir fühlen uns unsicher. Ich erhielt einen Brief von einem guten Freund:

„Wir wissen natürlich nicht, was passieren wird, wohin uns diese Situation führen wird. Natürlich hoffen und beten wir, dass es allen besser geht. Dass niemand in eine kritische Situation gerät, dass jeder geheilt wird und dass niemand sonst krank wird.

Trotz der gegenwärtigen Umstände haben wir die Aufgabe, glücklich zu sein. Wir haben die Gelegenheit, uns selbst zu finden. Die Begegnung mit sich selbst ist das, was einen Menschen unter allen Umständen glücklich machen kann.

Wenn es einem Menschen gelingt, eine Verbindung zu seinem inneren Selbst, seinem inneren Teil, herzustellen -im Grunde sich von jedem Problem zu trennen- dann ist dies was ihm seine wirkliche Befreiung ermöglicht.

Wenn es einem Menschen gelingt, die Schechina (Göttliche Gegenwart) in seinem Herzen zu verinnerlichen, dann sucht die Person nicht nach Ablenkung oder einer Art von Flucht. Wenn es der Person gelingt, wirklich ein Innenleben zu führen dann hört die Person auf, sich mit anderen zu vergleichen. Die Person ist nicht durch die Beziehung zu anderen frustriert.

Jede Arbeit an den Midot (Eigenschaften) besteht darin, diesen inneren Frieden, diese Begegnung mit sich selbst zu erreichen. Der erste Schritt beginnt bei sich selbst und der zweite Schritt bei der nahen Familie“.

Sehen Sie diese Zeit vor Pessach auch als Chance?“. Ende des Zitats.

Die Anziehungskraft von Pessach liegt in der Begegnung mit uns selbst und unserem Ursprung

Am Sederabend feiern wir die Mazza, Elend und Freiheit in einem, denn die Mazza ist ‘lechem onni’, Brot des Elends, aber auch ‘lechem scheonim alav dwarim harbé’, Brot, über das wir vieles zu erzählen haben. Mazza ist Elend und Freiheit in einem, Entsagung von allem und gleichzeitig unsere Freiheit. Derjenige, der ohne etwas auskommt, ist am freiesten.

Die Bereitschaft zur Veränderung

Eigentlich sollte die Mazza gegessen werden mit “den Lenden gegürtet, den Schuhen an den Füßen, und dem Stab in der Hand”. Es deutet auf die ständige Bereitschaft vom Menschen hin, seinen Ort oder seine Lage zu ändern. In den Sprüchen der Väter (Pirké Awot) steht geschrieben, dass nur derjenige wirklich frei ist, der sich ohne Unterlass der Tora widmet.

Das Ziel des Auszugs

Was ist das, Tora? Die Tora ist das eigentliche Ziel des Auszugs. Tora im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet ein fortwährendes Nachstellen der Einzig Wahren Wahrheit, und zwar objektiv, ohne Vorurteil und Voreingenommenheit. Am schwierigsten fällt es dem Menschen, sich selbst zu ändern; auch der freie Mensch tut sich ungeheuer schwer, eigene Ideen und Glaubenssätze, Gewohnheiten und Ansichten los zu lassen. Er muss bereit sein, seine früheren Sichtweisen erneut zu bewerten und ständig neue Ausgangspunkte einzunehmen. Und dies gelingt am ehesten, wenn er, buchstäblich, völlig ungebunden ist, sogar von solchen alltäglichsten Dingen wie Brot. “Wenn die Juden nur einen Moment gezögert hätten, aus Ägypten wegzuziehen, wären sie nicht befreit worden”, sagen unsere Weisen.

Die Mazza steht für die Unkompliziertheit, sie gleicht dem Mut, den man aufbringen muss, um sich andauernd zu prüfen. Die Wahrheit ist frei von jeglicher Bindung.

Die Spirale in der Zeit

Der Maharal von Prag sah das Phänomen der Zeit nicht als lange, durchgehende Linie, sondern als eine Spirale, die immer weiter und in die Höhe führt. Jedes Jahr durchleben wir die gleichen Geschehnisse, die jede Generation unseres Volkes vor uns durchgemacht hat. Es ist ein ‘Zurück zu den Wurzeln’ in einer Aufwärtsbewegung. Die Anziehungskraft von Pessach liegt genau dort – in der Begegnung mit uns selbst und unserem Ursprung: Freiheit durch Gebundenheit am Höheren.

Liebe Freunden,

Gemeinsam sind wir stark! Ich wünsche Ihnen Kraft und Stärke. Wir halten durch und bereiten uns auf den Schabbat vor.

Schabbat Schalom. Bleiben Sie gesund!