Hoschana Rabba – die letzte große Bitte und die Lektion der Arava

Hoschana Rabba – die letzte große Bitte und die Lektion der Arava

Hoschana Rabba – die letzte große Bitte und die Lektion der Arava

Am siebten Tag von Sukkot verändert sich die Atmosphäre des Festes. Viele bleiben in der Nacht wach, lesen Sefer Devarim und Tehillim, am Morgen folgen sieben Hakafot – und ausgerechnet die unscheinbare Arava rückt in den Mittelpunkt.
Was macht Hoschana Rabba so besonders?

Sukkot ist Zman Simchateinu – die Zeit unserer Freude.
Wir sitzen in der Sukka, nehmen die Arba Minim und erinnern uns daran, dass Sicherheit nicht allein aus festen Mauern entsteht, sondern letztlich aus dem Vertrauen auf G´tt.

Doch der siebte und letzte Tag von Sukkot besitzt einen eigenen Charakter. Er heißt Hoschana Rabba – הוֹשַׁעְנָא רַבָּה. Der Ruf Hoscha na bedeutet: „Bitte rette uns!“
Hier begegnen sich die Freude von Sukkot und die spirituelle Ernsthaftigkeit der hohen Feiertage.

Der große Ruf um Rettung

Während Sukkot sprechen wir die Hoschanot – Gebete um Rettung und Segen. Ein zentrales Thema ist dabei das Wasser.

Die Mischna lehrt, dass die Welt an Sukkot hinsichtlich des Wassers gerichtet wird. Regen steht dabei für Wachstum und Leben.

Schon zur Zeit des Beit HaMikdasch spielte deshalb der siebte Tag eine besondere Rolle. Während man an den übrigen Tagen einmal um den Mizbeach zog, geschah dies am siebten Tag siebenmal. Bis heute machen wir an Hoschana Rabba sieben Hakafot und wiederholen den bekannten Ruf:

אָנָּא ה׳ הוֹשִׁיעָה נָּא – Ana HaShem, hoschia na
„Bitte, G´tt, rette doch!“

Hoschana Rabba ist damit der Höhepunkt jener Bitten um Rettung, Segen und Leben, die uns durch Sukkot begleiten.

Ein letzter Nachklang der Jamim Noraim

Rosch HaSchana und Jom Kippur liegen bereits hinter uns. Rosch HaSchana ist mit dem göttlichen Gericht verbunden, Jom Kippur mit der Chatima, der Besiegelung.

Doch auch Hoschana Rabba besitzt in der kabbalistischen Tradition eine besondere Stellung. Der Arizal erklärt, dass in dieser Nacht ein weiterer Aspekt des Chotem, des Siegels, vollendet wird. Der Ben Ish Chai beschreibt, dass um Chatzot der äußere Chotem vollendet und die Pitkin – פתקין, die himmlischen Erlasse, übergeben werden.

Das erklärt die besondere Ernsthaftigkeit dieses Tages mitten in Zman Simchateinu. Zugleich liegt darin ein tröstlicher Gedanke: Es besteht selbst jetzt, bis Schemini Azeret, noch Raum für Teschuwa.

Hoschana Rabba erinnert uns:

Noch können wir beten, zurückkehren und etwas verändern.

Der Ben Ish Chai verbindet: Vom Beginn des Rosch Chodesch Elul bis Hoschana Rabba zählt es 51 besondere Tage der Teschuwa und Tefilla. Darauf bezieht er die Buchstaben:
נא – Na = 51

Hoschana Rabba steht damit am Ende eines spirituellen Weges, der durch Elul, Rosch HaSchana, Jom Kippur und Sukkot führt.

Wieso bleiben viele in dieser Nacht wach?

In vielen, besonders sephardischen und kabbalistisch geprägten Gemeinden bleibt man die ganze Nacht wach und lernt Torah.

Für die erste Nachthälfte gibt er eine konkrete Ordnung vor: Sefer Devarim wird vollständig bis zum Ende gelesen.

Dies geschieht vor Chatzot, der halachischen Mitternacht.

Nach Chatzot wird in vielen sephardischen Ordnungen Sefer Tehillim gelesen und besonders um göttliches Erbarmen gebeten.

Eine spirituell kostbare Zeit wollen wir nicht einfach ungenutzt verstreichen lassen!

Es gibt Momente im Leben, deren Wert wir erkennen müssen, solange sie noch da sind.

Und genau dieser Gedanke führt uns am Morgen zur Arava.

Die unscheinbare Arava

Am Morgen von Hoschana Rabba nimmt man ein eigenes Bündel Aravot – Weidenzweige und schlägt es auf den Boden. Die besondere Rolle der Arava am siebten Tag reicht bereits bis in die Zeit des Beit HaMikdasch zurück.

Und trotzdem darf man fragen:

Was haben eigentlich die armen Aravot getan?

Für diesen Minhag gibt es verschiedene halachische, symbolische und kabbalistische Erklärungen.
Rav Ephraim Eliyahu Shapiro bringt dazu einen besonders menschlichen Gedanken.

Für einen schönen Etrog kann man viel Geld ausgeben. Man sucht und schützt ihn sorgfältig; auch Lulav und Hadassim werden mit Aufmerksamkeit ausgewählt.

Und die Arava?

Sie wächst vielerorts direkt in unserer Nähe. Sie ist einfach, unscheinbar und leicht erhältlich.

Vielleicht schenken wir ihr gerade deshalb weniger Aufmerksamkeit.

Denn wir Menschen neigen dazu, das Seltene, Teure und schwer Erreichbare besonders zu schätzen. An das, was jeden Tag direkt neben uns ist, gewöhnen wir uns – und irgendwann halten wir es für selbstverständlich.

Das gilt vor allem für Menschen

Das betrifft vor allem unsere Eltern und Großeltern, Geschwister, Familie und engsten Freunde.

Gerade diejenigen, die zuverlässig für uns da sind, nehmen wir manchmal am wenigsten bewusst wahr – nicht weil sie uns weniger bedeuten, sondern weil wir uns an ihre Nähe gewöhnt haben.

Ein Elternteil, das immer fragt, wie es uns geht, oder ein Freund, auf den wir uns immer verlassen können, wird irgendwann selbstverständlich.

Bis etwas fehlt.

Und plötzlich erkennen wir, wie außergewöhnlich das vermeintlich Gewöhnliche eigentlich war.

Ausgerechnet an Hoschana Rabba bekommt die sonst so unscheinbare Arava ihren eigenen Moment.

Vielleicht erinnert sie uns damit an eine einfache Wahrheit:

Nähe macht etwas nicht weniger wertvoll.

Oft ist gerade das, was uns am nächsten ist, das Kostbarste in unserem Leben.

Die Nacht und die Arava erzählen dieselbe Geschichte

Vielleicht liegt genau hier die Verbindung zwischen der Nacht von Hoschana Rabba und der Arava am Morgen.

In der Nacht lernen wir, eine kostbare Zeit nicht für selbstverständlich zu halten. Wir lesen Devarim, sagen Tehillim, lernen und beten, weil wir diesen besonderen Moment nutzen wollen, solange er da ist.

Am Morgen erinnert uns die Arava daran, auch die Menschen in unserem Leben nicht für selbstverständlich zu halten.

Die Nacht spricht über Zeit.
Die Arava spricht über Menschen.

Doch beide vermitteln dieselbe Botschaft:

Erkenne den Wert dessen, was du hast, solange du es noch hast.

An Hoschana Rabba bitten wir G´tt um Regen, Gesundheit, Parnassa, Schutz, Leben und ein gutes Jahr. Doch vielleicht sollten wir dabei auch wahrnehmen, wie viel von diesem Segen bereits in unserem Leben vorhanden ist.

Vielleicht ist das Wertvollste nicht das Seltene, Teure oder weit Entfernte.

Vielleicht ist es genau das, was die ganze Zeit direkt neben uns war.

Und so bleibt am Ende eine persönliche Frage:

Wen oder was in meinem Leben halte ich für selbstverständlich – obwohl ich eigentlich jeden Tag dafür dankbar sein sollte?

Vielleicht ist Hoschana Rabba der richtige Moment, diese Frage nicht nur zu beantworten, sondern danach zu handeln.

Schabbat Schalom und Chag Sameach!

Oskar Baruch Baraev