Pinchas: „Die Verschiebung der Grundlage der Schöpfung“ – oder der „geläuterte Eiferersucht“ Kains

Pinchas Die Verschiebung der Grundlage der Schöpfung – oder der geläuterte Eiferersucht Kains

Dvar Tora zum Wochenabschnitt Pinchas

1. Im Buch Bemidbar werden in zwei aufeinanderfolgenden Wochenabschnitten zwei Machlokot – Konflikte, die „nicht um des Himmels willen“ geführt werden – beschrieben. Im Abschnitt Korach geschieht dies innerhalb Israels. Mosche und Aharon verteidigen die Ehre des Ewigen, wie bereits in unserem Beitrag zu diesem Abschnitt erläutert wurde, zugleich aber auch ihre eigene, denn gerade sie werden Ziel des Zorns und der Vorwürfe der Aufständischen.

Im Abschnitt Balak sehen wir dagegen den Streit zwischen dem Felsen Israels und den Völkern der Welt. Dort weist der Ewige sie selbst zurück – durch den Mund des erbittertsten Feindes Israels, Bilams, gegen dessen eigenen Willen und gegen seinen brennenden Wunsch, Israel zu verfluchen und ihm zu schaden.

Ein Streit, der von beiden Seiten ausschließlich „um des Himmels willen“ geführt wird – einzig zur Verherrlichung des Ewigen, wie der berühmte Streit zwischen den Schulen, Schule von Schammai und Schule von Hillel (Pirkey Awot 5,17) –, liegt noch in der Zukunft. Doch im Abschnitt Pinchas begegnen wir bereits etwas völlig Neuem und außerordentlich Bedeutendem: Eine Seite – Pinchas – handelt in einem entscheidenden Augenblick ausschließlich „um des Himmels willen“: selbstlos, ohne den geringsten persönlichen Vorteil und trotz großer Gefahr für das eigene Leben.

Seine Tat – die Tötung – ist an sich außerordentlich schwerwiegend. Doch der Ewige bestätigt die Lauterkeit seiner Beweggründe und schenkt ihm eine gewaltige, ewige Belohnung: den Brit Olam, den „ewigen Bund“, den Bund des Friedens.

2. Vielleicht kann man sogar sagen, dass Pinchas die Taten Korachs und seiner Gefährten berichtigt hat.

Denn ebenso wie Korach hatte auch Pinchas allen Grund, sich benachteiligt zu fühlen – vielleicht sogar noch mehr. Worin bestand seine Schuld, dass er das Priestertum nicht zusammen mit seinem Vater erhielt? Nur darin, dass er geboren wurde, bevor seinem Vater die Kehuna verliehen wurde! Seine jüngeren Brüder hingegen würden das Priestertum erhalten, sofern sie erst nach der Einsetzung ihres Vaters geboren würden.

Auch hier begegnen wir erneut dem (noch potenziellen) Drama zwischen älteren und jüngeren Brüdern – ähnlich wie bei Kain, dessen Opfer nicht angenommen wurde, während das seines Bruders Hevel angenommen wurde.

Gerade hier wäre Raum für den heftigsten Neid – jene zerstörerische, verzehrende Kraft. Doch bei Pinchas nimmt diese Eifersucht plötzlich eine völlig andere Richtung.

Pinchas erhielt die Kehuna – den priesterlichen Dienst, der mit der Eigenschaft des Schalom, des Friedens, verbunden ist – zunächst nicht. Und gerade der Engel des Friedens war es, der im bekannten Midrasch gegen die Erschaffung des Menschen Einspruch erhob, als der Schöpfer mit den Engeln beriet (Bereschit Rabba 8,5):

„Der Engel des Friedens sprach: ›Er soll nicht erschaffen werden, denn er wird voller Streit, Zwietracht und Krieg sein.‹“

Und wie oft liegt der Ursprung all dessen gerade im Neid und in der Eifersucht.

Bei Pinchas jedoch geschieht etwas völlig anderes.

Seine Seele wird ganz von einem anderen Eifer erfüllt – vom Eifer für die Ehre des Ewigen.

Anstatt wie Kain zu sagen: „Es gibt weder Gericht noch Richter“ (Targum Jonatan ben Usiel; Jerusalemer Targum zu Bereschit 4,8) und das Blut seines Bruders zu vergießen, ergreift Pinchas den Speer, um die Ehre des Schöpfers zu verteidigen.

Entgegen der gesamten menschlichen Natur.

Und genau das ist eine Verschiebung der Grundlagen der Schöpfung.

3. In der Tora sehen wir mehrfach, wie der Ewige selbst die Grundlagen der Schöpfung verschiebt.

Er öffnet den Mund der Erde, damit sie Korach und seine Gefährten verschlingt.

Er öffnet den Mund der Eselin.

Und danach öffnet Er den Mund Bilams, damit dieser Israel segnet – ein Wunder, das gewiss nicht geringer war als die vorherigen.

Unmittelbar danach vollzieht auch Pinchas seine eigene „Verschiebung der Grundlagen“.

Darauf antwortet der Ewige, indem Er die gewöhnliche Ordnung der Vererbung überschreitet.

Er setzt Pinchas nicht einfach zum Kohen ein.

Er schließt mit ihm einen Brit, einen Bund.

Ein Bund verbindet den Schöpfer mit dem Menschen jenseits aller Naturgesetze und aller gewöhnlichen Ordnungen. Pinchas wird unmittelbar in den Bereich des göttlichen Dienstes aufgenommen – nicht aufgrund seiner Abstammung, sondern weil sein eigener Wille vollkommen mit dem Willen G-ttes verschmolzen ist.

Pinchas tötete den Fürsten des Stammes Schimon. Damit drohte ihm die Blutrache eines mächtigen Stammes. Der Brit Schalom bedeutet deshalb auch die Zusage göttlichen Schutzes. Doch darin erschöpft sich seine Bedeutung nicht. Es steckt noch weit mehr darin.

Die Tat des Pinchas war eine Tötung, ein Blutvergießen. So gerecht sie auch gewesen sein mag – jede Tötung hinterlässt eine Spur in der Seele des Menschen, denn sie gehört zur Eigenschaft der strengen Gerechtigkeit (Gewura / Din). König David durfte gerade deshalb den Tempel nicht errichten, weil er viel Blut vergossen hatte – selbst wenn es in vollkommen gerechten Kriegen geschah.

4. Doch genau das entspricht nicht dem Wesen der Kehuna. Ein Kohen ist ein Mensch der Chessed – der Güte – und des Schalom. Aharon, der Großvater des Pinchas, war berühmt als jemand, der „den Frieden liebte und dem Frieden nachjagte“. Und ein Kohen, der das Volk segnet, soll dies „mit Liebe“ tun. Hände, die Blut vergossen haben, dürfen nach der Halacha (jüdischen Gesetz) den priesterlichen Segen nicht sprechen. Es scheint daher, als hätte Pinchas mit dem Ergreifen des Speeres sich selbst den Weg zum Priestertum endgültig versperrt. Er wurde zum Kämpfer. Zum Eiferer. Aber nicht zum Kohen.

Genau hier liegt das Geheimnis des Brit Schalom. Der Ewige schenkt ihm Seinen Frieden. Dieser Frieden reinigt seine Tat von jeder Spur der Grausamkeit. Der Bund bezeugt, dass Pinchas weder aus Zorn noch aus Grausamkeit noch aus persönlicher Kränkung handelte. Sein Handeln entsprang ausschließlich der reinsten Liebe zu G-tt und zum Volk Israel – denn seine Tat brachte die Seuche zum Stillstand, an der Tausende starben. Der Ewige verwandelt durch Seinen Bund die höchste Gewura (Gericht) in höchsten Chessed (Barmherzigkeit).

Ist dieser Bund selbst eine „Verschiebung der Grundlagen der Schöpfung“? Ohne Zweifel.

Wir erinnerten bereits an den Midrasch über den Engel des Friedens, der gegen die Erschaffung des Menschen war, weil der Mensch Streit und Krieg hervorbringen würde. Pinchas aber benutzte das Werkzeug des Krieges – den Speer und die Tötung –, um der Welt… Schalom zu bringen. Er kehrte das Wesen des Streites selbst um. Er bewies dem Engel des Friedens, dass in der unteren Welt paradoxerweise der absolute Eifer für die Wahrheit Gottes der einzige Weg zum wirklichen Frieden ist.

Und der Ewige antwortet ihm mit einer entsprechenden „Verschiebung der Grundlagen“: mit einem Bund, der selbst eine solche Verschiebung darstellt.

5. Der zerbrochene Buchstabe Waw

Im Torarollen-Text (Bemidbar 25,12) wird im Wort Schalom, wo dieser Bund erwähnt wird, der Buchstabe Waw traditionell gespalten geschrieben. Die Weisen erklären: Ein Frieden, der durch Gewalt erreicht wird, bleibt zunächst gebrochen. Mit menschlichen Kräften ist es unmöglich zu töten und dennoch vollkommenen Frieden zu bewahren. Doch der Ewige nimmt durch Seinen Bund diesen „zerbrochenen“, paradoxen Frieden und macht ihn ewig. Er verbindet das Unverbindliche.

Und daraus erwächst Unsterblichkeit. Pinchas ist der Prophet Elijahu. Durch seine selbstlose Hingabe überschreitet Pinchas die Grenzen der menschlichen Sterblichkeit und wird zum Engel des Bundes (Maleachi 3,1). Er, der ewig lebt, ist bei jeder Brit Mila anwesend. Und nach der Verheißung des Propheten Malachi wird er vor dem Ende der Tage kommen, um „das Herz der Väter den Kindern zuzuwenden“ – also den vollkommenen und endgültigen Schalom in diese Welt zu bringen.

6. Was fehlte der Kehuna also noch, um vollkommen zu sein – zusätzlich zu dem, was Aharon und seine Söhne bereits besaßen, bevor Pinchas in das Priestertum aufgenommen wurde? Es musste bestätigt werden, dass die Kohanim, deren Wesen auf Frieden ausgerichtet ist, niemals um des Friedens willen etwas opfern würden, das nicht geopfert werden darf. Wie weit darf man für den Frieden gehen? Der Ewige selbst erlaubt und gebietet, Seinen Namen auf der Tora-Schriftrolle für Friedenszwecke (siehe Traktat Sota) auszulöschen. Die Kohanim wenden sich während des Priestersegens sogar vom Aron haKodesch ab. Doch eines musste unumstößlich feststehen: Um des Friedens willen dürfen die Kohanim niemals unzulässige Kompromisse eingehen, wenn dadurch die Ehre des Ewigen verletzt würde. Darum führte der Ewige durch Pinchas eine weitere Eigenschaft in die Kehuna ein. Er ließ gleichsam einen neuen Strom in das Priestertum einfließen: den Strom kompromisslosen Eifers. Damit wurde die Friedfertigkeit der Kohanim, die ohne Gegengewicht gefährlich hätte werden können, ins Gleichgewicht gebracht.

Pinchas brachte somit in das geistige Fundament der Kohanim die Eigenschaft der Kanaut – des kompromisslosen Eifers – hinein. Das Bewusstsein, dass es Momente gibt, in denen der „Krieg für den Ewigen“ gerade die Errichtung des wahren Friedens bedeutet. Erst die Verbindung der Friedensliebe Aharons mit dem Eifer des Pinchas verlieh diesem Fundament sein notwendiges Gleichgewicht. Auf der anderen Seite sah der Ewige, dass Elijahu – derselbe Pinchas –, der große Eiferer, die Sünden Israels kaum ertragen konnte. Deshalb befahl Er ihm, bei jeder Brit Mila anwesend zu sein. Dort soll er von Aharon lernen: zu sehen, wie das jüdische Volk trotz aller Schwierigkeiten dem Ewigen treu bleibt und diese grundlegende Mizwa (Gebot) unter allen Umständen erfüllt. Und bis heute weiß jeder, der als Kohen geboren wird: Seine Friedensliebe besitzt ihren wahren Wert nur deshalb, weil in seinem Inneren auch der kompromisslose Pinchas lebt – bereit, sich jederzeit für den Namen des Ewigen aufzuopfern.

 

Quelle: imrey.org (aus dem Russischen übersetzt)

Autor: Rav Pinchas Perlov