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SODOM, JUDENTUM UND DIE TODESSTRAFE

Die Thora widmet dem schlechten Verhalten der Menschen aus Sodom viel Aufmerksamkeit. Avraham hält eine flammende Fürsprache, um die Stadt und ihr Umfeld zu erhalten. Letztendlich gelingt das nicht. G“tt vernichtet Sodom und Gomorra total.

Dieses lässt die Frage nach der Todesstrafe höchst aktuell werden. Die Welt hat sehr unterschiedlich auf die Todesstrafe reagiert, die Saddam Hussein auferlegt wurde. Die Vereinten Nationen waren dafür, die Europäische Union gegen ihre Vollstreckung.

Kompromisslosigkeit

Jeder erinnert sich noch an die Kompromisslosigkeit, mit der zum Beispiel die Regierung von Singapur alle Bittschriften, das Leben eines wegen Drogenhandels beschuldigten Mannes zu schonen, unberührt ließen.

Informelle Gespräche, diplomatische Schriftsätze, Briefe von Menschenrechtsorganisationen und ein Appell der Niederländischen Königin konnten die Offiziellen des Asiatischen Stadtstaates nicht erweichen.

Wie steht das Judentum zur Todesstrafe?

Die Todesstrafe bleibt ein Drama. Dürfen wir über Tod oder Leben eines Anderen entscheiden und ihn oder ihr dann das Leben nehmen?

*Ein Mörder erhielt die Todesstrafe. Vor nicht allzu langer Zeit lasen wir: „Wer das Blut von Menschen vergießt, soll auch sein Blut durch Menschen vergossen werden. Denn G“tt hat den Menschen nach SEINEM Ebenbild geschaffen“ (Genesis 9:6). Hier scheint die Todesstrafe  eine zwingende Notwendigkeit zu sein.

Jemand, der das Leben einem Anderen kaltblütig nimmt, verliert selber das Recht, weiter zu leben. Befürworter der Todesstrafe argumentieren, dass die Achtung vor dem menschlichen Leben mit sich bringt, dass der Mensch nicht ungestraft getötet werden darf. Jedoch werden in der Thora nicht alle Fälle von Totschlag mit der Todesstrafe beschieden.

Kain, David und Achab wurden wohl bestraft, aber nicht mit der Todesstrafe. Im Jahr tausendachthundertundsiebzig wurde die Todesstrafe in den Niederlanden abgeschafft. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Todesstrafe jedoch wieder eingeführt.

Seit 30 ndZ keine Todesstrafe mehr

Der Sanhedrin zu Jerusalem hatte  bereits vierzig Jahre vor der Zerstörung des (zweiten) Tempels im Jahr dreißig nach der Zeitrechnung, also vor tausendneunhunderteinundneunzig Jahre, mit der Durchführung der Todesstrafe aufgehört.

Sehr zurückhaltend 

*Im Talmud wird mit der Todesstrafe sehr zurückhaltend umgegangen. So wird das Gesetz des „widerspenstigen Sohnes“ vier Seiten lang im Talmud besprochen (B.T. Sanhedrin 68b-72a), aber danach wurde entschieden, dass der Fall des „widerspenstigen Sohnes“ nie eingetreten sei und auch nie eintreten würde.  Dieses Gesetz wurde nur zu Studienzwecken, aber nicht für die Praxis erlassen. Rabbi Jonatan jedoch protestiert und besagt: „Ich habe einen widerspenstigen Sohn gesehen und auf seinem Grab gesessen“.

In B.T. Sanhedrin 51b wird das Studium der Todesstrafen mit dem Studium der Opfer verglichen, die auch nicht mehr Gang und Gebe sind.

nie ein Todesurteil kontraproduktiv

In der Mischna Makkot (1:10) wird vermerkt, dass ein Sanhedrin, der jemand EIN Mal in sieben Jahren zum Tode verurteilt, als eine Schlachtbank betrachtet wird. Rabbi Elasar ben Asarja meint, dass selbst EIN Mal in 70 Jahren schon viel zu viel sei. Rabbi Tarfon und Rabbi Akiva schreiben, dass, hätten sie im Sanhedrin gesessen, nie ein Todesurteil erfolgt wäre. Aber Rabbi Schimon ben Gamli’ejl behauptet, dass dieses kontraproduktiv gewirkt hätte: „Mit so einer Einstellung würde es unter den Menschen in Israel viele Mörder gegeben haben“.  

Bedrohung für die Gemeinschaft

*Die Todesstrafe wurde jedoch gegen lebensgefährliche Kriminelle, manchmal selbst bis ins Mittelalter, noch ausgesprochen. Wo die Jüdischen Gerichte mit diesen juristischen Befugnissen betraut waren, wie in Spanien unter der Herrschaft der Muslime, wurden manchmal Todesurteile vollstreckt, wenn bestimmte Individuen eine Bedrohung für die Gemeinschaft bedeuteten.

Nur Selbstverteidigung 

In der Responsa (Kapitel 138) von Maharam Lublin (1558-1616, Polen) steht beschrieben, dass diese Jüdischen Gerichte lieber nicht eine der vier Biblischen Todesstrafen anordneten, um nicht den Anschein zu erwecken, sie würden sich Sanhedriale Befugnisse anmaßen. Es war nur Selbstverteidigung.

Als sie erste Angelegenheit wegen Mordes im Staate Israel verhandelt wurde, telegrafierten beide Israelische Oberrabbiner dem Justizminister, die Todesstrafe sofort ab zu schaffen. Ein Todesurteil betrachteten sie als Widerspruch zum Jüdischen Gesetz unter den heutigen Umständen.

Eichmann wurde jedoch wegen Genozid zum Tode verurteilt. Manchmal kann man nicht anders handeln.

Diskussionsfragen:

1. Warum gibt es heute keine Todesstrafe mehr? Eine tiefgründige philosophische Antwort über den Unterschied zwischen unserer spirituellen Kraft jetzt und in der Vergangenheit. Vergleich mit Opfern. Das ursprüngliche Judentum greift in die Materie ein. Das können wir heute nicht mehr tun.

2. Philosophische Antwort auf die Frage, warum G’tt überhaupt eine materielle Welt mit all den damit verbundenen Risiken geschaffen hat. Schärfe der Risiken.

3. Der freie Wille. Die Verwendung und der Missbrauch des freien Willens ist das Wesen dieser Welt. Philosophische Gründe.

4. Wann gibt es Willensfreiheit bei Verbrechen? Rechtsdiskurs.

5. Strafrechtliche Theorien. Hat das Strafrecht die beabsichtigte Wirkung? Ist die Todesstrafe ein Abschreckungsmittel oder zieht sie Selbstmörder an?

 6. Ist die Abschaffung der Todesstrafe ein Zeichen der Progressivität oder ein Zeichen der Ohnmacht und Schwächung der jüdischen oder biblischen Identität?

7. Sollten wir als Juden für die Wiedereinführung der Todesstrafe eintreten?