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Warum wurden am Berg Sinai nur 10 Gebote gegeben?

Der Autor ist Yehuda Schurpin

Frage:

Sehr geehrter Rabbiner!

Wenn wir wissen, dass das jüdische Volk insgesamt 613 Gebote hat, warum wurden dann nur zehn von ihnen am Sinai gegeben und wie unterscheiden sie sich von den anderen 603?

Antwort:

Um zu verstehen, warum diese besonderen Gebote G-ttes aus dem Rest herausgehoben sind, müssen wir uns zuerst mit einem sehr populären Missverständnis beschäftigen.

Obwohl ihre Bezeichnung in vielen Sprachen der Welt gewöhnlich mit “Zehn Gebote” übersetzt wird, klingt sie im Hebräischen wie “aseret ha-Dibrot“, wörtlich “zehn Sprüche”. Vielleicht ist also das griechische Wort “Dekalog“, das “zehn Sprüche” bedeutet, am treffendsten für die Definition des Themas und des Kerns unserer Diskussion.

Und das ist nicht nur Semantik.

Am Berg Sinai empfingen die Juden, entgegen der landläufigen Meinung, die Tora in ihrer Gesamtheit, einschließlich aller 613 Gebote, nicht nur die ausgewählten zehn. Der Midrasch (siehe 1. unten) und klassische Tora-Kommentatoren vertreten die Ansicht, dass die Zehn Gebote vom Sinai eigentlich eine Art von Verallgemeinerungen sind, und erklären, wie jedes der 613 Gebote in einem der Zehn Sprüche enthalten sein kann. (siehe 2. unten)

Außerdem wird, wie der Midrasch hervorhebt, “aseret ha-Dibrot” mit 620 Buchstaben geschrieben. Dies entspricht nach unterschiedlichen Meinungen den 613 Geboten plus den sieben Tagen der Schöpfung (siehe 3. unten), den sieben Gesetzen der Nachkommen Noahs (siehe 4. unten) oder den sieben Geboten, die von den Weisen aufgestellt wurden (siehe 5. unten).

Selbst wenn wir sie auf einer grundlegenderen Ebene betrachten, enthalten die Zehn Sprüche mehr als zehn spezifische Gebote. Zum Beispiel beinhaltet der zweite Spruch laut Maimonides eigentlich vier separate Gebote: (1) an keine andere Gottheit zu glauben; (2) keine eingravierten Bilder mit dem Aussehen von Gottheiten zu schaffen; (3) keine Götzen anzubeten; und (4) einem Götzen nicht in der Art zu dienen, wie es in Bezug auf ihn üblich ist.

Die Tora selbst bezeichnet sie an vielen Stellen ausdrücklich als “zehn Sprüche” (siehe 6. unten). Was also ist die Bedeutung dieser besonderen Sprüche, die am Berg Sinai gesprochen wurden?

Zehnerbund

In Bezug auf die Zehn Gebote nennt die Tora sie Worte des Bundes: “…und Gott schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die Zehn Gebote.” (siehe 7. unten) Die Tafeln wiederum werden “Schnei Luchot ha-Brit” genannt – “Die zwei Tafeln des Bundes”. Es scheint, dass diese Zehn Gebote als Beweis für den Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk impliziert sind.

Der Midrasch erklärt, dass die Zehn Gebote den zehn Sprüchen entsprechen, mit denen G-tt die Welt erschuf (z.B. “Es werde Licht”), sowie den zehn Sefirot (göttliche Attribute oder Emanationen), die bereits die Quelle der zehn Fähigkeiten (Kräfte) der Seele sind, die ihnen entsprechen. (siehe 8. unten)

Ohne darauf einzugehen, erklärt der Midrasch (siehe 9. unten), dass die Zehn Gebote mit vielen anderen Punkten in der Tora in Verbindung stehen, die ebenfalls durch die Zahl Zehn manifestiert werden: zehn Generationen von Adam bis Noah, zehn Generationen von Noahs Sohn Schem bis Awraham, zehn Prüfungen, die G-tt unserem ersten Vorfahren schickte, zehn Segnungen, die unsere Vorfahren erhielten, zehn ägyptische Hinrichtungen, zehn Vorhänge des Tabernakels und viele andere.

Die Zahl Zehn steht für Ganzheit und Vollständigkeit, und so entpuppen sich all diese Ideen in der Tat als eng verwandt und spiegeln ein gemeinsames Ziel wider.

Der Zweck der Schöpfung

Der Zohar sagt, dass “Gott in die Tora schaute, als Er die Welt erschuf.” (siehe 10. unten) Mit anderen Worten, die Tora ist der Bauplan, nach dem unsere gesamte Welt erschaffen wurde. (siehe 11. unten)

Jüdische Mystiker erklären, dass der Zweck der Schöpfung in Gottes Wunsch bestand, dass die Menschen hier unten in der materialistischen und physischen Welt ein Haus für Ihn schaffen. (siehe 12. unten)

Unser Ziel ist es also, uns selbst und die Welt um uns herum zu reinigen, indem wir die physische Materie nutzen, um Gott zu dienen und dadurch das Weltliche zu erheben und es in etwas Heiliges zu verwandeln.

Deshalb wird die Zahl Zehn mit der Tora in Verbindung gebracht, ebenso wie mit der Erschaffung der Welt und den zehn Eigenschaften des Schöpfers. Nur durch das Befolgen der Gebote der Tora können wir das Ziel der Schöpfung erreichen. (siehe 13. unten)

Fußnoten:

1) Siehe z.B. Midrasch Bemidbar Raba, 13:15.

2) Siehe zum Beispiel Sidur von Rabbi Saadia Gaons, Anweisungen; Raschi, Schmot, 24:12; Rabbi Abraham ben ha-Rambam, Schmot, 20:14; Ibn Esra, Schmot, 20:2; Abarbanel, Schmot, 20.

3) Siehe Midrasch Bemidbar Raba, 13:15.

4) Baal ha-Turim, Schmot, 20:17.

5) Schla ha-Kadosh, Schaar ha-Otiyot, Von Beth.

6) Siehe Schmot 34:28, Dewarim 4:13, 10:4.

7) Schmot, 34:28. Siehe auch Dewarim, 4:13.

8) Midrasch Bemidbar Raba, Naso, 14.

9) Siehe Midrasch, ebd.; Midrasch Tadsche, 10.

10) Zohar, 2:161a. Siehe auch Yalkut Schimoni, Mischlei, 942.

11) Midrasch Tanhuma, Bereschit, 1.

12) Midrasch Tanhuma, Naso, 16.

13) Siehe. Torat Menachem, Maamarei Melukat, Bd. 2, S. 67.