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DAS EIGENINTERESSE BEHERRSCHT DIE WELTBÜHNE – Parascha Mikez

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Parascha Mikez (Bereschit/Genesis 41:1 – 44:17)

„Damals sprach der Obermundschenk zu Pharao: „Nun war da ein Hebräischer junger Mann bei uns, ein Sklave des Obersten der Leibwache“

(Gen. 41:9).

Josejf, der Sohn von Ja’akov, saß zwölf Jahre im Gefängnis, fälschlicherweise wegen begangenem Ehebruch mit Suleika, der Frau von Potifar, beschuldigt. Er deutet dort den Traum des Obermundschenk. Der Obermundschenk wird wieder am Hof des Pharaos angestellt, aber er vergisst Josejf unmittelbar. Erst wenn die Not an der Tagesordnung ist, berichtet er dem Pharao über die großen Qualitäten Josejfs.

Pharao befallen unerklärbare Träume. Nachdem alle Bildschriftkundigen und Traumdeuter nach einander keine Lösungen erbrachten, erschien Josejf als Traumdeuter, aber nicht ganz ohne beschädigte Bekleidung. Mit dem Obermundschenk als Beispiel, vermerkt schon Raschi, dass „schlechte Menschen verflucht sind, da selbst das Gute, das sie tun, mit schlechten Absichten durchzogen ist“.

Der Obermundschenk kündigt Josejf auf eine sehr negative Weise an. Aus seinen Worten scheint hervor zu gehen, dass er nichts Gutes über ihn sagen möchte, aber durch die Umstände hierzu gezwungen wird.

Welche Umstände waren es? Der Mundschenk sah, dass Pharao durch seine unerklärbaren Träume fast durch drehte. Er begriff, dass er seine Position als Obermundschenk bei einem künftigen Pharao eventuell verlieren könnte. Es war also pures Eigeninteresse, dass der Obermundschenk letztendlich Josejf doch dem Pharao vor stellte.

Er beschrieb Josejf (dreißig Jahre alt) als „einen jungen Mann“, womit er sagen wollte, dass er Josejf als „einen Grünschnabel“ betrachtete, der nicht für eine höhere Position am Hof in Frage käme.

Mit „Hebräisch“ gab er zur Kenntnis, dass Josejf nicht Ägyptisch sprach und bereits deswegen keine wichtige Funktion würde erhalten können.

Er gab weiterhin bekannt, dass er (Josejf) ein Sklave sei. Im Ägyptischen Staatsapparat war für Sklaven kein Platz. Nur freie Menschen hatten Bürgerrechte. Aber der Mundschenk berichtet über noch mehr Tatsachen, die nie als einen positiven Beitrag gedacht waren.

Der Obermundschenk berichtet auch, dass Josejf ein Sklave von Potifar sei, dem Obersten der Leibwache. Dieses scheint für den Pharao wenig informativ zu sein.

Rabbi M.Z. Neriel erklärt, dass der Oberste der Mundscheker, indem er die Nennung von Potifar beim Pharao machte, den Skandal in Erinnerung rufen wollte, den Josejf – fälschlicherweise beschuldigt – mit Potifars Frau ausgelöst hatte. Dieses Getratsche hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet gehabt. In der Ägyptischen Öffentlichkeit und privat war das Thema „Josejf und Suleika“ in allen möglichen Farben und Fantasien besprochen worden. Der Obermundschenk wollte Pharao mit diesem Hinweis daran erinnern, dass eine Benennung von Josejf, den Hof in ein Misskredit bringen könnte.

Der Mensch denkt, aber G“tt lenkt. Pharaos Bedienstete wollten Josejf tatsächlich schnell aus dem Gefängnis holen, um diese störende Geschichte eines Starrköpfigen, der alles besser wüsste, so schnell wie möglich zu einem „guten Ende“ zu bringen. „Sie ließen ihn aus dem Gefängnis rennen“ (Gen. 41:14). Aber Josejf ließ die Übereilung nicht zu. Josejf ergriff selbst die Initiative, sich zu rasieren und sich schön an zu ziehen, bevor beim Pharao zu erscheinen.

Die Leitung des Hofes sah lieber einen schlecht daher kommenden Hebräer, als eine geborene Leitungspersönlichkeit, die gut gekleidet erschien. Aber Josejf erinnerte sich an seine Träume. Er würde königlich vor Pharao erscheinen. Und das machte auf den ägyptischen Sonnenkönig Eindruck. Der Pharao war von Josejfs majestätischer Erscheinung tief beeindruckt. Er war fest entschlossen, diesen „Traumkönig“ als Vize-König an zu stellen.

Pharao wollte auch all dieser vagen Tratscherei über die amouröse Vergangenheit von Josejf schnell ein Ende bereiten. Pharao verheiratete Osnat, die Tochter von Potifar und Suleika, mit Josejf. Mit dieser Eheschließung zeigte Pharao jedem ganz klar, dass die anzüglichen Andeutingen von Potifars Frau Erfindungen waren – denn wer lässt schon ihre Tochter einen Mann heiraten, der sie selbst versucht hatte, zu vergewaltigen? Osnat hatte übrigens Potifar schon selber erzählt, dass Suleika ein Jahr lang versucht hatte, Josejf zu verführen und dass nicht er, sondern sie den Ehebruch versucht hatte.   

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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