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DÜRFEN WIR DIE DNA VON EMBRYONEN VERÄNDERN?

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Kürzlich wurden Emmanuelle Charpentier aus Frankreich und Jennifer Doudna aus Amerika mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Sie hatten die sogenannte CRISPR-Cas9-Technik entwickelt. Diese Technik wurde als “genetische Schere” bezeichnet, weil sie das Genom schneiden und so beispielsweise Erbkrankheiten heilen kann.

In letzter Zeit erhalte ich viele Fragen aus der Gemeinde zu medizinischen Problemen und Techniken der Genveränderungen (wie z.B. CRISPR-Cas) Diese ermöglichen es, die DNA von Embryonen zu verändern. Dies wirft viele ethische, philosophische und religiöse Fragen auf. Wie sieht das Judentum dies?

Die Thora verpflichtet uns, zu heilen. Unter Heilung verstehen wir auch präventive Heilung. Ich spreche von der genetischen Bearbeitung der DNA eines Embryos, wenn ein Embryo erblich mit einer Krankheit vorbelastet ist. Im Judentum ist ein langes Leben, in guter Gesundheit, äußerst wichtig.

Also: Wenn Genmanipulation sicher durchgeführt werden kann, dann soll es auch durchgeführt werden. Und wenn es um Ihre eigene Gesundheit oder die Gesundheit anderer geht, lautet meine These: Dann müssen Sie es tun! Es wird zu einer Mitzwa (Gebot) der Heilung. Was kann man Schöneres tun, als jemandem seine Gesundheit zurückzugeben? 

Die Gentherapie kann als eine Form der Mikrochirurgie betrachtet werden. Es ist sicherlich ein Teil der Verpflichtung zur Heilung. Aber wenn genetische Manipulation zur Beeinflussung von Eigenschaften wie Körpergröße oder Augenfarbe eingesetzt wird, wäre das im Judentum nicht erlaubt. Um zu heilen, ist jedoch vieles erlaubt.

Ich besuchte viele medizinisch-ethische Kongresse, auf denen Ärzte und Rabbiner zusammenkommen, um diese Art von Fragen zu beantworten. Ich zähle einige der vielen Fragen und Antworten auf, die ich im Laufe der Zeit formuliert habe.

Ist der jüdische Glaube offen für neue Techniken zur Veränderung von Genen?

Hier stellen sich zwei Fragen: Steht eine neue Methode nicht im Widerspruch zu einem Verbot aus der Thora?

Das zweite, was im Judentum zählt, ist die Frage: Ist es gut für den Menschen? Mit anderen Worten, lebt ein Mensch länger und lebt er durch die Behandlung gesünder? Können Sie jemanden heilen, mit einem so geringen Risiko wie möglich? Wenn eine Technik gut funktioniert, sind Sie verpflichtet, sie auszuprobieren. Es sei denn, eine Technik steht im Widerspruch zu den Vorschriften der Thora. Jede neue Behandlungsmethode muss gegen die konkreten biblischen Ge- und Verbote, wie die Abtreibung, geprüft und getestet werden. 

Wie steht das Judentum zu der Veränderung der DNA von Embryonen, um Krankheiten zu verhindern?

Das Judentum verfolgt die moderne, medizinische Wissenschaft. Es geht darum, wie viele Risiken die Technik in sich birgt und wie sich die Balance zwischen den Vor- und Nachteilen hält. Wenn das Risiko zu groß ist, sollten Sie es nicht tun.

Aber es gilt nicht nur, was das jüdische Gesetz sagt, es hängt natürlich auch davon ab, was der Patient will. Wenn ein experimentelles Medikament für jemanden der letzte Ausweg ist, ist die Behandlung erlaubt (unter bestimmten Bedingungen). Genau wie bei einer riskanten Operation: Wenn sie scheitert, sind Sie tot, aber wenn sie gut verläuft, leben Sie noch weitere 20 Jahre.

Aber wenn Eltern sich entscheiden, die DNA ihres zukünftigen Kindes zu verändern, treffen sie auch eine Entscheidung für die weiteren Nachkommen.

Die präventive Heilung ist auch eine Art und Weise der Heilung. Wenn es bei dieser Wahl also darum geht, das Leben oder die Lebensqualität zu erhalten, dann ist es erlaubt, Entscheidungen für Ihre Nachkommen zu treffen. Es ist nicht nur erlaubt. Sie müssen die beste Entscheidung für Ihre Nachkommen treffen. Es ist eine Mitzvah.

Wie können Eltern also mit der Entscheidung umgehen, ob sie die DNA eines Embryos verändern wollen?

Man muss sich ab diesem Moment schon mit der medizinischen Wissenschaft befassen. Das ist es, woran Sie sich orientieren müssen. Es geht darum, Leben zu erhalten: Erhöhen Sie also die Überlebenschancen Ihres Kindes oder nicht? Es geht um diese Chance. Jede Operation, Behandlung oder Medikation hat Nebenwirkungen. Es gilt allzeit eine Überlegung: Wo liegt der Vorteil und wo liegt der Nachteil?

Und wie steht das Judentum dazu, die DNA eines Embryos zu verändern, um die Gesundheit des Kindes zu verbessern?

Es besteht ein Unterschied zwischen Heilung des Embryos und vorbestellter Veränderung, Verbesserung des Embryos. Wenn eine Eigenschaft eine Überlebensfunktion innehat, kann und sollte sie aus jüdischer Sicht verändert werden. Aber wenn es keine Überlebensfunktion hat, ist es ganz bestimmt nicht in Ordnung. Wenn man bestellt, dass die Gene des Kind so verändert werden, das es sechs Fingern hat, damit es ein Klaviervirtuose wird, finde ich das äußerst unerwünscht.

Man sollte auch die Gentechnik nicht missbrauchen. Sie können zum Beispiel nicht das Gewissen eines Kindes entfernen, damit Sie einen menschlichen Roboter schaffen, der skrupellos töten kann. Ich denke, daran gibt es keinen Zweifel.

Unter aschkenasischen Juden sind eine Reihe von Krankheiten weit verbreitet, zum Beispiel Mukoviszidose und das Tay-Sachs-Syndrom. Jungen Paaren wird empfohlen, vor der Eheschließung die genetische Übereinstimmung zu prüfen. Wie geht es damit voran?

Es ist sehr wichtig, Kinder zu bekommen. Es geht um die Fortsetzung des Lebens. Paare können vor der Eheschließung einen Bluttest auf eine Reihe von Krankheiten durchführen lassen. Jeder bekommt eine Nummer, und ein Computer gibt die Information aus: Sie passen gut zusammen oder nicht. Die Paare können dann frei entscheiden, ob sie einander heiraten wollen oder nicht. DNA-Tests werden völlig anonym durchgeführt, und es wird nicht gesagt, was der Grund dafür ist, wenn eine Übereinstimmung nicht positiv ist. Andernfalls wäre die ganze Familie stigmatisiert.

Um mehr über die Sicherheit der Techniken der Genveränderungen zu erfahren, ist es notwendig, menschliche Embryonen zu erforschen. Was hält das Judentum davon? 

Dieses hat aufgrund der Schoa (Holocaust) einen negativen Beigeschmack. Aber – unter Beachtung des Wenn und Aber – ist vieles erlaubt, um Krankheiten vorzubeugen und zu heilen. Embryonen z.B. dürfen nicht speziell für die wissenschaftliche Forschung erzeugt werden. Aber wenn sie einmal in der Welt sind, wenn sie von einer IVF-Behandlung übrigbleiben, ist mehr erlaubt. Diese Embryonen befinden sich noch nicht in der Gebärmutter und haben noch keine menschliche Form. Nach dem jüdischen Gesetz beginnt der Schutz erst im Mutterleib.

Wie steht das Judentum im Allgemeinen neue Technologien?

Wir veranstalten viele Schiurim, Unterrichtsstunden und gemeinsames Lernen: Wir studieren gemeinsam mit jungen und alten Menschen. Wir stellen uns gegenseitig die Frage: Ist diese Form der Intervention gut für die Menschen? Welche Ziele sollten wir ablehnen? Werden wir auf G`ttes Thron sitzen? Können wir bei den Menschen intervenieren, die noch nicht in der Lage sind, eine fundierte Meinung zu formulieren?

Und werden wir mit Embryo- und DNA-Modifikationen nicht auf G`ttes Thron sitzen?

“Wir glauben, dass G`tt selbst seinen Thron verließ und den Menschen im Buch Exodus anwies, sich heilend einzuschalten. G`tt will, dass die Menschen sich gut entwickeln. Also tun wir das. Und es ist uns erlaubt, die Natur und die moderne Technologie für gute Zwecke zu nutzen. G`tt will den menschlichen Fortschritt. G`tt ist nicht unser Feind, der befürchten müsste, dass die Menschen ihn übertreffen könnten. Dies ist anders als in der griechischen Mythologie, in der Prometheus den Göttern das Feuer stiehlt. Diese griechischen Götter befürchteten dann, dass die Menschen mächtiger werden könnten als sie. So erlitt Prometheus für seine Tat schwere Strafe.

Aber G´tt will, dass die Menschheit vorankommt. Er gab dem ersten Menschen Adam das Element Feuer und lehrte ihn, damit umzugehen. Dasselbe gilt für medizinisches Wissen. G`tt befiehlt uns, dies zu nutzen, um zu heilen und zu helfen. Mens sana in corpore sano…ein gesunder Mensch in einem gesunden Körper kann G`tt besser dienen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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