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Aufstehen – Steh auf wie ein Löwe, um dem Schöpfer zu dienen

Aufstehen - Steh auf wie ein Löwe, um dem Schöpfer zu dienen
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AUFSTEHEN

Jeder Tag ist ein neuer Tag. Nicht die Vergangenheit zählt, sondern die Art und Weise, wie Menschen in die Zukunft blicken. Natürlich sind wir leider Sünder. Jeder auf seinem Niveau. Was einem gewöhnlichen Menschen kaum vorzuwerfen ist, kann für einen großen Gelehrten eine große Übertretung sein. Wer ist wirklich heilig? Teschuwa – Umkehr – muss jeder tun. Wenn das jüdische Volk ein völlig heiliges Volk wäre, hätte Hakadosh Baruch Hu nicht Rosch Hashana und Yom Kippur anordnen müssen. Wenn jeder Tag der Anfang vom Rest deines Lebens ist, dann hat jeder Tag seinen eigenen Anfang. Es ist dieser Anfang, der die Richtung für den Rest des Tages bestimmt. Aus religiöser Sicht wird der Mensch jeden Tag als neuer Mensch geboren. Es ist nicht verwunderlich, dass der Schulchan Aruch, und damit auch der Kizzur Schulchan Aruch damit beginnt.

Vollkommen

Eine Reihe von Konzepten sind hier wichtig. Erstens der geistige Auftrag des Judentums. Unser Erzvater Avraham Avinu war der erste, der den Auftrag „Wajehi tamim“: „Seie vollständig“ erhielt. Rabbi Samson Raphael Hirsch erklärt, dass Avraham beauftragt wurde, nach Vollständigkeit – gegen alle äußeren Einflüsse – zu streben. Das Adjektiv’ tamim’ steht im Gegensatz zu dem Begriff’ „schlecht – ra-a’“, was eigentlich „gebrochen“ bedeutet. Wir müssen jetzt begreifen, dass der Auftrag „vollstänig zu sein“ in Verbindung mit dem Beginn eines neuen Tages steht. Bevor wir dazu kommen, müssen wir in ein neues Konzept blicken.

Schatten

Fast jeder kennt den Pasuk: “Und G’tt schuf den Menschen in seinem Bilde” (Genesis 1,27). Wir können viel von der hebräischen Terminologie lernen. Der G’ttesname aus diesem Abschnitt ist “Elokim”. Dieser G’ttesname steht für G’tt als Schöpfer. Er ist abgeleitet von dem Begriff El, was Kraft oder Stärke bedeutet. In dem Pasuk steht: Der Mensch ist erschaffen „b’tselem Elokim’. ‘Tsel’ ist das hebräische Wort für ‘Schatten’. Ein Schatten ist die Reflektion eines beleuchteten Objekts. Im Dunkeln gibt es keine Schatten. Der Mensch wird so als schwaches Spiegelbild des Schöpfers erschaffen. Das bedeutet, dass sich der Mensch auf der Suche nach der Wahrheit ‘dem Licht’ zuwenden muss. Dann sieht er, dass er den Auftrag hat, Mensch zu sein. Um dies zu erreichen, erhält der Mensch eine Menge Energie. Diese positive, schöpferische Kraft ist das’ Ebenbild G’ttes’.

Jetzt haben wir zu viel gesagt: Es scheint keine Einschränkungen mehr zu geben. Hier finden wir Unterstützung im Schulchan Aruch, dem Kodex der Gesetze und Verordnungen. Die jüdische Tradition will, dass ein Mensch “Haschem immer vor Augen” behält. Natürlich in der Synagoge und im Kontakt mit anderen, aber auch, wenn man allein zu Hause ist, auch wenn man im Bett liegt. Der Mensch muss “sich als Löwe stark machen und sofort, nachdem er aus seinem Schlaf erwacht ist und Mode Ani gesagt hat,, mit Eifer aufstehen, um dem Schöpfer zu dienen, bevor die schlechte Neigung die Macht über ihn übernimmt”, weist uns der Kizzur Schulchan Aruch auf das Problem des Menschseins hin. Das Sein, wer wir sind, bedeutet, mit dem beschäftigt zu sein, zu was wir werden müssen: zu gerechten, G’ttesfürchtigen Menschen. Nur wenn wir das wirklich wollen, können wir das erreichen und uns mit all den anderen Problemen auseinandersetzen, die das Leben für uns bereithält. Wir wissen, dass sich das Leben ständig verändert, und wir akzeptieren, dass das Leben kein Projekt ist, wie andere Projekte in unserem Leben, die wir abschließen, damit wir vorankommen können. Es ist ein fortdauerndes Projekt, wir sollen nicht der Illusion erliegen, es jemals abschließen zu können. Nur vielleicht zwischen den Monaten Elul und Tishrei, wenn wir innehalten und unser Leben im Voraus von uns geben, wie jede Nacht.

Vorbereitung

Dieser zukunftsorientierte Ansatz macht das Leben zu einer kontinuierlichen Vorbereitung. Auf dieser Reise sind wir dem jüdischen Weg, also auch der Rechtssprechung, der Halacha, verpflichtet. Die Halacha gibt uns die Möglichkeit, ein in hohem Maße spiritueller Mensch zu sein. Es ist diese spirituelle Qualität, die die Lebensqualität bestimmt. Dass wir nicht auf den Tode zueilen, sondern uns ständig innehalten und uns bedanken. Das fängt mit dem Aufwachen an. Aufwachen ist der Prozess des Übergangs vom Zustand des Unbewussten zum Bewusstsein. In der Dunkelheit des Schlafes orientieren wir uns nicht an irgendetwas, im Leben sind wir uns über das Ziel bewusst. Das bedeutet, dass wir uns an dem Leben im Leben orientieren. Wer im Leben nur auf Geld ausgerichtet ist, hat ein finanzielles Bewusstsein. Wer im Leben auf das G’ttliche fokussiert ist, hat ein religiöses Bewusstsein. Es ist dieses Bewusstsein, das wir versuchen, so klar wie möglich zu machen. Nur durch diese „ Teschuwa“, diese Rückkehr zum Wesentlichen ist es möglich, Gerechtigkeit zu schaffen. Hier liegt der Sinn unserer Existenz und der Sinn unseres Lebens. Ohne religiöses Bewusstsein bleiben wir an unseren täglichen Sorgen hängen. Dann haben wir keinen Überblick und wir wissen nicht, ob wir uns dem G’ttlichen Gesetz nähern oder nicht. G’tt möchte, dass wir gerecht sind; das bedeutet, dass wir uns rechtschaffen verhalten und Gerechtigkeit fördern müssen.

Berichtigen

In der säkularen Welt soll alles seinen gewohnten, angengehmen Gang gehen, denn sonst hätte der Mensch keinen Grund, aufzustehen. Wer die spirituelle Verbindung sucht – die Bedeutung des Wortes Religion – erwacht mit einem religiösen Bewusstsein. Er wird nur durch seine Beziehung zu seinem Schöpfer inspiriert. Jeder Tag, jeder Moment ist eine neue Schöpfung. Wer aufwacht und erkennt, dass ihm an diesem Tag das Geschenk des Lebens gegeben wurde, widmet sich voll Dankbarkeit und Verantwortung dem Morgengebet. Wer in Beziehung zum Schöpfer steht, sieht die Welt als die Schöpfung und sich selbst als jemanden, der an diesem Tag seine Arbeit tun kann, um weiter an der Welt zu arbeiten, die “gut” – aber nicht vollkommen ist. Dann sind die täglichen Sorgen keine Probleme, sondern Herausforderungen, die auf seinem Lebensweg gestellt wurden, um sie zu lösen, zu korrigieren, zu seiner vollen Zufriedenheit.

Es ist diese Berichtigung, die in dem Auftrag „Sei vollständig – Wajehi tamim’ eingebettet ist. Unsere Neschama will ganz bleiben. Dieser spirituelle Teil unseres Seins hat diesen Auftrag bei der Geburt angenommen. Aber unsere Jezer hara- unsere irdische Neigung will uns davon abhalten: Sie will uns zerteilen, in Stücke brechen, so dass wir betäubt und benommen sind über die Trümmer des Lebens, wie ein Schiff im Arktischen Ozean. Diese Jezer hara ist dann der Todestrieb, der uns niederschmettern und einsam fühlen lassen will . Zuerst denken wir, dass wir immer noch der Kapitän des Schiffes sind, aber bald fühlen wir uns wie eines der ins Treiben gekommenen Eisstücke. Unsere lebenslange Aufgabe ist es, uns davor zu schützen. Steh auf wie ein Löwe, um dem Schöpfer zu dienen. Füll’ dich mit Kraft, bevor du aufstehst. Dieser Inhalt ist die Lebenskraft, der „Ru’ ach“ (Lebensodem). Deshalb danken wir mit „Mode ani“. Im Vertrauen gaben wir unsere Seele in Verwahrung, im Vertrauen erhalten wir sie zurück. Wir hoffen, dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen. Jetzt müssen wir die Verunreinigung so schnell wie möglich abwaschen. Wer tief schläft, ist sozusagen ein toter Mensch: seine Seele ist nicht da. Dieser Zustand macht unrein. Die erste physische Handlung ist über unseren Körper selbst: die Reinigung durch Wasserbegießen über die Hände. Denn nur mit dem Körper können wir Mitzwot erfüllen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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