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Das Gebet Al haNissim (über die Wunder)

Das Gebet Al haNissim ueber die Wunder
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Das Chanukka-Gebet Al haNissim beschreibt die Krise an Chanuka und das darauf folgende Wunder:

      “Es war zur Zeit Matitjahus, des Sohnes Jochanans, des Hohepriesters der Chasmonäer, und seines Sohnes, als das böse Königreich der Griechen Dein Volk Israel unterwarf,

1. um sie Deine Tora vergessen zu lassen und

2. sie von den Gesetzen Deines Willens abzubringen.

Aber Du standest ihnen bei in der Zeit ihrer Not. Dann kamen Deine Söhne wieder in dein Haus, reinigten Deinen Tempel, säuberten Dein Heiligtum und zündeten Lichter in Deinen heiligen Vorhöfen an.”

Es wird gesprochen darüber, dass

1. sie Deine Tora vergessen zu lassen und

2. sie von den Gesetzen Deines Willens abzubringen.”

Was ist der Unterschied dazwischen?

Zwei Formen des Vergessens auf drei Ebenen

Einige Meforschim (Erklärer) sind der Meinung, dass diese beiden Ausdrücke “sie Deine Tora vergessen lassen” und “sie von den Gesetzen Deines Willens abwenden” eigentlich ungefähr dasselbe bedeuten, sich aber auf unterschiedliche Dinge beziehen:

1.    Der erste Satz würde sich auf die gesamte Tora beziehen,

2.    der zweite auf die Chukim, den unverständlichen Gesetzen.

Andere meinen, es beziehe sich auf die Tora-Kenntnis bzw. auf das Ausüben der Gebote.

Das Thema kann auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Dann geht es um den Unterschied zwischen “Vergessen” und “Abkehr davon”. Ich erinnere mich an eine bekannte Stelle in der Sidra Wa’etchanan: “Aber gib Acht und wache sehr sorgfältig über dich selbst, damit du die Dinge nicht vergisst, die deine eigenen Augen gesehen haben, und sie – solange du lebst – nie aus deinem Herzen verschwinden, und du sorgst dafür, dass auch deine Kinder und Enkelkinder sie kennen” (Dewarim/Deut. 4:9).

Ma’mad Sinai – die Versammlung am Berg Sinai

Die Tora führt weiter aus, wann und worauf sich dieses “Vergiss nicht” und dieses “Geh nicht aus deinem Herzen” bezieht: “An jenem Tag, als du dort vor G’tt standest, auf dem Chorew (Berg Sinai), als G’tt zu mir, Mosche, sprach: ‘Versammelt das Volk vor Mir, dann will Ich sie meine Gebote hören lassen – die sie für sich selbst lernen sollen, um Mich zu verehren, solange sie auf Erden leben, und die sie auch ihren Kindern lehren sollen'” (Dewarim/Deut. 4:10).

Es handelt sich um zwei Konzepte, nämlich das Vergessen dessen, was “deine Augen gesehen haben”, und das “aus dem Herzen herauskommen”. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Prozesse.

Persönliche Erfahrung

Laut Nachmanides (12. Jahrhundert) enthält Dewarim 4:9 ein Gebot und ein Verbot. G’tt hatte dem Gebot – der Einhaltung der Mizwot, der religiösen Pflichten – ein Verbot vorangestellt: “Vergiss nichts! G’tt sorgte dafür, dass die Übergabe der Tora am Fuße des Sinai für die Juden, die dies miterlebten, zu einer persönlichen Erfahrung wurde, so dass sie ihren Kindern erzählen konnten, sie hätten mit eigenen Augen gesehen, dass G’tt ihnen die Tora gab.

Alle Zweifel ausgeräumt

Hätte ein Prophet die Tora gegeben, hätte man bezweifeln können, ob er wirklich prophetische Kräfte besaß. Nun waren die Zweifel ausgeräumt. Deshalb meint Nachmanides, wir sollten uns an zwei Dinge erinnern:

1. sowohl an Ma’amad har Sinai (die persönliche Erfahrung des Volkes am Fuße des Sinai beim Empfang der Tora)

2. als auch an die Tora selbst, die dort an künftige Generationen weitergegeben wurde.

Bereicherung

Das Gedenken an Ma’amad Sinai hat noch einen weiteren Aspekt: Es dient der Auffrischung, Vertiefung und Bereicherung der Tora-Tradition. An Ma’amad Sinai wurde die Tora gegeben. In der Pessach-Haggada heißt es jedoch, dass es für uns ausreichend gewesen wäre, wenn die Tora nicht gegeben worden wäre (dajenu). Das liegt daran, dass die Erfahrung der Nähe G’ttes uns ohnehin näher an die Schechina – G’ttes Gegenwart – gebracht und uns geistig bereichert hätte. Daraus lernen wir, dass man nicht nur Tora studieren, sondern auch jeden Tag die Nähe G’ttes spüren sollte.

Zurück zu den Begriffen “Vergessen” und “aus dem Herzen kommen”. Etwas zu vergessen ist schlimm, aber menschlich. Etwas aus dem Herzen zu verlieren, danach nicht mehr zu leben, die existentielle Erfahrung zu verlieren, ist ernster.

Im Talmud (Schabbat 138b) heißt es, als sie nach Kerem be-Jawne kamen, sagten unsere Chachamim (Gelehrten): “Die Tora ist dazu bestimmt, von den Bnei Jisrael (Juden) vergessen zu werden, wie es geschrieben steht (Amos 8:11): Beachte, dass die Tage kommen werden, an denen … sie G’ttes Wort suchen, aber nicht finden werden”. Dem Talmud zufolge bezieht sich “G’ttes Wort” auf die Halacha (Jüdisches Gesetz), das Geheimnis der endgültigen Erlösung und die Prophetie. G’ttes Wort suchen” bedeutet, dass die Juden die Halacha (die Gebote) nicht mehr kennen.

Das heißt, solange die Tora nicht aus den Herzen der Juden verschwunden ist, bleibt die Situation, so schlimm sie auch sein mag, erträglich.

Spirituelle Krise von Chanukka

Die spirituelle Krise der Juden in der Zeit der Hellenisten, in der Chanuka stattfand, ist durch zwei Elemente gekennzeichnet. Die Hellenisten wussten, wie wichtig das Tora-Wissen für die Juden war, und verboten deshalb das Tora-Studium, “damit sie Deine Tora vergessen”.

Kämpfen

Aber die Griechen verstanden auch, dass sie damit noch nicht über die Juden gesiegt hatten: Sie mussten noch dafür sorgen, dass die Tora “aus ihren Herzen verschwindet” und sie davon abhält, “die Gesetze Deines Willens” zu befolgen. Aber die Juden wussten, wie man standhaft bleibt und für die Grundlagen ihrer Existenz kämpft.

Sie nahmen sich die oben erwähnten Tora-Passagen (Dewarim 4:9-10) wörtlich zu Herzen. Die Worte des Chanukka-Gebetes Al ha-Nissim, die nicht nur von der Krise, sondern auch von dem Wunder der Wiedereinweihung des Tempels sprechen, sind auch heute noch aktuell, sowohl für jeden Einzelnen als auch für das gesamte Jüdische Volk.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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