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EIN LICHT FÜR DIE VÖLKER, ABER WIR SOLLTEN ZUERST UNSER EIGENES LICHT ANZÜNDEN

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Chanuka 5782

Als Vertreter des Judentums erhalten wir die Frage regelmäßig gestellt, was wir zum Wohl der übrigen Weltbevölkerung beitragen könnten. Nun empfinde ich die Frage nach „unserem Nutzen“ in dieser Welt ziemlich irritierend, denn andere Religionen oder Völker werden nicht danach gefragt, was sie nun zum Gesamten spezifisch bei tragen. Sie sind, was sie eben sind und missionieren. Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, Andere zum Judentum zu bekehren.

Aber andererseits sind wir ein „Licht unter den Völkern“ und wir müssten uns selbst abfragen, – auch ohne dass diese Frage von Außerhalb auf uns zu kommt – wie wir „unseren Beitrag“ konkret einbringen können.

Der Weltfrieden gegenüber dem Anspruch auf Wahrheit

Nach dem 09.11. (den Anschlägen auf das World-Trade-Center in New-York durch Terroristen) wurde der Britische Oberrabbiner Jonathan Sacks mit der Aussage konfrontiert, dass der Weltfrieden nur dann gewährleistet werden könnte, wenn alle Religionen ihren Anspruch auf die absolute Wahrheit aufgeben würden. Ohne dieses würden die Religionen keine konstruktiven Bürger des 21. Jahrhunderts sein können.

Wenn wir die (sozialen) Medien öffnen, scheint der Strom aus Hass und Neid fast unendlich zu sein. Dieses hat übrigens nichts mit Religion zu tun. Die furchtbarsten, mordlüsternen Regime des 20. Jahrhundert hatten es auch nicht so sehr mit den Religionen. Aber mir ist es mittlerweile klar geworden, weshalb unsere Chachamim (unsere Weisen) den Gedanken an den universellen Frieden zum Ende der Tage verschoben haben. Die Praxis des Alltags offenbart viel Aggression.

Dürfen wir aber unseren Anspruch auf Wahrheit so ohne weiteres aufgeben?

Oberrabbiner Sacks formulierte diesbezüglich eine Anzahl von Stellungnahmen:

 ·         Der Allmächtige übersteigt unser Auffassungsvermögen komplett und überrascht uns in jeder Generation wieder mit total unerwarteten Entwicklungen.

·         Wir bleiben unserem Glauben treu und sind trotzdem ein „Segen“ für alle Andere, unabhängig ihres Glaubens. Dieses lässt uns an Awraham denken, der Jeden nahe zu sich heran holte.

·         Während der Periode der Erleuchtung dachte man, dass die Religion eingeschränkt werden würde.

·         Aber die Religion scheint inzwischen ein Feuer zu sein, das erwärmt und anfordert. Feuer kann jedoch auch zerstören. Wir sind die Wächter der Flammen.

·         Die Religion schafft Hoffnung, Spiritualität und Moral.

·         G“tt stellt uns vor einer großen Herausforderung. Wir leben mit solchen zerstörerischen Kräften so nah bei einander, dass ER uns wirklich wenig Wahl bietet. Wir sollten mit einander gut sein. Denn sonst könnte es schlecht enden. So stehen wir mit all diesem am Anfang des 21. Jahrhunderts. Und da wir uns gegenseitig mögen können (wenn wir nur wollen), gibt es Hoffnung.

Einzigartigkeit und Universalität im selben Judentum

Man spricht wohl über die „Einzigartigkeit des Judentums“. Wir bevorzugen das Besondere, als Kontrast zum Allgemeinen. Dieses würde in einem Spannungsfeld mit Universalität stehen, „Universal und Alles umfassend“. Innerhalb unseres Glaubens ist das nicht der Fall. Das Besondere und das Universelle gehen Hand in Hand. Da in unserem heutigen Zusammenleben das soziale Miteinander äußerst wichtig ist, ist es lebensnotwendig, aus sich heraus zu gehen.

Die Philosophie schaut nach dem Allgemeinen. Das Judentum schaut auch nach dem Spezifischen, dem Einzigartigen oder Besonderen. Wenn wir versuchen, die Jüdische Religion auf philosophische Weise zu erklären, dass tun wir das überwiegend, indem wir die Heilszusage für alle Menschen betonen. Im Grunde genommen tut die Philosophie dem Judentum Unrecht. Die Wissbegierde hat für die andere Seite des Judentum keinen Blick: die besonderen und sehr spezifischen Jüdischen Riten und Symbole.

Passen die Philosophie und das Judentum noch durch dieselbe Tür? Der Kern des Judentums sind die Thora und der Talmud, sowie damit einher gehende praktische Vorschriften und spezifische Absichten oder Ziele. Auch wenn wir an der Universalität des Judentums vorüber gehen, bleiben wir Jüdisch. Aber es ist komplett unrichtig, zu behaupten, dass das Judentum für den Anderen nicht offen steht und für die universellen menschlichen Werte keinen Blick hat. Das Judentum hat die universellen menschlichen Werte so zu sagen erfunden.

Das Judentum hat Beides:

·         Ein wissbegieriges, universelles Normen- und

      Wertesystem für den Mitmenschen, für Fauna, Flora und Umwelt und

·         Rituale, die bis in die kleinsten Einzelheiten geregelt sind und auch von Nicht-Juden praktiziert werden können.

Universal

Das Judentum ist in der Tat ein universeller Gottesdienst. Das Schema Jisraejl besagt, dass der G“tt, der jetzt noch nur unser G“tt ist, in den Messianischen Zeiten der G“tt aller Weltbewohner sein wird: „Denn MEIN Gebetshaus wird ein Wallfahrtsort für alle Völker werden“ (Jesaja 56:7).

Eine offene Moral 

Aber das Judentum nur auf diese allgemeine Aussagen und Zukunftsversprechungen zu reduzieren, wäre fehl am Platze. Das Judentum ist mehr als nur Monotheismus, einer Himmlischen Bibel, moralisierende Propheten, Messianische Zeiten, einem Nach dieser Welt und der Wiederauferstehung der Toten. Das Judentum kennt viele moralische Aspekte mit weitgehenden Betrachtungen über den Nutzen des Lebens und der Lösung menschlicher Nöte. Die ganz spezifischen Jüdischen Riten scheinen vielleicht als etwas Verschlossenes. Eine verschlossene Moral berücksichtigt nur die eigene Gruppe. Eine offene Moral hat die gesamte Menschheit im Blickfeld. Das überwiegend gesamte Judentum steht der gesamten Menschheit offen. Im Prinzip kann jeder da mit machen.

Riten 

Philosophen betrachten Riten als nutzlos. Diese würden von der Hauptsache ablenken: Tikun – die Vervollständigung der Welt. Der Schwerpunkt auf den religiösen Riten würde die Aufmerksamkeit für die wahren Probleme ablenken und wirke also kontraproduktiv. So betrachtet man also die Stimme des Empfindens und des Gewissens als etwas, dass der Befolgung der Riten entgegen steht.

Gerade dieses letztere ist in den Augen mancher sklavischer Konformismus. Die spontane Aufwallung der Seele, des Inneren Ichs, loben sie in höchsten Tönen. Es sieht also alles ziemlich gegensätzlich aus. Wir verrichten die Mitzwot (die Gebote), da wir die Thora und den Thora-Schöpfer lieben. Wir machen das aus Liebe.

Der moderne Philosoph legt den Schwerpunkt auf die persönliche Wahl, auf Eigeninitiative, auf freien Willen, auf Dynamik und auf sozialer Eingebundenheit. Aber alle diese Arten des Glaubens sind unlösbare Bestandteile des Judentums: Liebe, Treue, Engagiertheit und freier Wille.

Woher kommt die Moral?

Das Judentum erkennt alle Quellen: das Empfinden, den Intellekt und die Thora als Basis der Moral. Die Thora gibt die Regeln, die Anweisungen, vor, aber der Talmud verdeutlicht – mit viel Mitleid – die Regeln und schränkt diese ein oder weitet sie aus. Letztendlich geht es um die gegenseitige Verantwortung der Menschen für einander, für die Fauna und für die Flora und für die Umwelt um uns herum. Andere wenden sich an mich. Ich reagiere auf ihre Bedürfnisse und zusammen bilden wir eine sorgfältige Gesellschaft. G“tt kommuniziert mit uns auch durch unseren Mitmenschen. Die meisten Vorschriften in der Thora sind in ihrer Art zwischenmenschlich und auf eine bessere, vielleicht wohl eine ideale Gesellschaft, ausgerichtet.

Das Judentum war die erste Religion mit Empfinden für und Einbezug des Mitmenschen, mit Beachtung der Tiere und Gefühl für die Umwelt. Wir sind gegen Missionierung. Das Judentum anerkennt die Zuständigkeit und die Kultur der Gesetze des Landes, in dem wir leben und wir waren nie darauf hinaus, Andere als Ketzer zu bezeichnen oder zu bedrohen. Nur auf diese Weise können wir eine tolerante und ideale Gesellschaft schaffen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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