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Fragen stellen: Darf man das im Judentum?

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Fragen stellen: Darf man das im Judentum?

Wir haben in den vergangenen Tagen so einiges mitgemacht, den Zusammenbruch von Meron und den mörderischen Raketenbeschuss durch die Hamas aus Gaza auf fast gesamt Israel und auf seine Zivilbevölkerung. Hier in Deutschland gab es Anschläge auf Synagogen, in Düsseldorf eine Brandstiftung am Gedenkstein an die ehemalige Synagoge an der Kaserne Straße und Demonstrationen, bei denen Sprechchöre, von Einheizern aufgeputscht, schlimmste antisemitische und anti-israelische Parolen skandierten. Verzweiflung erfasst uns. Dürfen wir Fragen an G“tt richten?

Es ist richtig, Fragen zu stellen und selbst G“tt um eine Antwort zu bitten, wenn das alles innerhalb des Glauben Bereiches hineinpasst. Es ist nie ratsam, in Rage zu geraten, aber man kann seine Zweifel bei G“tt deponieren. Es ist vielleicht ein Zeichen eines mühsamen Glaubens, aber jeder wird schon mal durch Fragen geplagt. Manchmal ist die Vorgehensweise des schweigenden Aharon besser, aber der Weg von Hiob ist auch legitim. Letztendlich kam G“tt Hiob entgegen und er wurde getröstet.

Schwerpunkte festlegen

Wir sollten uns dazu entscheiden, Schwerpunkte festzulegen. Wir werden mit Informationen überhäuft. Unsere Sinne werden andauernd mit Stimmen und Bildern bombardiert, die uns ablenken. Selbstdisziplin ist also eine erste Voraussetzung: „Folget nicht Euerem Herzen und Euren Augen seelenlos, so dass Du Dich erinnern wirst“ (Bamidbar 15:39). Durch Schmerz lernt man, sich zu konzentrieren.

Die Freunde von Hiob saßen sieben Tage still neben ihm, ohne ein Wort zu sprechen. Sie sahen, wie er mit der Verarbeitung seines Leides befasst war. Wenn das Leben ernsthaft wird, können wir nicht mehr abgelenkt werden. Alle Nebensächlichkeiten verschwinden wie Schnee in der Sonne. In unserem Denken stehen dann große Fragethemen im Mittelpunkt. Dann können wir unser Leben ändern.

Ein heller Augenblick…

Elasar ben Durdaja, aus dem Talmud, hatte sein gesamtes Leben verkorkst. Er war bis zu den tiefsten Tälern der Dekadenz gesunken, in einen Sumpf von Lust und Leidenschaft weggerutscht, aber durch EINEN Augenblick der Konzentriertheit erhielt er einen gewaltigen Durchblick, ähnlich einer Offenbarung. Jener helle Augenblick änderte ihn zu einem Ba’al Teschuwa (Reumütigen), der sofort zum Himmel Zutritt erhält. In nur EINER Sekunde kann man seine gesamte Welt wieder herstellen (B.T. Awoda Sara 17a), seine gesamte Geschichte neu niederschreiben. Chronischen Schmerz kann man auch als eine Herausforderung betrachten: „glücklich ist der Mensch, den G“tt kasteit“ (Psalmen 94:12).

Rabbi Eli’ejser

Rabbi Eli’ejser war ein Kämpfer. Bei seinem Vater erkämpfte er sich das Recht, Thora zu lernen. Er hatte nichts zu essen. Unter den Tausenden von Schülern von Rabbi Jochanan ben Sakkai litt er fürchterlichen Hunger. Mit seinen Mit-Rabbinern hatte er einen großen Meinungsunterschied über bestimmte halachische Fragen (B.T. Bawa Metzia 59b). Am Ende seines Lebens stand er einsam da, da über ihn ein Bann verhängt worden war. Unter diesen litt er furchtbar (B.T. Sanhedrin 68a). Letztendlich wurde er, durch eine fatale Krankheit, bettlägerig. Vier seiner Schüler besuchten ihn: EINER von ihnen war Rabbi Akiwa. Jeder, außer Rabbi Akiwa, versuchte Rabbi Eli’ejser klarzumachen, dass sie empfanden, dass sein Tod für sie ein enormer Verlust bedeuten würde: „Wir werden Sie mehr als unsere eigenen Eltern vermissen“.

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Das Leiden ist wertvoll

Die drei anderen schauten mitleidig auf ihren Rebbe Eli’ejser. Aber Rabbi Akiwa stimmte nicht in ihren Klageliedern mit ein. Er hatte eine andere Botschaft: „Das Leiden ist wertvoll“. Rabbi Eli’ejser wollte mehr von Rabbi Akiwa hören und bat seine Helfer, ihn gerade auf zu setzen. „Mit welchen Quellen kannst Du dieses eindeutig belegen?“ Rabbi Akiwa benannte seine Beweise aus dem Tenach. Schmerz hat auch einen läuternden und versöhnenden Effekt (B.T. Sanhedrin 100a).

Rabbi Eli’ejser wurde durch die spitzfündige Aussage „Das Leiden ist wertvoll“ neugierig. Er widmete sein Interesse völlig Rabbi Akiwa. Die lieben Worte seiner anderen drei Studenten verschwanden wie der Schnee in der Sonne. „Das Leiden ist wertvoll“ schockierte Rabbi Eli’ejser. Plötzlich wurde er mit einem neuen Konzept konfrontiert. Wie könnte es sein, dass am Ende des Lebens diese Paar peinlichen Augenblicke noch so wertvoll seien? Über Rabbi Eli’ejser wurde früher ein Bann verhängt. Er war froh, dass seine Studenten letztendlich zu ihm zurückkamen. Er war erfreut zu hören, dass er doch für sie sehr viele bedeutet hatte. Er sei viel zu lange allein geblieben (B.T. Sanhedrin 68a).

Leiden verändert

Rabbi Eli’ejser fühlte sich auf seinem letzten Lebensweg durch die Aussage von Rabbi Akiwa unterstützt. Leiden versöhnt. Leiden kann einen Menschen (ver)ändern. Aus der richtigen Perspektive betrachtet, kann Leiden dem Leben einen Sinn geben. Obwohl Rabbi Eli’ejser in den Pirkej Awot (Sprüche der Väter, 2:9) klar erklärt, dass die Wertigkeit eines anderen genauso wichtig wie die eigene Wertigkeit sein sollte, hatte er für seine drei andere Schüler kein Interesse mehr. Er hatte keine Zeit mehr. Die letzten Leidensaugeblicke würden ihn auf diese Weise auf die Fahrt zum ewigen Leben verhelfen können. Wir suchen uns das Leiden nicht aus. Wenn König David in den Psalmen 26:2 G“tt bittet, seine Loyalität zu testen, wird dieses durch unsere Weisen abgelehnt (B.T. Sanhedrin 107a). In unseren Gebeten bitten wir G“tt, uns nicht auf die Probe zu stellen oder uns zu testen. David bat um Herausforderung, um zu sehen, ob er der Verführung würde widerstehen können. Bekanntlich ist das keine anti-religiöse Haltung. Andererseits sagen wir täglich: „Führe uns nicht in Versuchung, stelle uns nicht dem Testen bloß“. Ist dieses ein Widerspruch?

Der goldene Mittelweg

Rav Hütner erzählt, dass wir den goldenen Mittelweg beschreiten sollten. Jeder Gläubige möchte seine Loyalität bezeugen. Aber andererseits kann man manchmal nicht gegen extreme Umstände von Schmerz oder Verführung standhalten.

Was geschieht mit uns, wenn wir die Probe nicht durchhalten? Wir suchen die Herausforderungen nicht, aber gehen diesen auch nicht aus dem Weg. Wir sind sehr loyal, bitten aber nicht darum, überprüft oder getestet zu werden. Psychischer oder körperlicher Schmerz ist eine große Bedrohung, aber Schmerz ist auch eine Herausforderung. Schmerz zwingt uns zur Geistesgröße. Schmerz macht uns nicht sprachlos, rettungslos und ratlos. Geistiger oder physischer Schmerz versammelt die Energie, um zu immer größeren Höhen aufsteigen zu können.

Am Jisrael chai! Schalom al Jisrael.

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