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Gibt es die Lehre von der Substitution noch? Zwei Interpretationen des Unglücks, das dem jüdischen Land widerfahren ist: völlig abgelehnt oder nur beiseite geschoben? – Parascha Wajera

Gibt es die Lehre von der Substitution noch Zwei Interpretationen des Unglücks, das dem jüdischen Land widerfahren ist völlig abgelehnt oder nur beiseite geschoben - Parascha Wajera
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בסייד

In dieser Parscha lesen wir über die Zerstörung von Sedom und vier benachbarten Städten. Von ihnen blieb nichts übrig. Auch am Ende der Tora, die wir gerade gelesen haben, stehen zwei Lesungen über die Katastrophen, die das jüdische Land Israel am Ende der Zeit treffen werden, wenn sie nicht auf G’tt hören. Die Tora wurde vor 3335 Jahren geschrieben. Wir haben leider sehr viele nationale Katastrophen erlebt.

Israel: verwüstet und verödet

In den vergangenen Jahrhunderten sind viele Reisende durch Israel gereist und haben in ihren Tagebüchern beschrieben, wie trostlos, verödet und unfruchtbar das jüdische Land aussah. Diese Reaktionen werden bereits in der Tora vorausgesagt und enthalten einige interessante Punkte.

Abgelehnt oder beiseite geschoben?

Am Ende der Tora stehen zwei etwas widersprüchlich aussehende Versionen der Katastrophen:

Text 1: G’tt hätte uns abgelehnt

Lies Dewarim/Deut. 29: 24-28: “Dann werden alle Völker sagen: Warum hat G’tt das diesem Land angetan? Was bedeutet dieses große Entfachen seines Zorns? Dann werden sie sagen: Weil sie den Bund des G’ttes ihrer Väter verlassen haben, den Er mit ihnen geschlossen hat, als Er sie aus dem Land Ägypten führte. Sie fingen an, anderen Göttern zu dienen und sich vor ihnen zu verneigen, Göttern, die sie nicht kannten und die Er ihnen nicht zugewiesen hatte. Deshalb entbrannte G’ttes Zorn gegen dieses Land, und Er brachte all diese Flüche über es, die in diesem Buch beschrieben sind. Und G’tt hat sie aus ihrem Land weggerissen, in Zorn, in Grimmigkeit und in großem Zorn, und er hat sie in ein anderes Land verstossen, wie es heute ist.”

Verstoßen heißt, die Verbindung für immer zu trennen

Der Malbim, Rabbiner M. L. Wisser (1809 – 1879, Kempen), erklärt, dass das Wort “verstoßen” ein Abbrechen aller Bindungen bedeutet. Er vergleicht es mit dem Wegwerfen eines Gegenstandes in den Mülleimer. Wenn etwas nicht mehr nützlich ist, werfen wir es weg. Wir verzichten auf es. Es spielt keine Rolle, ob es im Mülleimer zerfällt oder nicht. Es ist nicht mehr unser Eigentum, und wir wollen es auch nicht zurück.

Eine unauffällige, aber äußerst essentielle Nuance

Aber nur wenige Verse später gibt es eine ganz andere Nuance, die der unachtsame Leser nicht bemerkt. Hier spricht G’tt selbst.

Text 2: verstreut und vertrieben

Dewarim/Deut. 30: 3-5: “Dann wird euer G’tt eine Wende in eurer Gefangenschaft herbeiführen und Sich über euch erbarmen. Er wird euch wieder sammeln aus all den Völkern, in die euer G’tt euch zerstreut hat. Auch wenn ihr am Ende des Himmels vertrieben wurdet, so wird euer G’tt euch doch von dort sammeln und von dort wegbringen. Und euer G’tt wird euch in das Land bringen, das eure Väter besessen haben, und ihr werdet es wieder in Besitz nehmen; und Er wird euch Gutes tun und euch zahlreicher machen als eure Väter.”

Viel sympathischere Formulierung

Hier wird die aktuelle Situation der Rückkehr nach Israel beschrieben. Mit uns in Israel sind Juden aus Brasilien und Kasachstan. Aber, so Rabbi Wisser, hier werden viel mildere Begriffe anstelle von verstoßen verwendet: zerstreuen und vertreiben. Die beiden letztgenannten Wörter sind nicht so negativ wie “verstossen” aus dem Text, der zuvor aus Dewarim/Deut. 29 zitiert wurde. Zerstreuen oder vertreiben kann viel positiver interpretiert werden.

Rabbi Wisser argumentiert, dass es so etwas wie “beiseite legen” bedeutet. Wenn wir etwas beiseite legen, dann verzichten wir nicht darauf. Wir wollen die Dinge behalten und nicht kaputt machen. Es bleibt unser Eigentum, und wir wollen es zurückhaben und zu einem späteren Zeitpunkt wiederverwenden.

Der wahre Unterschied

Der Unterschied zwischen diesen benachbarten Texten besteht nur darin, wer spricht. Im ersten Text aus Dewarim/Deut. 29, in dem vom Verstossen die Rede ist, sprechen die umliegenden Völker. Diese Völker sprechen nicht so sehr über die tatsächliche Beziehung zwischen G’tt und dem jüdischen Volk, sondern bringen in ihre Interpretation der schrecklichen Zerstörung Israels auch ihre eigenen Wünsche ein. Ihr Wunschdenken ist, dass G’tt das jüdische Volk völlig verstossen hat.

G’ttes eigene Vision

Aber im zweiten Text aus Dewarim/Deut. 30 gibt G’tt seine eigene Vision von dem, was geschah, und dort heißt es nur, dass das jüdische Volk zerstreut und vertrieben wurde. Mehr nicht. Das jüdische Volk wurde nicht verstossen und wird nach dem Ende aller Katastrophen wieder in Israel versammelt sein.

Und das ist genau das, was wir heute erleben. Die Tora bleibt immer aktuell!

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One Comment

  1. Könnte es sein, dass der Liebe G’tt auch noch einen zweiten Nebeneffekt mit der Zerstreuung seines Volkes unter die Völker der Welt beabsichtigte? So absurd die Trinität und das NT auch ist, so hat Er damit auch das AT und damit auch die Tora in der Welt verbreitet. Aber damit diese Nichtjuden die Tora auch verstehen, gab es ja nun in jedem Land die Juden, welche diese Tora in ihrer Landessprache erklären konnten. Ich denke dabei bei uns in Wien z.B. an den wunderbaren Herrn OR Eisenberg, dessen nichtjüdische Fangemeinschaft sicher größer war wie seine jüdische, weil es in Wien ja gar nicht so viele Juden gab wie nichtjüdische OR-Eisenberg-Fans. Aber heute gibt es ja das Internet, und da kann ich ja auch Judentum-Online auf deutsch anschaun, ohne in Düsseldorf oder Jerusalem zu wohnen. Wie soll denn der Messias kommen, wenn die nichtjüdischen Völker der Welt die Tora nicht kennen???

Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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