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Pessach-Seder über ZOOM?

von Frag den Rabbiner (Jewig e.V.)
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Neulich berichtete die Jüdische Allgemeine (zum Artikel) und einige israelischen Medien (zum Artikel), dass eine Gruppe von sefardischen Rabbinern die Benutzung von ZOOM für die Live-Übertragung des Pessach-Seders erlaubt hatte, damit ältere Menschen, welche aus Angst vor Ansteckung am Corona-Virus nicht gemeinsam mit ihren Familien den Seder verbringen können, dennoch zumindest auf diese Art und Weise daran teilnehmen können.  

Dieser “Psak” (halachische Entscheidung) löste eine Welle von Kritik und Protest aus und einige der Rabbiner, welche zuvor unterschrieben hatten, nahmen ihre Erlaubnis wieder zurück. Der sefardische Oberrabbiner von Jerusalem, Rabbi Schlomo Amar, veröffentlichte ein offizielles Schreiben, in welchem er dagegen protestiert und die Benutzung von ZOOM am Yom Tov verbietet.

Für viele Menschen ist es unverständlich, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, (auch unter Berücksichtigung der aktuellen Umstände) die Benutzung von elektronischen Gegenständen am Yom Tov zu erlauben und wie es sein kann, dass große sefardische Rabbiner solch eine Entscheidung trafen? 

Um diese halachische Diskussion verständlicher zu machen, möchte ich erklären, worum es eigentlich geht und worin die Meinungsverschiedenheit liegt:

Bekanntlich gibt es zwei verschiedene Arten von Verboten am Schabbat und Yom Tov: 

1. Vorbote, welche in der Tora stehen oder aus der Tora gelernt werden (“MiDeoraisa”) 

2. Verbote der Weisen, welche dazu dienen, den Menschen vor dem Übertritt eines Verbotes aus der Tora zu beschützen (“MiDerabbana”)

Beides ist natürlich verboten, aber die Verbote aus der Tora sind selbstverständlich strenger und während der Tempel noch stand und es das Sanhedrin (jüdischer Gerichtshof) gab verdiente man unter gewissen Umständen die Todestrafe für das Brechen des Schabbats.

Für Verbote aus der Tora werden, außer Pikuach Nefesch (Rettung des Lebens), keine Ausnahmen gemacht und die Verbote gelten unter allen Umständen. Die rabbinischen Verbote der Weisen gelten im Normalfall und für religiöse und gesundheitliche Zwecke (ohne Pikuach Nefesch) können Ausnahmen gemacht werden (dies kann nur von kompetenten Rabbinern bestimmt werden, ob es sich um einen Ausnahmefall handelt).

Seit der Erfindung der Elektrizität und des Stroms gab und gibt es Meinungsverschiedenheiten und zahlreiche Debatten zwischen den halachischen Autoritäten, ob Strom am Schabbat und Yom Tov überhaupt verboten ist und wenn ja, ob es ein Verbot von der Tora ist oder “nur” von den Rabbinern. Einer praktischen Unterschiede wäre, ob in den erwähnten Fällen Ausnahmen gemacht werden können. Nach dem aschkenasischen Brauch sind wir der Ansicht, dass es sicherlich von den Weisen verboten ist und möglicherweise sogar von der Tora.

Nicht umsonst wird stets erwähnt, dass es sich bei den Rabbanim um sefardische Rabbiner handeln, weil in ihren Reihen Viele der Meinung sind, dass am Yom Tov Elektrizität erlaubt sei. 

Weil es nur darum ging, zu erlauben, Zoom VOR Yom Tov aufzustellen und am Yom Tov selbst nichts weiter zu tun, gäbe es nur zu befürchten, dass man dazu kommen könnte, es ein- oder auszuschalten und für diesen Fall verlassen sie sich auf die Meinungen, welche Elektrizität am Yom Tov erlauben (für Aschkenazen ist es auch ihrer Meinung nach verboten). 

Ein weiteres Problem ist das rabbinische Verbot “Uvdin De´Chol”: Am Schabbat und Yom Tov ist es verboten Tätigkeiten zu machen, welche den Schabbat oder Feiertag zu einem Wochentag machen würden. 

Sie argumentieren, dass weil es sich “nur” um ein rabbinsches Verbot handelt und es für die seelische Unterstützung von älteren Menschen notwendig ist, welche isoliert von ihren Familien sind, ist dies ein besagter Ausnahmefall.

Das dritte Problem, auf welches diese Rabbiner eingehen, ist die Befürchtung, dass Menschen dazu kommen werden, es auch normalerweise zu tun und nicht verstehen werden, dass es sich um eine Ausnahme-Erlaubnis handelt. Darauf antworten sie, dass sich alle der besonderen Situation bewusst sind und sicherlich verstehen werden, dass es sich um eine Ausnahme handelte. 

Jetzt kommen wir zu den sefardischen Autoritäten, welche es verbieten, wie z.B. Rabbi Schlomo Amar (für Aschkenazen ist es ohnehin verboten, wie schon oben erwähnt)

Mögliche Gründe dafür sind, dass es “Uvdin De´Chol ist und unsere Situation nicht genug ist, um vom rabbinischen Verbot abweichen zu dürfen. Außerdem ist zu befürchten, dass Menschen denken werden, dass es generell erlaubt ist.

Ein weiteres Probleme ist die Verwendung von Videokamera und Sprachaufnahme am Schabbat und Yom Tov (auch wenn es vor Schabbat und Yom Tov anschaltet wurde), weil man durch Bewegung und Sprache möglicherweise das Verbot von “Ksiva” (Verbot aus der Tora am Schabbat und Yom Tov zu schreiben) übertritt. Für Zoom ist Video- und Sprachaufnahme unbedingt nötig und dieses Problem wird von den besagten Rabbiner überhaupt nicht adressiert. Möglicherweise ist es ihrer Meinung nach kein Problem, aber dies ist ebenfalls eine große Meinungsverschiedenheit, ob dies als Ksiva gilt oder nicht und viele halachischen Autoritäten sind der Ansicht, dass es verboten ist.

Ich hoffe jetzt ist dieser “Psak” verständlicher und man nachvollziehen kann, was sie sich dabei dachten. Dennoch scheint es, dass er von der Mehrheit der (sogar) sefardischen Rabbiner nicht akzeptiert wurde und demnach keine Option ist.

Hier ist der “Psak” auf Hebräisch:

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Written by Rav Dovid Gernetz

Der Autor wurde in Dnepropetrowsk, Ukraine geboren und ist in Berlin, Deutschland aufgewachsen. Er studierte zwei Jahre in einer Yeshiva in Zürich, Schweiz und anschließend zwei Jahre in einer Yeshiva in Gateshead, England. Seit seiner Hochzeit lebt er in Telz Stone in Israel.
Der Autor ist Vertreter von Imrey Deutschland e.V und verantwortlich für diese Website. Außerdem gibt er wöchentlich den Judentum.Online-Newsletter heraus und veröffentlicht zahlreiche Beiträge zu Themen rund ums Judentum.

Sprachen: Russisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch

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