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Die Bedeutung der hundert Töne des Schofar

Die Bedeutung der hundert Töne des Schofar
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Rosch Haschana wird in der Liturgie als der „Geburtstag des Menschen“ bezeichnet. Rosch Haschana ist als Wiedergeburt gemeint.

Sofort nach der Geburt möchte ein Baby trinken – um zu wachsen.

Zuerst das körperliche Wachstum, später das Spirituelle, also das geistig Bedeutende.

Aber dieses Wachstum setzt ein Konzept voraus, das eine Folge von Vorschriften und Sicherheitsvorgaben beinhaltet.

Was besagt dieses Konzept?

Mit dem Schofar krönen wir G“tt als König der Welt, genau so wie ein irdischer König, unter Posaunenschall, seinen Thron besteigt.

G“tt als Lenker der Welt – das Hauptthema der Liturgie –  hat die grundlegenden Sicherheiten und Regelungen in sein Konzept verordnet, d.h. angewiesen, sowohl in der Natur wie in Seinen Geboten.

HÖHERE ANFORDERUNGEN

Das Schofar ruft zu Tschuwa auf, die meistens mit dem Wort „Umkehr“ übersetzt wird. Das stimmt nicht, das ist ein Fehler!

Tschuwa bedeutet Rückkehr, das Zurückwachsen zum Ursprung von Allem, zum Ursprung in uns selbst, dem wirklichen ich, das Erhabene im Menschen.

Und hierbei geht es um Achtung, Sorge und Verantwortungsbewusstsein für diesen höchsten menschlichen Inhalt. Unser tägliches Ego muss hierfür empfindlich gemacht werden.

Unser „übliches“ Gefühl muss sich mit dem Höheren vereinen und somit eine Einheit bilden. Wir müssen das Höhere in uns annehmen dürfen, wie es ist, in seiner eigenen Integrität.

Ausser Achtung ist hierzu auch die Kenntnis des Höheren in allen seinen Erscheinungsformen erforderlich.

Deshalb erinnert uns das Schofar auch an die Tora-Übergabe auf dem Berg Sinai. Da war „der Schall des Schofar  sehr laut“.

Möchten wir in unserem Judentum wachsen, benötigen wir die entsprechende Leitung hierzu. Religiöses Wachstum benötigt Leitung und Offenbarung. Mit nur der eigenen Kraft bleibt das G“ttliche unerreichbar.

Die Tora schafft die Brücke.

Die Töne des Schofar vergleicht der Prophet Jeheskiel (hast.33) mit den mahnenden oder belebenden Wörtern der Propheten.

Ausschliesslich nur Tora-Kenntnisse sind ungenügend. Jedermann benötigt einen geistigen Führer, eine Art von Propheten – einen echten jiddischen Guru –um weiter zu kommen und um über sich selbst hinaus zu wachsen.

 Schofar erinnert uns an:

LIEBE

Die gebrochenen Töne des Schofar werden von jeher erklärt als Symbole von Seufzen und Klagen des zurückblickenden Menschen. Diese gebrochenen Töne sprechen in unserem Innersten die Erkenntnis an, dass wir uns bewusst werden sollen, dass wir in unserem gehetzten Leben die wirklich wichtigen Dinge viel zu oft liegen lassen.

Aber gerade in der Abwendung von unserer Selbstzufriedenheit und von unserer Selbstsicherheit liegt der Keim des erneuerten Wachstums: die Liebe zum G“ttlichen in uns.

Liebe für das G“ttliche, nur allein schon der Gedanke daran erfüllt uns mit Scham. Liebe zu G“tt als Gefühl der Zärtlichkeit, um das G“ttliche in der Welt nicht schaden zu wollen.

G”TTES NÄHE

Wir reden immer über allerhand Vorschriften, aber wer hat jemals über die grosse Freude, das Glück, die Zufriedenheit, Verrücktheit oder selbst Extase gesprochen, die dieses Gefühl von G“ttes Nähe bewirkt?

Das Vergnügen und der Kontakt mit diesem Höheren drängen uns dazu, zu versuchen, soviel wie möglich hiermit zusammen zu sein. Wer traut sich zu erwähnen, dass er oder sie die tiefsten Seelenempfindungen mit dem Höheren teilt?

MASCHIACH

Das Schofar erinnert an das Kommen von Maschiach, wenn wir unsere Liebe für das Höhere öffentlich werden zeigen dürfen.

 AUFSTEHUNG DER TOTEN

Zum Schluss erinnert das Schofar an die Auferstehung der Toten, dem Gedanken, dass jeder Mensch, jeder Körper, der das G“ttliche je erfahren hat, irgendwann in einer Zeit auferstehen wird, in der die grössere Fähigkeit zum Liebhaben und durch G“tt geliebt zu werden, auf Erden Teil eines Jeden Einzelnen geworden sei.

 ERLÖSUNG

Das ist die wirkliche Botschaft des Schofar….sie schaut in die Zukunft, in der die Weissagung von Jesaja wahr werden wird, die vollständige Erlösung der Menschheit: : An diesem Tag wird in einem grossen Schofar geblasen werden“.

 AKTUELLE SITUATION

Aber im Augenblick leben wir – bedauerlicherweise – noch nicht in einer so gehobenen Stimmung und müssen mit irdischen Mitteln versuchen, unseren Geist zu beflügeln.

 

Das einfache Widderhorn muss uns erwecken zu:

1.    Tschuwa, Einkehr und Selbstanalyse,

2.    erinnert an das Erschaffen des Menschen – Adam wurde an Rosch Haschana erschaffen – und ruft auf zu Wachstum und Entfaltung,

3.    führt uns in Gedanken zurück zur ersten grossen Tat der Selbstaufopferung für die Religion – die Opferung Jitzchaks (Akedat Jitzhak)- und

4.    nach dem grössten monumentalen Geschehen in der Geschichte der Menschheit: das Angebot der Zehn Gebote an das Volk Israel, Am Israel. Auch diese ehrfurchterweckende Offenbarung wird von lauten Schofartönen begleitet.

Schöne Gedanken, wie durch den babylonischen Rabbi Sa’adja Ga’on in Worte verfasst (892-942).

 

Aber was bedeutet Rosch Haschanah für den Menschen als Individuum?

Geschichtliche Bedeutungen auf Macroebene hinterlassen wenige Spuren im persönlichen Leben.

Aber da ging es doch gerade darum beim  Zuhören des Shofar: „Verbessert Euere Taten“!

 

Wie erreichen wir dieses erhöhte Ziel?

Das Wort Schofar bedeutet ausser Widderhorn auch „verbessern“. Und Verbesserung bedeutet psychologisch Wachsen und Wachsen wollen.

Wachstum, Selbstbetrachtung und das Wissen um sich selbst, die Suche nach Identität und Autonomie, das Streben nach Mündigkeit müssen betrachtet werden als die meisten universellen menschlichen Bestrebungen, wenn wir den modernen Menschen richtig verstehen möchten.

Der Begriff „Wachstum“ bildet einen herausragenden Aspekt des idealen jüdischen Menschenbild.

Der Mensch wächst nicht nur, er WILL auch wachsen.

Und wann ist dieser Wachstumsprozess beendet?

Wenn jemand seine eigenen, individuellen Möglichkeiten vollständig hat umsetzen können.

Und hierbei geht es in erster Linie um die Entfaltung der psychischen Gaben eines jeden Einzelnen.

Wird der Mensch in seinem psychischen Wachstum gebremst, können seine Reaktionen zwischen Unzufriedenheit und krankhaften Erscheinungen variieren.

 

HÖCHSTES EMPFINDEN

An den Hohen Feiertagen suchen wir nach höchstem religiösem Empfinden. Ein mystisch-religiöses Hochempfinden ist es, wenn man sich nach und nach sowohl von irdischen Sorgen wie von innerlichen Beklemmungen lösen kann.

Du gehst aus Dich selber hinaus, Du entsteigst geistig, indem Du Dich auf die Gebete konzentrierst, eine eingehendes, fast greifbares Erfahren des G“ttlichen in dieser Welt, gleichzeitig ehrfurchterweckend, aber auch intensiv genussvoll, durch das synagogale Ambiente.

Dieses Aufgehen ins G“ttliche geht Hand in Hand mit einem verstärkten Gemeinschaftsgefühl, einem tiefen Gefühl des sich Einbringens, der Sympathie und Zuneigung zur gesamten Menschheit.

Ausserordentliche Hochempfindungen haben begeisternde Möglichkeiten, selbst  meist einfache und grundlegende Gegebenheiten wieder aufs Neue frisch und naiv, mit Staunen, Freude, Verwunderung und selbst Extase zu schätzen, wie altbacken die Erfahrungen für Andere auch geworden sein mögen.

 

SCHOFAR UND WACHSTUM

Das Judentum verlangt von uns, dass wir nicht lediglich „Toppers“ werden, also Hoch hinaus, sondern auch „Wachsende“. Die Symbolik des Schofar begleitet diesen religiösen Wachstumsprozess. Rabbi Sa’adja Ga’on gibt uns verschiedene Möglichkeiten an Hand, die unsere Neschume, unsere Seele, zu Wachstum anregen.

Aber primair ist der Ruf des Schofar als eine Art Wecker gedacht. Bei den meisten Menschen lebt das Gefühl, der Bedarf an religiös-geistigem Wachstum, schon lange nicht mehr.

Das raue, undifferenzierte Blasen appelliert an unsere jüdische Intuition, schüttelt diejenigen aus ihrem Winterschlaf wach, die sich unter dicken Lagen von Selbstzufriedenheit, der Jagd nach Erfolg und Fun, also Vergnügen, versteckt haben. „Es ist mehr als nur das Oberflächliche“!

Ich wünsche Ihnen Schana Towa U Metuka –  ein gutes, gesegnetes neues Jahr

FÜNFTAUSENDSIEBENHUNDERTACHZIG

und die erforderliche Imbrunst bei den Tefilot (Gebeten) und beim Schofar-Blasen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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