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EINE DER AUFGABEN DES RABBINATS: PASTORALE ODER GEISTLICHE FÜRSORGE

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Das Rabbinat hat viele Aufgaben. Eine dieser Aufgaben heißt pastorale Fürsorge oder geistliche Betreuung. Was hiermit gemeint ist, möchte ich anhand der nachstehenden vier Fragen beantworten:

 

1.       Was bedeutet seelsorgerische und/oder geistliche Fürsorge?

2.       Was sind die Unterredungen, die in den Kader der seelsorgerischen Betreuung passen?

3.       Was ist das spezifische JÜDISCHE der jüdischen seelsorgerischen und geistlichen Betreuung?

4.       Was ist der Kader, in dem die Unterredung stattfindet?

 

Zu 1: was ist seelsorgerische und/oder geistliche Betreuung?

Unter dem Begriff Pastorat wird vermerkt, dass jemand geistliche Zuwendung erhält. Derjenige, der diese Zuwendung erteilt, wird Pastor genannt. Dieser Begriff ist, geschichtlich betrachtet, von jeher an christliche geistliche Betreuung oder Zuwendung gekoppelt, aber als eine Selbstverständlichkeit gehörte pastorale Betreuung bereits vor 3300 Jahren innerhalb der Jüdischen Gemeinschaft zur alltäglichen Praxis.

Es ist nur der Begriff, den wir von unserem Umfeld übernommen haben, aber die seelsorgerisch/geistliche Arbeit an für sich ist so alt wie das Judentum selbst. Unter pastorale Zuwendung  verstehen wie die geistliche Unterstützung, die wir in der Kehilla, in der Gemeinde, einander und anderen leisten.

 

Zu 2: was sind die Unterredungen bezw. die Gespräche, die in den Kader der pastoralen Betreuung erfolgen?

Der Rabbiner oder der/die geschulte(n) Sozial-Pastorale Arbeiter, der/die als Mitarbeiter einer Kehilla, die Mitglieder seiner/ihrer Kehilla zu einem Gespräch empfängt/empfangen – individuell oder im Kader einer Familie, Brautleute, Gruppe, Eheleute – kann/können aus vier Bereichen wählen. Die vier unterschiedlichen Arten von Gesprächen sind:

a.       Heilung

b.      Beistand und Tröstung

c.       Begleitung

d.      Versöhnung

  

Der gewählte Bereich wird durch die gestellte Frage bestimmt, durch den Hintergrund und die Art der Menschen, die um pastorale und/oder geistliche Betreuung und Hilfe ersuchen.

 

Das heilende Gespräch  korrespondiert mit der Jüdischen Lehre, die auf dem Begriff TIKUN OLAM basiert, die Heilung oder auch die Instandsetzung einer zerbrochenen Welt.

 

Der Beistand und die Tröstung  erfolgen, wenn ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen durch einen Umstand getroffen werden, der das tagtägliche und geregelte Leben durch einander bringt und zwar in der Art, dass eine normale Fortsetzung des alltäglichen Daseins nicht mehr möglich ist und erst nach einiger Zeit auf eine andere Weise. Dieses sehen wir bei Menschen, die (G“tt behüte) einen sehr Geliebten verlieren: durch unerwartetes Versterben als Folge eines Schlaganfalles oder eines Herzstilltandes, durch ein Verbrechen, durch ein Unglück, durch kriegerische Einwirkung oder durch Vertreibung aus dem Vaterland. Das Trauma, durch ein erschütterndes Ereignis ausgelöst, wird ernsthafter sein, je nach Art des plötzlichen Eintreffens und der Umstände, unter welche das Versterben erfolgte.

 

So wird ein Vermissen, bei dem ein Mensch spurlos verschwindet, manchmal ernstere Folgen haben können als ein Verkehrsunfall, wie traurig der letztere auch sei. Dieses erklärt wie der Impact der Shoa, wo Familien aus einander gerissen wurden und Menschen nicht mehr nach ihrer Deportation zurück gekehrt waren. Die Kombination von Vermissen und Unklarheit über den Ort des zu Tode gekommen sein oder des genauen Zeitpunkts des Todes, erzeugen bei den Nahestehenden so viel Spannung und Verdruss, dass die Narben von Dauer sein werden.

 

Dieses bringt uns zum Begleitenden Gespräch. Vom Anlass abhängig (die Art, die Größe und die Dauer des Verlustes), wird die Begleitung kurzfristig oder lange andauernd sein und bei einer Anzahl von Fällen selbst permanent, wobei ein Betroffener nicht mehr ohne geistliche Zuwendung auskommen kann und die Last seines (oder ihres) Kummers und Schmerz nur wird ertragen können, wenn ein bleibendes Auffangnetz errichtet wurde.

 

Die Versöhnung  ist bei (G“tt verhüte es) konfliktbedingten Zuständen an der Reihe: bei Zank und Streit in der Familie, am Arbeitsplatz, bei Ehescheidung, Erbschaft, wobei Varianten denkbar sind. Die Versöhnung kann auch auf die Person selbst bezogen sein: sich einfügen in einen Zustand von bleibenden geistigen und/oder körperlichen Einschränkungen und mit Hilfe seiner Umgebung das Beste daraus zu machen.

 

Nicht aus Fatalismus, sondern vom Verständnis heraus, dass ein Leben wertvoll ist und dass hierbei nach den positiven Seiten in diesem Leben geschaut werden sollte. Bei Versöhnung kann der geistige Unterstützer sich auf das Gebiet von Meditation und Konfliktentzerrung begeben. Das erfordert jedoch besondere Fähigkeiten und gesonderte Kenntnisse.

 

Zu 3: das spezifisch Jüdische bei der Jüdischen pastoralen und geistlichen Betreuung:

das ist die Einbettung in die Jüdische Lehre, die sich auf alle Facetten des menschlichen Lebens bezieht, buchstäblich von der Wiege bis ins Grab, sowie auf Allem zwischendurch. Die Jüdische Geistliche Betreuung betrachtet den Menschen, jeden Menschen, als ein mit einem Geist beseeltes Wesen, hierher auf Erden mit einer Aufgabe eingetroffen, die nur durch dieses Individuum durchgeführt werden kann und durch keinen anderen Menschen.

Die Jüdische Geistliche Betreuung bezieht sich wohl auf den Menschen, als Bestandteil einer Gemeinschaft, der Kehilla, aber doch ein Mensch mit eigener Verantwortung an HaSchem.

Dieses erfordert ein gewissenhaftes Dasein, bei dem der ethische Monotheismus im Mittelpunkt steht. Ohne ins Moralisieren zu verfallen, möchte das Judentum hiermit und damit über die Jüdische Geistliche Betreuung, dem Menschen Hoffnung bieten und eine Perspektive geben, auf der Grundlage der Thora und der Traditionen. Dieses erklärt, weshalb trotz aller Tsores, die Simches im Judentum an vorderster Stelle stehen.

 

zu 4: der Kader, in dem das Pastorale Gespräch stattfindet, ist die Jüdische Lehre und Tradition.

Unsere Gelehrte und Rabbanim passen die Halacha in jeder denkbaren Situation an. Die Halacha berücksichtigt die Gesellschaft und die Entwicklungen, ohne die Basisregeln aus den Augen zu verlieren. Im pastoralen Umgang mit Anderen bedeutet das konkret, dass das menschliche Leben einen Wert bedeutet, für den es keinen Schätzwert gibt und dass jeder Mensch ein einzigartiges Geschöpf mit einem einzigartigen Auftrag ist.  

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

Schönheit – Parascha Tezawe

DIE PSYCHOLOGIE DER TRAUERVERARBEITUNG