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TEIL 2 DAS AMMENMÄRCHEN VOM BLUT, EINE IMMER WIEDERKEHRENDE SCHLIMME BEHAUPTUNG

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Ergebnis oder Ursache?

Was mich bei der Geschichte des Märchens der Blutsünde getroffen hat, ist die Hartnäckigkeit, mit der die christliche Welt fast ausnahmslos immer und überall an diesen unwahrscheinlichen Anschuldigungen fest hielt, obwohl Rom selber in 1759 erklärte, dass alle Geschichten über jüdische rituelle Morde Hirngespinste seien. Glücklicherweise sind wir hier im Westen von diesen Fabeln entbunden worden und viele Kirchenverantwortliche haben sich dafür eingesetzt, die Beziehungen zum Judentum zu verbessern und der negativen Sichtweise bezüglich Juden Einhalt zu gebieten.

Aber das ist nicht überall der Fall. Vor einigen Jahren erzählte mir der Oberrabbiner der Ukraine, dass 60 bis 70 Prozent der Russisch Orthodoxen dort noch immer vom Märchen der Blutsünde überzeugt seien. Besteht eine psychosoziale Verbindung zwischen Blutrünstigkeit und der Weigerung des Jüdischen Volkes, das Christentum zu umarmen?

Das Christentum ist eine Abzweigung vom vollkommenen monotheistischen Judentum. Um diesen Glauben letztendlich bei den heidnischen Stämmen einfließen zu lassen, aber gleichzeitig um die Vergötterung von Jesus zu rechtfertigen, mussten Kompromisse geschlossen werden.

Das Christentum unterscheidet sich

Die ersten Schritte hierzu bildeten ein Angriff auf den fundamentalsten Beginn des Judentums: die EINHEIT G“ttes. Das Christentum gestaltete deshalb die Lehre der Dreifaltigkeit. Die Trinität bildete die Brücke zum klassischen Polytheismus, also zur Vielgötterei. Dieses war vielleicht für die heidnischen Völker ein Schritt vorwärts, für die Juden bildete dieses jedoch einen Rückschritt.

Eine zweite Säule des Christentums bildet die Inkarnation, die Fleischwerdung. Das heidnische Konzept des Gottes wird übernommen, um die Ungläubigen für das Christentum zu gewinnen. Der Jerusalemer Talmud gibt die jüdische Sichtweise unverklausuliert wieder: „Wenn jemand behauptet, G“tt zu sein, ist er ein Lügner“ (Ta’anit 2:1).

Das dritte Glaubensprinzip heißt Einschiebung eines Mediums (Vermittler). Der Mensch kann sich G“tt nur mittels einer Zwischenperson nähern. Die Zehn Gebote beginnen mit den Worten: „ICH bin Euer G“tt, der Euch aus dem Lande Ägypten hinaus geführt hat. Ihr sollt keine anderen Götter vor MIR haben“. Im Begriff „vor MIR“ wird jeder Glaube an Fürsprache über oder durch einen Vermittler abgewiesen. Laut Maimonides (1135 – 1204) bildet der Glaube an Vermittlung über ein Medium eine Schändung dieses ersten Gebots (Jad, Awodat Kochawim I). Die Akzeptanz dieser Glaubensbasis deutet in psychologischen Begriffen auf die Unsicherheit in der eigenen Beziehung zu G“tt, ein sich fremd fühlen gegenüber dem Allmächtigen, der gefühlsmäßig so weit entfernt scheint.

Konfrontation

Nach der Zerstörung des Tempels zerstreuten sich die Juden über die gesamte damals bekannte Welt. Der zum Christentum bekehrte Heide wurde in der Diaspora mit dem Ursprung seines Glaubens konfrontiert und einem einzigen und authentischen Denken. Das Christentum schien ein Anstrich zu sein, der auf die alten Religionen und Volksgewohnheiten von Germanen und Teutonen angebracht worden war. Aber die Christen waren in der Mehrheit.

Im Laufe der Geschichte verschaffte die Taufe erhebliche Vorteile. Der Jude jedoch widersetzte sich weiterhin hartnäckig gegen jeden Kompromiss. Die Feuerprobe, die sehr viele Juden anscheinend bereit waren, zu ertragen, warf den mittelalterlichen Gläubigen auf den Zweifel an seine eigene Botschaft zurück, was eine extreme Feindseligkeit erzeugte. Der Triumphzug des Christentums als Nachfolger des Erbgutes des alten Israel, die Behauptung, dass das Judentum nur seelenlose Gültigkeit bedeutete, wurde durch die Standhaftigkeit der jüdischen Männer und Frauen lügengestraft, die zum Scheiterhaufen hin geführt wurden.

Die Konfrontation säte Angst und Verwirrung. Uralte Abwehrmechanismen wurden in Stellung gebracht: die jüdischen Wurzeln des Christentums wurden verdrängt, die aus dem Bereich des Triebes stammenden, von der neuen Religion nicht erfassten Impulse von Mordsucht und Blutrünstigkeit wurden auf die Juden projektiert.  Fabeln über Gottesmord, Hostienschändung und Brunnenvergiftung wurden ohne weiteres akzeptiert.

Die Umkehr ins Gegenteil

Blut ist das Symbol für das Leben. An Pessach feiert das Jüdische Volk die Ablehnung jeglicher Art von Götzendienst. Der Auszug aus Ägypten zeigte die Ohnmacht des gewalttätigen Unterdrückers.

Die Symbolik des Märchens über die Blutschuld lässt ein bekanntes psychologisches Phänomen in Erscheinung treten: die Umkehr ins Gegenteil. Während das Christentum dem jüdischen Monotheismus entstammt, möchte das Märchen über die Blutschuld im Grunde das Gegenteil beweisen: eine jüdische Befreiung ist nur durch ein parasitisches Verhalten auf das Blut, auf das Leben und auf die Übermacht des Christentums möglich.

So betrachtet ist das Ammenmärchen der Blutschuld nicht nur ein Hirngespinst: es bildet den psychologischen – sei es den unterbewussten – Inhalt der Überlieferung der Gewalttaten, die ein Nährboden für eine Ausgrenzung, eine Ablehnung, mit ungemein grausamen Folgen wurde.

Obwohl Toaff erklärt hatte, lieber gekreuzigt zu werden, als seine akademische Freiheit auf zu geben, kann er seine Behauptung besser zurück nehmen. Wenn es in Italien jemals eine kleine Sekte gegeben haben sollte, die meinte, dass Blut heilende Kräfte besitzen würde, steht dieses im Gegensatz zur Biblisch-Jüdischen Ansicht, dass jedes Blut strikt verboten sei. Es gibt absolut keine Sprache eines jüdischen Ammenmärchens der Blutschuld. Es ist eine Fabel aus der obersten Schublade, die übrigens noch immer in verschiedenen Ländern des Mittleren und Fernen Ostens gierig Abnahme findet.

 

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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