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Was bedeutet freier Wille?

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Rabbi Yosef Sebag bringt in seiner Übersetzung von Shaar HaBitachon in Kapitel 4 einen sehr interessanten Kommentar von Rabbi Mattisyahu Solomon (Matanas Chelko), der das Thema des „freien Willens“ zum Inhalt hat.

Wie oft benutzen wir den Begriff „freier Wille“ als reine Floskel und denken nicht weiter über ihn nach, einfach weil er uns so selbstverständlich erscheint.

Was also bedeutet dieser Begriff wirklich, und vor allem, haben wir unseren freien Willen wirklich schon einmal genutzt, oder gehören wir zu denen, die dieses Geschenk ihr ganzes Leben lang noch nicht ein einziges Mal benutzt haben?

Du magst jetzt vielleicht fragen: Ob ich meinen freien Willen schon mal genutzt habe? Was soll das für eine Frage sein? Natürlich! – So absurd diese Frage an dieser Stelle, vielleicht klingen mag, sollten wir sie, nachdem wir das Folgende gelesen haben, noch einmal stellen!

„Rabeinu (unser Lehrer) schloss in seinen Worten die Grundlage dessen ein, was freier Wille ist. Diejenigen, die denken, dass „freier Wille“ bedeutet, dass ein Mensch tun kann, was er will – irren sich.

Denn weder bei körperlichen noch spirituellen Dingen, besitzt man die Fähigkeit zu tun, was man will – da alles allein durch g-ttliches Dekret geschieht. Und selbst wenn es darum geht ein Gebot zu erfüllen oder eine Sünde zu tun – auch wenn er es tun will, ist es möglich, dass G-tt ihn manchmal daran hindert, es zu tun.

Vielmehr bedeutet der freie Wille „den Willen zu Tun„. Ein Mensch hat den freien Willen zu wählen, was er tun will. Aber ob dieser Gedanke in die Tat umgesetzt wird, liegt allein in G-ttes Hand.

Wenn wir hier tiefer gehen, werden wir sehen, dass in Wahrheit sogar der Wille, etwas zu tun, kein „freier Wille“ ist. Denn auch ein Tier hat den Willen zu tun, was es möchte. Das Tier möchte essen, schlafen, treten – und tut es. So will auch ein Mensch essen, schlafen usw. und tut es.

Wenn das so ist, was ist dann der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Tier? – Die Antwort ist, dass der freie Wille eines Menschen darin besteht, dass er die Fähigkeit hat, zu unterlassen, was er will! Das ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Das Tier kann nicht davon ablassen, zu tun, was es will. Das, was es naturgemäß tun will, tut es auch. Es hat nicht die Macht, das zu unterlassen, was es will.

Dem Menschen jedoch ist die Fähigkeit gegeben, das zu unterlassen, was seine Natur verlangt zu tun. Wenn ein Tier nach etwas giert, hat es nicht die Fähigkeit, sich von der Erfüllung dieser Begierde und seines Willens zurückzuhalten. Ein Mensch hingegen kann zwar physische Dingen begehren,  hat jedoch die Macht, sich von der Erfüllung dieses Willens und der Lust, zu der ihn seine Natur drängt, zurückzuhalten. Das ist der wahre freie Wille – in seinem Wesen, durch seinen Intellekt, den Willen und das Verlangen zu bilden, seine naturgemäßen Begierden zu überwinden.

Die Wurzel des freien Willens ist G-ttesfurcht. 

Das, was die Torah sagt „du sollst das Leben wählen“ (Devarim 30,19), was impliziert, dass der Mensch einen freien Willen hat, bezieht sich auf den freien Willen, G-ttesfurcht zu erwerben. Nämlich in seinem Wesen den Willen zu bilden, den Willen G-ttes zu erfüllen, anstelle seines naturgemäßen Willens. Dies ist der freie Wille.

Alles andere, was er tut, entspringt der Tendenz seines naturgemäßen Wesens, genau wie bei einem Tier.

Daher ist es für einen Menschen möglich, sein ganzes Leben zu leben, ohne seinen freien Willen auch nur einmal zu benutzen!

Denn der freie Wille ist das, was der Mensch durch G-ttesfurcht selbst erschafft und formt, ein neuer Wille, der sich gegen seinen tierischen und naturgemäßen Willen auflehnt, um den Willen G-ttes zu erfüllen.

Dies ist es, was unsere Weisen sagten (Berachot 33b):

„Alles liegt in den Händen des Himmels, außer der G-ttesfurcht“. 

Denn nur durch die Kraft der G-ttesfurcht, die der Mensch hat, kann er das überwinden und sich gegen das stellen, was bereits vom Himmel verordnet wurde, nämlich seinen natürlichen Willen und Kräfte.“

Rekapitulieren wir:

G-ttesfurcht ist die Wurzel des „freien Willens“. D.h. ohne G-ttesfurcht gibt es keinen „freien Willen“. G-ttesfurcht jedoch muss erworben werden, sie ist nicht automatisch in unsere Natur eingewoben. Hören wir einmal, was Rav Avigdor Miller (Rav Avigdor Miller on Emunah and Bitachon © 2012 Collected and Adapted by Rabbi Yaakov Astor) dazu zu sagen hatte:

„Die ganze Menschheit ist damit beschäftigt, Geld zu machen und ihr Leben für den grandiosen und ruhmreichen Zweck zu riskieren, der als das Streben nach Kesef (Geld) bekannt ist. Deshalb sagt Shlomo Hamelech, dass, wenn du wissen möchtest, wie man den wahren Schatz, den Schatz „Yirat HaShem“ (G-ttesfurcht) – was Emunah bedeutet – erlangen kann, du ihn so suchen musst, wie Menschen nach Kesef suchen; du musst nach ihm suchen, wie nach verborgenen Schätzen.

Wenn du in der Lage bist, dich dieser Karriere, HaShem real zu machen, hinzugeben – nicht nur HaShem, sondern alles, was mit den großen Wahrheiten der Emunah zusammenhängt – dann wisse, dass du einen Reichtum erwirbst, der keinen Vergleich hat.“

Denken wir über das Gelesene nach, so kommen wir zum folgenden Schluss:

Bestenfalls ist der Mensch, in seinem natürlichen Zustand, ein Anwärter auf den Erwerb des freien Willens. Der „freie Wille“ ist jedoch nichts, was der Mensch automatisch, d.h. ohne sein zu tun, „hat“! 

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Written by Daniel Ben Noach

Mein Name ist Daniel, ich bin 32 Jahre alt (ich werde diesen Monat 33) und befasse mich seit 2015 aktiv mit jüdischen Themen und insbesondere auch den noachidischen Geboten.

Mein Hauptaugenmerk ist dabei vor allem auf die Mussar-Lehre des Judentums gerichtet, also alles was mit Moral, Ethik und Charakterentwicklung zu tun hat, und wie das Thema von den jüdischen Weisen schon Jahrtausende gelehrt wird, und wie geschrieben steht:

"Höre, mein Kind, die Disziplin (Mussar) deines Vaters und verlasse die Lehre (Torah) deiner Mutter nicht." (Mishlei 1,8)

Es steht ebenso geschrieben (Kohelet 12,13):

"Die Summe aller Dinge, wenn alles bedacht ist: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das ist die ganze Pflicht des Menschen."

Was ist Gottesfurcht?

Sie ist der Schatz, wie es in Yeshaya 33,6 heißt. Und diesen gilt es zu heben, so wie geschrieben steht:

"...Wenn du nach ihr strebst, wie nach Geld, sie suchst wie verborgende Schätze - dann wirst du die Furcht Gottes verstehen..."

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