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An Rosch Haschana stehen wir in einer vollen Synagoge doch Mutterseelen allein vor G“tt: die vollständige individuelle Verantwortung

An Rosch Haschana stehen wir in einer vollen Synagoge doch Mutterseelen allein vor G“tt die vollständige individuelle Verantwortung
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Schonungsloser persönlicher Einsatz ist das Einzige, was zu unserer jüdischen Zukunft wirklich beiträgt

Die Thora kennt eine absolute individuelle Verantwortung. Das Judentum geht also von einer gesamten eigenen Identität aus. Ohne diesen würde es keine individuelle Verantwortung geben.

Weshalb wurde der Mensch als Einzelner erschaffen? Da jeder Mensch einzig ist. Aber auch, um die Einsicht über die Größe G“ttes  zu lernen: jeder Mensch stammt nämlich von Adam und Eva ab. Und doch ist Jeder anders. Jeder hat seine eigenen Qualitäten. Kannst Du Dir vorstellen, dass es noch nie jemanden geben hat, der genau so gewesen war, wie Du jetzt?

Das ist eine interessante Darstellung, aber auch einen gewaltigen Lebensauftrag. Wir sollten nie behaupten, dass wir versagt oder es nicht geschafft haben, da die Gesellschaft nicht taugt, wir schlechte Nachbarn oder Freunde hatten oder da es unsere Eltern nicht geschafft haben. Wir sollten es selber ganz allein, mit unseren Talenten und Fähigkeiten, schaffen.

Bei den Zehn Geboten sprach G“tt zum gesamten Jüdischen Volk. Die Zehn Gebote stehen jedoch alle in der Einzahl, da G“tt sich zu jedem Individuum persönlich richtete. Aber, G“tt sprach doch zum gesamten Jüdischen Volk? Ganz eindeutig. Aber neben Gruppenverantwortung besteht eine große persönliche Verantwortung. Neben Soziologie, bei der es um Gruppenverhalten geht, gibt es die Psychologie, bei der es um die Einzelperson, um das Individuum, geht.

Es gibt leider nur wenige Menschen, die eine klare, eigene Identität aufweisen. Die meisten Menschen „go with the flow“, also schwimmen  mit dem Strom mit und schließen sich dem an, was jeder macht.

Die Hohen Feiertage, Rosch Haschana und Jom Kippur, sind also für viele von uns ein Problem. Denn dann stehen wir ganz allein da. Wir werden beurteilt und eingeschätzt.

Wenn der Oberste Richter uns fragt, weshalb wir etwas Gutes oder etwas Schlechtes gemacht haben, können wir nicht antworten: „da es jeder gemacht hat“. Wir sollten sagen können: „ich habe das Gute gemacht und das Schlechte weg gedrängt, da ich das selber so wollte“. Das zeigt Charakter, Willen und Persönlichkeit.

Es gibt eine bekannte Aussage des berühmten Hillejl (erstes Jahrhundert), die lautet: „Kümmere ich mich nicht um mich selber, wer kümmert sich dann um mich? Kümmere ich mich nur um mich, was leiste ich dann noch? Und wenn nicht jetzt, wann dann?“.

Was meinte Hillejl damit? Es ist so klar wie eine einwandfreie Sicht, dass jeder prinzipiell für sich selber zu sorgen hat. Hillejl spricht auf einer gänzlich anderen Ebene. Es geht um das sich um uns selber Kümmern im spirituellen Sinne.

Jeder sollte ein würdiges Lebensziel für sich selber wählen und hierfür Verantwortung übernehmen. Das kannst nur Du selbst und niemand anders.  Maimonides (zwölftes Jahrhundert) umschreibt das wie folgt: „wenn ich nicht selber nach einer höheren Lebensebene strebe, wer soll mich dann inspirieren? Die Motivation aus externen Quellen ist nicht so effektiv, wie der eigene Einsatz“.

Rabbejnu Jona (13. Jahrhundert) fügt hier hinzu: „ab und zu sind die Bemerkungen und Anmerkungen anderer hilfreich, aber sie sind nur auf kurze Sicht wirksam. Die Motivation hat aus Dir selber zu entspringen, wenn Du in Deiner Spiritualität jeden Tag wachsen möchtest“.

Selbst wenn man jeden Tag Mussar (selbstkritische Ethik) lernt, bringt das nur etwas, wenn man bereit ist, sich selbst zu läutern, besser zu werden. Schöne Texte erreichen nicht ihre Ziele, wenn man hierzu nicht aufnahmefähig oder zu dumm ist. Wir sollten alles mit uns selbst regeln.

Dieses gilt nicht nur für Tschuwa (Einkehr) und Tefila (Gebet), sondern selbst für Tzedaka. Ein wichtiger psychologischer Aspekt der der eigener Entscheidung obliegenden Beachtung von Tzedaka ist die individuelle Verantwortung, die Not in der Welt zu lindern. Würden die Gelder an einen anonymen Fond übertragen werden, hätte der gütige Spender die Verantwortung, nach den Armen und ihrem Elend zu schauen, von sich abgewälzt. Persönliches Mitmachen lässt uns verstehen, dass jeder Einzelne sein Scherflein zur Vervollständigung der Welt bei zu tragen hat. Soziale Fürsorge aller ist für alle!

Und wie ist das mit Ihnen, meinen lieben Freunden? Unterstützen Sie Ihre Gemeinde bei den vielen Aufgaben, die sie für jeden Einzelnen von Ihnen leistet, auch über das, was sie müssen, hinaus? Wie steht es mit der Förderung unseres Israel, des einzigen Jüdischen Staates auf dieser Welt?

„An Rosch Haschana ziehen alle Geschöpfe an G“tt vorüber, um beurteilt zu werden als Bnej Maron“ (B.T. Rosch Haschana 17a). Der Talmud gibt drei Erklärungen zu Bnej Maron:

·         „Soldaten, die zur Musterung im Heer von

König David gezählt werden,

·           Menschen, die auf einem schmalen Bergpfad oberhalb einer Schlucht gehen,

·         Schafe beim Ausgang des Schafskäfig, von dem sie eines nach dem anderen weg geführt werden“.

In allen diesen Erklärungen wird unsere Individualität betont. Auch wenn wir uns das ganze Jahr über auf die Individualität eines Anderen angehängt haben und nur Vorgänge durchführen, die sozial annehmbar sind, stehen wir dann noch allein vor dem Allerhöchsten. Niemand der uns hilft oder verteidigt. „Ich habe das nicht gewusst“ ist eine schlechte Entschuldigung. „Ich wollte es eigentlich nicht, aber…“ noch viel weniger.

Und das gilt auch für alle guten Dinge, für alle Mitzwot. Wenn Du diese nur gemacht hast, da Deine Eltern es Dir angeordnet hatten, Deine frommen Freunde Dich unter Druck gesetzt hatten, Du bei der Spendensammlungs-Veranstaltung für den guten Zweck nur so viel gegeben hattest, da jeder das mit bekommen konnte, spricht das nicht sehr zu Deinem Vorteil.

Wir müssen und sollen Dinge selber wollen. Da sie gut sind und zum Aufbau der Welt bei tragen, zur Zukunft des Judentums. Der selbstlose, überzeugte und weitreichende persönliche Einsatz ist das Einzige, was wirklich zu unseren Jüdischen Zukunft bei trägt. So war es immer. Und so bleibt es auch in Zukunft.

Schana Towa, ein gutes und fruchtbares, ergiebiges Neues Jahr 5783!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

UTeschuwa UTefilla UZedaka – Buße, Gebet und Nächstenliebe verändern den Menschen völlig und zerstören alle schlechten himmlischen Beschlüsse – Parascha Nizawim

Herrschaft G“ttes bei den Selichot (Bittgebeten)

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