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BRECHE ALLE BARRIEREN AB…

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Sukkot 5782

Die sieben Hakafoth – Umkreisungen

Unter der Chuppa umkreist die Kalla (die Braut) – wie es nach örtlichem Minhag (also örtlichem Brauch) üblich ist, ihren Chatan (Bräutigam) drei oder sieben Mal mit einer brennenden Kerze. Laut dem Sohar (der mystischen Lehre) verkörpert die Frau, die ihren Mann mit Licht umkreist, die „Or Makijef“, die Aura, die den Menschen ab der Chuppa (der Trauung) umgibt. Der Belzer Rebbe pflegte zu sagen, dass die sieben Umkreisungen, die die Kalla unter der Chuppa um ihren Chatan verrichtet, den Bau einer Mauer symbolisiert. Die Frau beschützt ihren Mann gegen allerlei verführerische  Einflüsse auf seine Integrität und Heiligkeit: „ Jeder, der unverheiratet ist, ist wie ohne Mauer“ (B.T. Jewamot 62b). Aber durch die Heirat wird die Trennung zwischen Mann und Frau somit aufgebrochen und sie sind dabei, eine Einheit zu bilden. Das bildet das schützende Element.

DIE UMZINGELUNG VON JERICHO

Zu Sukkot führen wir auch Hakafoth durch, aber jetzt mit unserem Lulav (Feststrauss) und umkreisen die Thora, die in der Synagoge Mittig aufgestellt steht. Zu Hoschana Rabba (dem siebenten Tag von Sukkot) umrunden wir selbst durch sieben Hakafoth-Rundgänge alle Sifree Tora (die Tora-Rollen). Dieser Brauch weckt in uns die Erinnerung an die sieben Umrundungen der Stadt Jericho, die die Bnej Israel (das Jüdische Volk) vorgenommen hatten, wonach dann die sehr dicken Mauern einstürzten.

Einige Erklärer sehen hierin wirklich eine Parallele.  Gleich einer Kriegslist, wie diese Umrundungen der Mauern von Jericho unter lautem Posaunengeschall bedeutete, umkreisen wir zu Sukkot (am Laubhüttenfest) die Thora. Aber was wird hiermit bezweckt?

SPIRITUELLE TRENNUNG

Es handelt sich dabei nicht um eine physische Mauer, sondern um unsere geistige Trennung von Ha’Schem (G“tt). Um zu Ha’Schem zu gelangen, müssen wir manchmal durch dicke geistige Barrieren von Selbsteinschätzung, Hochmut und Einbildung hindurch. Wir müssen wohl undurchdringbare Schichten von Selbstüberschätzung, Eigensinn, Egoismus und sich in den Mittelpunkt stellen durchbrechen, um das Wahre Licht zu sehen, das G“ttliche Licht hinter der irdischen, körperlich materiellen Wirklichkeit. Die Trennung zwischen Mensch und G“tt stört in unserer Verbindung zu G“tt. Wir müssen diese spirituelle Trennungswand abreißen, wenn wir zu Ha’Shem etwas näherkommen möchten.

Aber, warte doch mal… Hatten wir nicht soeben zu Jom Kippur die gesamte Vergebung erhalten? Waren nicht alle Mauern zwischen G“tt und dem Jüdischen Volk während der innigen Tschuwa (Einkehr) am Großen Versöhnungstag weggeräumt worden? Wurden wir nicht gerade soeben noch von allen unseren Mangelerscheinungen in Bezug zu unserem Allerhöchsten vollkommen rein gewaschen? Das Problem ist, dass wir – sobald wir die Heiligkeit des Beth Haknesset, die Heiligkeit der Synagoge – verlassen, wir in eine alles verschlingende Gesellschaft zurück fallen, die von unserem Gefühl der Heiligkeit und der Verbundenheit mit G“tt nur noch wenig übrig lässt. Die materielle Welt um uns herum schient von Ewigkeitsdauer oder Ewigkeitswert zu sein. Es scheint so, als ob alle unsere Brachot (unsere Segenssprüche) von daher stammen – das G“ttliche wird dort vollkommen in den Hintergrund gedrängt. In dieser irdischen Wirklichkeit gibt es kaum Raum für etwas Höherem.

DER TRÜGENDE SCHLEIER

Die Kultur um uns herum ist äußerst verlockend. Alles ist gut organisiert, das menschliche Wohlbefinden steht im Mittelpunkt und wird immer mehr verfeinert gestaltet und gefördert, unsere I-Pads und Twitter sorgen für dauerhaften Glamour und Verführung zu noch schöner, noch lustiger und noch weiter weg…..Es gibt Juden, die laufend in Verzweiflung geräten, was sein Lebensziel sein soll. Der Nachrichtenstrom hört nicht auf, seine Aufmerksamkeit zu fordern und er entfernt sich immer mehr von seinem wirklichen Schaffensziel. Die ganze moderne Gesellschaft scheint losgelöst von unserem Schöpfer zu sein, der sich hinter dem Anstrich der irdischen Wirklichkeit verbirgt und auf uns wartet, bis wir überall, auf der Suche nach unserer wirklichen Identität, hinein und durch stechen.

DIE SUKKA BRICHT BARRIEREN

Sukkot ist speziell dazu geeignet, alle diese Barrieren zu durchbrechen. Wir verlassen unsere warmen Häuser und sitzen sieben Tage lang in einer gammeligen Hütte. Wir überzeugen uns selber davon, dass es nicht unsere Absicht sei, hier auf Erden eine feste Unterkunft zu bauen, eine uneinnehmbare Festung, die uns im physischen Sinn gegen alles und noch mehr beschützt und uns ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verschafft. Wir werden uns in der Laubhütte darüber bewusst, dass diese Welt nur von zeitlicher Dauer ist, dass wir für alles vollkommen von Oben abhängig sind und dass es nicht diese irdische Welt ist, der wir nachjagen sollten, sondern der Welt der Wirklichen Wahrheit mit an erster Stelle dem Religiösen, dem verbunden sein mit dem Allmächtigen.

TETRAGRAMATON

Der Lulav (Feststrauß) besteht aus vier Arten, die die vier Buchstaben des Tetragramaton symbolisieren, den unauslöschlichen, aus vier Buchstaben bestehenden Name G“ttes von „erhaben über Zeit und Ort“. Wir stechen durch die betrügerische Fassade der materiellen Natur hindurch und sehen überall G“ttes Hand. Das Vorgelagerte der Natur ist keine Trennung mehr zwischen G“tt und Seiner Schöpfung, sondern verweist gerade auf ihren Schöpfer.

Wir lesen in Kohelet (dem Buch der Prediger), lernen, um was es sich im Leben wirklich dreht und gelangen zur Einsicht, dass alles durch Ha’Shem von hinter den Kulissen gesteuert wird. In den Haftarot (Teile aus den Propheten, die zu Sukkot gelesen werden), werden deutliche Visionen der kommenden Messianischen Zeiten geschildert, in denen wir G“ttes Allgegenwärtigkeit mit Augen aus Fleisch und Blut werden betrachten können. So fangen wir an zu verstehen, dass unser Lifestyle sich wohl sehr von der Kultur um uns herum unterscheidet.

Ich wünsche Ihnen allen gute Jomim Towim, wunderbare Sukkot-Feiertage und ein noch simchedickeres Simchat Tora, erfüllt und gefüllt mit ganz vielen Mitzwot!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

IN DER HÜTTE ZUR CORONAZEIT

Das philosophische Buch Kohelet