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JEHUDA UND TAMAR – Parascha Wajeschew

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Parscha Vajeeschev (Bereschit / Genesis 37:1 – 40:23)

Jeder macht schon mal einen Fehler. Aber wie löst Du das Problem? Durch leugnen, zugestehen, böse werden? Es gibt viele Strategien, um in der Vergangenheit begangene Fehler aus der Welt zu schaffen. Aber mit aufrichtiger Teschuwa (sich innerlich sammeln) kommst Du am Weitesten, laut dem amerikanischen Rabbiner Bulka.

Der große Kabbalist Rabbi Chaim Vital lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Eröffnungsworte des Hauptteils achtunddreißig, in dem die Episode von Jehuda und Tamar zur Sprache kommen. Das erste Wort lautet Wajehi – und es war, was im Talmud eindeutig als Bezeichnung von Elend und Tzores (Sorgen) gesehen wird: Waj Hi, es war unerträglich und schmerzhaft. Jehuda verkauft seinen Bruder Josejf und gerät in den Strudel einer abwärts gerichteten spirituellen Spirale.

Jehuda wird abberufen

Seine Brüder werfen ihm den Verkauf vor und „setzen ihn ab“, entheben ihn also aus seiner bisherigen Position innerhalb der Familie. Jehuda verlässt seinen Vater, vernachlässigt die Ehrerbietung an seine Eltern und lässt sich bei Adulam nieder, heiratet eine kanaanitische Frau und bekommt Söhne, Ejr und Onan, die aufgrund ihres verwerflichen sexuellen Verhaltens sterben. Jehuda verweigert seiner Schwiegertochter Tamar die Schwagerehe mit Schela.

Daraufhin verkleidet sich Tamar als eine Frau von leichten Sitten, setzt sich an eine Kreuzung und verführt Jehuda. Dieser Vorgang erzeugt zwei Kinder bei ihr, Peretz und Serach. Eine erschütternde Entwickelung von geistigem Verfall (obwohl der Maschiach aus Peretz hervor geht).

Als seine Brüder sahen, welchen Verdruss ihr Vater Ja’akov durchstehen musste, entzogen sie Jehuda seine Leitungsposition innerhalb der Familie. Ejr und Onan sterben ziemlich schnell nach ihrer Hochzeit mit Tamar, da sie nicht wollten, dass Tamar schwanger werden sollte. Dieses würde ihre Schönheit mindern. Jehuda’s dritter Sohn, Schela, wird der Tamar versprochen, aber Schela ist noch jung. Jehuda bangt auch für Schela’s Leben bei dieser Frau, deren Ehemänner auf so mysteriöse Weise ihr Ende fanden.

Tamar verführt Jehuda

Tamar entscheidet, sich verführerisch an zu ziehen, macht Jehuda schöne Augen und wird von ihm schwanger. Jehuda hatte wohl einige Sachen bei Tamar zurück gelassen, unter anderem seinen Stab, als Pfand, da er Geld holen ging. Aber als sein Mitarbeiter zurück kam, hatte Tamar sich schon längst wieder umgezogen. Weit und breit war keine Dame der leichten Sitten zu sehen, als Jehuda’s Mitarbeiter kam, um dessen Stab und weitere Gegenstände gegen Geld ein zu tauschen.

Wenn er später berichtet bekommt, dass Tamar schwanger sei, wird der Gerichtshof böse. Man erteilt den Auftrag, sie zu ergreifen und man will sie verbrennen lassen. Tamar möchte Jehuda nicht öffentlich bloß stellen. Anstatt dieser Möglichkeit, sendet sie ihn eine verschlüsselte Mitteilung: der Eigentümer dieses Stabes und der weiteren Gegenstände ist der Vater meines Kindes. Als Jehuda den Stab und die Gegenstände sah, erkannte er sie natürlich sofort.

Ein schwieriges Dilemma oder in einer Zwickmühle

Nun befand er sich in einer schwierigen Zwickmühle. Entweder er musste so vorgehen, als ob ihn das nicht berühren würde und die Exekution weiter führen. Tamar würde ermordet werden, ihr Geheimnis ins Grab mit nehmen und niemand würde jemals erfahren, wie es sich alles wirklich zugetragen hatte. Aber das tat er nicht.

Anstatt dessen, bekannte er ritterlich und öffentlich, dass er der Vater des Kindes sei. Noch besser, er sagt: „Sie ist aufrichtiger und ehrlicher als ich“ (38:26).

Da er alles dieses öffentlich zu gab, mit allen entsprechenden Folgen, verdiente er die Königherrschaft und wir werden nach ihm genannt: Jehudim oder auch Juden, trotz allem.

Moralische Korruption

Ist so eine große Belohnung wohl in einer Situation angebracht, die, auf den ersten Blick betrachtet, überhaupt nicht so bewundernswert ist? Die Antwort liegt in unserer Ansicht zu Macht. Die Meinung, dass Macht „den Charakter verdirbt“, bezieht sich nicht so sehr auf materielle Korruption. Wichtiger ist die moralische Korruption. Die schlimmste Art von Korruption ist die Macht selber, der Gedanke, dass Macht alles rechtfertigt, dass wenn man einmal an der Macht ist, man keine Fehler mehr begehen kann. Diese Art von moralischer Korruption hat einen verheerenden Effekt. Jehuda hatte genug Macht, um Tamar zu töten, ohne dass viele Fragen gestellt würden. Tamar beachtete seine Position und war bereit, hier zu zu stimmen. Jehuda löste die Situation so auf, wie es ein wahrhaftiger Herrscher zu tun hat: er gab seinen Fehler zu und akzeptierte die Konsequenzen.

Die Größe und die Fähigkeit, um zu zu geben

Die Kunst, die Fähigkeit, Fehler zu zu geben, ist in jeder Machtposition besonders ausschlaggebend, wie zum Beispiel als Lehrerin oder Lehrer, als Elternteil, als Minister oder als Präsident. Wir tragen Jehuda’s Name, um uns selbst daran erinnern zu helfen, dass wir, wenn wir selbst über Macht verfügen, Mensch bleiben und Fehler machen können.  Und wenn Fehler gemacht wurden, man diese zu gibt und es in Ordnung bringt. Und doch ist dieses der Stammbaum von Maschiach.

Der christliche Messias wurde unbefleckt empfangen. Aber der Jüdische Maschi’ach hat eine ganz andere Geschichte: die Wege G“ttes sind unergründbar.

Das Exil des Jüdischen Volkes hatte mit dem Verkauf von Josejf nach Ägypten begonnen. Aber bevor die Goles, also die Verschleppung in die Verbannung, beginnen sollte, wollte G“tt das Licht der Befreiung erschaffen. Jehuda und Tamar bekamen Peretz, den Vorfahren der Davidschen Dynastie. Da würde der Maschi’ach letztendlich daraus hervor gehen.

Die Vorgeschichte der Davidschen Dynastie ist nicht gerade ehrvoll. Das Zusammenfinden von Jehuda und Tamar hat den Schönheitspreis nicht verdient. König David stammte von der Moabitischen Ruth ab. König Salomon wird von Batscheva geboren. Aufgrund ihrer niederen Abstammung regierten die Jüdischen Könige in Bescheidenheit und im Bewusstsein als Untertanen von HaShem.

Die Geschichte von Maschi’ach ist schwer zu verstehen. Aber dieses sind die Wege G“ttes.  Es scheint Finsternis zu sein. Aber nur G“tt allein kann aus Finsternis Licht schaffen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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