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LASCHON HARA – ÜBLE NACHREDE

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LASCHON HARA – ÜBLE NACHREDE

Die Sorge um die eigene Seele, die Seele des Nächsten und des Volkes Israel wird durch nichts so leicht erschüttert wie durch das Wort. Die Art, wie wir über uns selbst und die Welt um uns herum denken, drückt sich in der Weise aus, wie wir sprechen. Wer wütend ist, flucht schnell. Wer rigoros und stark flucht, ist in spiritueller Not. Wer ein guter Mensch sein will, muss in erster Linie gut für sich selbst sein. Der große Segen des Judentums besteht in der ständigen Prüfung der eigenen Gedanken, um dadurch das eigene Verhalten, so zu lenken, dass wir das “Gute” wirklich erfahren können. Nur eine in Dankbarkeit gegenüber HaSchem geprägte Lebensweise wird dies ermöglichen denn: “Du öffnest deine Hand und sättigst alles, was lebt” (Psalm 145). Nur wenn wir HaSchem dankbar sind und erkennen, dass alles, was wir haben und erreichen, vorhanden ist, damit wir HaSchem und anderen etwas Gutes tun können, werden wir selbst glücklich werden. Deshalb wird der Psalm 145 dreimal am Tag gesagt, vorangestellt ist “Glückselig das Volk, dem es so ergeht”.

Wie können wir an diesem Glück arbeiten? Indem wir eine Haltung gegenüber uns selbst, HaSchem, unseren Nachbarn und der Welt einnehmen, die uns Frieden und Ruhe gibt. Dies erkannten unsere Weisen, und schreiben uns vor unseren Kindern beizubringen, sofort nach dem Aufwachen das “Mode Ani“ zu sagen. Diese ersten Worte bei Tagesbeginn bedeuten schlicht, dass wir dankbar sind für das Leben selbst und dafür, dass wir die Seele zurückbekommen haben, nachdem sie während der Nacht abwesend war. Es ist der Beginn des neuen Tages und der Beginn der Verantwortung für uns selbst. Das gibt uns jeden Tag den richtigen Kurs vor.

Chofetz Chajim

Einer unserer großen Gelehrten ist der Rabbiner Israel Meïr Ha-Kohen Kagan (1833-1933). In der jüdischen Tradition werden große Gelehrte nach dem wichtigsten Werk benannt – oder manchmal nach dem ersten -, das sie geschrieben haben; nicht umsonst sind wir als Volk des Buches bekannt. Im Falle von Rabbiner Meïr ist dies sein Werk ‘Chofetz Chajim’. Er nannte sein erstes Buch Chofetz Chajim, weil es die Gesetze und Vorschriften rund um die üble Nachrede darlegt. Er kämpfte für den Rest seines Lebens gegen die negative Kraft der üblen Nachrede. Der Ausdruck ’Chofetz Chajim’ selbst stammt vom Pasuk (Vers) des Psalms 34:13-15: „Wo ist der Mann, der Leben begehrt, der Tage wünscht, Gutes zu schauen? Wahre deine Zunge vor Bösem, und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden, Weiche vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach“. Wer sich wirklich danach sehnt, viele glückliche Tage zu erleben, muss zumindest seine Zunge im Zaum halten. Das Böse ist wie eine Täuschung. Dem Guten nachzustreben geht einher mit dem Schutz der Zunge. Die Suche nach Frieden ist daher nur in einem Umfeld möglich, in dem die Zunge im Zaun gehalten wird. Der Friede muss aktiv gesucht und erreicht werden. Da uns nur der Friede Glück bringt, müssen wir, wenn wir wirklich glücklich sein wollen, von übler Nachrede Abstand nehmen.

Oftmals landen wir in einer Umgebung, in der “getratscht” wird, in der es Vorrang hat, über andere zu reden, als sich selbst zu fragen, ob man ein besserer Mensch werden will. Was ist Klatsch und üble Nachrede? Wie oben deutlich wurde, ist Laschon HaRa, auch die böse Zunge genannt, nach jüdischer Tradition eine der größten Sünden. Schlecht über jemanden zu denken und dieses Denken dann in Worte zu fassen, ist die Grundlage der Korruption. Korruption ist Verfall, der faule Fleck einer Gemeinschaft. Genau das ist es, was üble Nachrede tut. Es zerstört Menschen. Kein Mensch steht allein; am Ende zerstört er eine Gemeinschaft. Nicht nur die Person, die Gegenstand der üblen Nachrede ist, wird durch Verleumdung vernichtet, sondern auch die Person, die verleumdet und derjenige, der ihr zuhört. Schlecht über jemand Anderen zu denken, ist schon schlimm genug: Es bestimmt die Einstellung, in der man jemand anderem entgegen tritt. Weil die Leute nicht gerne nur für sich allein ein bestimmtes Bild von jemand anderem machen, ist es einfach, Mitstreiter zu finden. Der böse Gedanke über Andere sucht daher Kontakt und Applaus. Es fängt einfach an: mit einem Scherz, einer Bemerkung, einem Blick, einem Aufseufzen. Ehe man sich versieht, wird jemand isoliert und diese Person, ihre Familie und ihr Leben gilt als völlig verdorben. Damit ist Laschon HaRa ein Teil des Sinat Chinam, grundloser Hass, der, wie unsere Weisen sagen, der Grund für die Zerstörung des Zweiten Tempels war.

Der Arbeitsplatz

Auf dem modernen Arbeitsplatz funktioniert Klatsch genauso wie im Affenkäfig. Es ist ein Weg, Verbindungen zu knüpfen, Koalitionen einzugehen, die eigene Position zu stärken. Angeführter Klatsch und Rufmord werden nicht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit wahrgenommen. Im Klatsch gibt es ein klar definiertes Gesprächsthema (eine Person), damit verbunden ist deren Verhalten (eine Tatsache). So kann jeder, der klatscht, über eine konkrete Situationen sprechen. Diese Situation kann ins Lächerliche gezogen werden, oder die Person kann verspottet werden. Die Dynamik, die sich während eines solchen Gesprächs abspielt, ist die Dynamik zweier Gesprächspartner, die beide als „Wahrheit” ansehen, was sie besprechen. In dieser Erfahrung „Austausches von Wahrheit“ empfinden sie sich als gleichwertig. Sie handeln nicht gerade sehr anständig, denn es wird geklatscht. Das gibt dem Gespräch etwas Besonderes. Gleichzeitig sehen die Gesprächspartner dieses Besondere gerade wegen der besonderen, verächtlichen oder lächerlichen Aspekte des Gesprächsgegenstandes oder der Situation als rechtmäßig an. Das hinterhältige Teilen – der Klatsch – und die Diskussion über das Abnormale (die Situation oder die Person) verstärken dies, wodurch sich die Gesprächspartner doppelt so stark fühlen. Kurzfristig ist die soziale Wirkung des Klatsches groß, so ein niederländischer Kommunikationsexperte, der eine Dissertation über die Funktion des Klatsches am Arbeitsplatz geschrieben hat.

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Darin zeigen sich eine Reihe von ernsten Problemen. Erstens, dass das Arbeitsumfeld jede andere Form von Gemeinschaft hinsichtlich ihrer Interessen überholt hat. Das jüdische Volk wurde jedoch als Wertegemeinschaft “gegründet”. Wir wiederholen diese Werte in unseren Gebeten, in unseren Lehren, in unseren wöchentlichen und jährlichen Fest- und Gedenktagen und versuchen, sie tagsüber in der Ausführung der Mitzwot auszudrücken. Die meisten Arbeitsumfelder sind nicht nach bestimmten spirituellen Werten und Normen ausgerichtet. Der Arbeitsplatz ist der Ort, an dem Menschen ihre Karriere machen. Der Arbeitsplatz ist ein Mittel, um sich selbst zu verbessern – gesellschaftlich oder finanziell. Die Gemeinschaft am Arbeitsplatz wird zum Teil durch Klatsch aufrecht erhalten.

Wissenschaft

Der zweite Gedanke betrifft die Art, was die Wissenschaft selbst anrichtet. Die wertfreie Wissenschaft untersucht das menschliche Verhalten ohne Emotionen, wie einen Naturfilm. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie Affen im Käfig oder Menschen im Büro betrachten. Diese Art von “wertfreier” Wissenschaft kann in der Tat verdeutlichen, welchen Nutzen Klatsch -offenbar akzeptiert- im gesellschaftlichen Umgang hat. Aber auch die Schlussfolgerungen solcher Berichte sind nicht harmlos. Obwohl der Klatsch für die Tratschenden eine klare Funktion hat, hat es schwerwiegende Konsequenzen für diejenigen, die Gegenstand von Klatsch sind. Der Ursprung eines anderen Phänomens am Arbeitsplatz, das kollektive Hänseln, kann nur im Klatsch liegen. Regierungskampagnen können niemals das kollektive Mobbing stoppen, wenn nicht auch auf das Allgemeinverhalten eingewirkt wird. Dies erfordert jedoch einen totalen kulturellen Wandel. Gibt es dazu eine Bereitschaft?

(Wissenschaftliches: Diese Art von “wertfreier” Wissenschaft kann in der Tat deutlich machen, was der Gebrauch von Klatsch in der scheinbar akzeptierten Art der sozialen Interaktion ist)

Das Wort für Tora stammt von ‘Hora’a’. Das bedeutet Lehre. Unsere Heilige Lehre, zu der auch unsere Psalmen gehören, besagt, dass wir durch Lernen Frieden schaffen können. Es gibt kein größeres Vergnügen als das Erlernen der Tora, um der Tora selbst Willen. Jeden Schabbat sagen wir, dass unsere Kinder – banim – die Erbauer – bonim – für die Zukunft sind. Ein Erbauer der Zukunft. Was über Generationen aufgebaut wird, kann in kürzester Zeit zerstört werden. Sowohl der Bau als auch die Zerstörung beginnen mit einem Gedanken. Hier wird nach dem passenden Wort gesucht. Lasst das Wort also zu den hohen Idealen der Tora passen. Hier liegt die tragende Kraft der Tora: sie sucht den Menschen, um ihn in seinem Potential wachsen zu lassen.

Bürokratisierung

Konstruktive, einfühlsame und positive Aufmerksamkeit füreinander bilden die Grundlage des Tora-Ideals. Selbst im ehemaligem Realsozialismus erkennen wir wenig von all diesen schönen Gedanken. Die Bürokratisierung der Sozialhilfe im modernen Sozialstaat hat zu erniedrigender, unpersönlicher und unsensibler Hilfe mit oft langen Wartezeiten geführt. Viele Patienten in Pflegeeinrichtungen erwarten bewusst oder unbewusst, dass sie eine persönliche Behandlung mit Augenmerk für ihre individuellen Probleme erhalten. Unser Sozialstaat ist jedoch gekennzeichnet durch langsame Entscheidungsfindung, Verfahrensfehler, mangelnde Aufmerksamkeit und Interesse an den Menschen, zu geringe Kommunikation zwischen Bürokratie und Bürgern, unzureichende Informationen und Erklärungen, zu lange Wartezeiten und eine ein gewisses Maß an Verwahrlosung der Interessen der Antragsteller. Dies könnte man als die verwahrlosende Ungerechtigkeit unserer Zeit bezeichnen. Niemand lässt sich dadurch um den Schlaf bringen, außer denjenigen, denen etwas zustößt. Unsere Gesellschaft degeneriert allmählich zu einem Waisenhaus: es wird gut für dich geregelt und gesorgt, aber mit einem gravierenden Mangel an persönlicher Aufmerksamkeit und einem Übermaß an Sorglosigkeit. Rechte und Regeln sind gesetzlich festgelegt, werden aber ohne Fürsorge und liebevoller Sorgfalt ausgeführt. Die Bürokratie – als Folge der Rechtsgrundlage des Sozialstaats – hört mit einem halben Ohr zu, es fehlt darin die nötige Zeit und die ausreichende persönliche Aufmerksamkeit. Psychologen weisen darauf hin, dass diese Exzesse des Sozialstaates zu vielen psychosomatischen Beschwerden bei den Hilfeberechtigten führen.

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