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Schawuot am 51.Tag

Schawuot am einunfünfzigsten Tag
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Der Jom Tov, der Feiertag Schawuot, hat viele Namen. So nennt der Talmud den Schawuot „Atzeret“, das Schlussfest, da Schawuot die Krönung des Auszugs aus Ägypten bedeutet.

Die Tora bezeichnet Schawuot als das Erntefest, da im Zeitraum von Schawuot in Israel die Gerste geerntet wird.

Durchweg übersetzen wir Schawuot ins Deutsche, mit dem Begriff „Wochenfest“, da wir ab dem zweiten Tag von Pessach sieben Wochen bis Schawuot zählen (Omer-Zählung).

Schawuot hat kein konstant feststehendes Datum.

Im Jahr zweitausendvierhundertachtundvierzig nach der Schöpfung, als die Tora gegeben wurde, fiel der erste Sivan laut Rabbi José (B.T.Schabbat 86b-87a) auf einen Sonntag. Im damaligen Jahr zogen die Juden donnerstags aus Ägypten. Aber aus dem Talmud scheint es so zu sein, dass die Tora erst samstags gegeben wurde.

Da der Jetziat Mitzrajim, der Exodus, am Donnerstag (ersten Pessachtag) begann und der Omer ab dem zweiten Tag Pessach gezählt wird, würden sieben vollständige Wochen donnerstags enden. Schawuot würden dann nicht auf den fünfzigsten Tag, sondern auf den 51. Tag der Omer-Zählung im Jahr des Auszuges gefallen sein. Eine seltsame Angelegenheit!

Einen Tag extra

Mosche fügte aus eigenem Antrieb zu den Tagen der Reinigung und Vorbereitung (Ex. 19:15) einen extra Tag hinzu „und Mosche sprach zum Volk: seid nach drei Tagen bereit“. Erst am vierten Tag (am siebten Sivan) würde – so entschied Mosche – G“tt auf dem Berg Sinai herab steigen. Matan Tora (die Übergabe der Tora), die ursprünglich am  sechsten Sivan (in zweitausendvierhundertachtundvierzig ein Freitag) erfolgen sollte, wurde also bis Schabbat ausgesetzt.

Ich vermute, dass die Hinzufügung EINES Tages der Vorbereitung durch Mosche, die spezielle Bedeutung von Matan Tora für das Jüdische Volk betont. Der extra Tag, der eingeschoben wurde, verleiht der Volkswerdung einen spezifischen Jüdischen Anstrich, am Fuß des Berges Sinai.

Wahrscheinlich befindet sich die Antwort in der Veränderung, die das Jüdische Volk gemäß der Anleitung zur Annahme seines neuen Tora-Auftrages auf Erden, vollzog.

Tatsächlich zählten die Juden ursprünglich neunundvierzig Tage ab dem zweiten Tag von Pessach (16. Nissan). Dieser Zeitraum würde mit der Übergabe der Tora am fünfzigsten Tag, der dem sechsten Sivan entspricht, enden. Aber jeder dieser Tage sollte ein vollständiger Tag sein, einen Tag und eine Nacht.

ursprüngliche Tageseinteilung

Wie in Genesis nach zu lesen ist, war die ursprüngliche Tageseinteilung wie folgt: die Nacht wurde dem Tag vorgelagert (Bereschit/Genesis 1:5): „und es wurde Abend und es wurde Morgen: der erste Tag“.

Nach der Sintflut bestimmte G“tt, dass die Nachkommen von Noach ihre Tage mit sinnvoller Arbeit zu verbringen hätten, damit sie – durch Mangel an Freizeit – nicht mehr so einfach dem Bösen verfallen würden. Bei einem Werk- oder Arbeitstag kommt zuerst der Tag und erst danach die Nacht (Bereschit/Genesis 8:22): „zukünftig werden, solange die Erde besteht, das Sähen und das Ernten, die Kälte und die Hitze, der Sommer und der Winter, Tag und Nacht, nie aufhören“.

Von den Bnej Noach (Noachiden) bis zu den Bnej Jisraejl

Vor der Übergabe der Tora hatte das Jüdische Volk den Status von Abkömmlingen von Noach und ein „vollständiger Tag“ bestand aus zuerst einen Tag und dann einer Nacht.

Nachdem die Juden sich bereit erklärt hatten, die Tora zu empfangen, verloren sie ihren Status als Noachiden und wurden in den ursprünglichen Schöpfungszustand zurück versetzt, bei dem die Nacht vor dem Tag kam. G“tt wollte ursprünglich, dass der Mensch SEINE Schöpfung vervollständigen und perfektionieren würde. In dem Augenblick, an dem sie sich – am zweiten Sivan 2448 – dazu bereit erklärten, die Tora an zu nehmen und bedingungslos laut dem Schöpfungsplan zu leben, trat die ursprüngliche Tageszählung wieder in Kraft, zuerst den Abend und dann der Morgen.

ein vollständiger Tag fehlte

Dieses hatte zur Folge, dass ihrer ursprünglichen Zählung ein „vollständiger Tag“ fehlte. Am Morgen des sechzehnten Nissan immerhin, während des Auszuges, begannen sie – laut der Noachidischen Tagesberechnung – mit der Zählung des ersten Tages des Omer. Aber am zweiten Sivan waren sie keine Noachiden mehr und somit fehlte in ihrer Zählung ein vollständiger Tag.

Mosches Überlegung 

Als G“tt Mosche die Anweisung erteilte, den Juden zu erzählen, dass sie sich „heute und morgen heiligen sollten“, überlegte Mosche wie folgt: „die Heiligung sollte heute und morgen gleich sein: genau so, wie es zur Feststellung des Morgens zuerst Nacht sein muss und erst dann Tag, muss es auch „heute“ zuerst Nacht und erst dann Tag sein. Aber da der Abend dieses Tages bereits vorbei ist, kann heute nicht mehr als ein vollständiger Tag gezählt werden“.

Sie verloren einen Tag

Deshalb  überlegte und entschied Mosche, dass die Zählung der Heiligungstage, zur Vorbereitung auf Matan Tora (die Toragesetzgebung), erst am kommenden Abend beginnen könnte. Ab heute zählten sie nicht länger als Noachiden, sondern als das Volk Israel, dass sich bereit erklärt hatte, die Tora an zu nehmen. Sie verloren EINEN Tag. Deshalb waren Matan Tora und Schawuot in 2448 einen Tag später nach der Schöpfung, als wann wir die Tora bekamen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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