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SPENDERTIERE UND MENSCHENRETTUNG: MENSCHLICHE GENE IN TIEREN

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Wissenschaftler versuchen, den Mangel an Spenderorganen mit verschiedenen neuen Techniken zu verringern. In Deutschland ist es erlaubt, Tiere mit menschlichen Organen zu züchten. In den Niederlanden ist dies immer noch verboten. In anderen Ländern, wie z. B. in Amerika, ist dies bereits der Fall. Einem (hirntoten) Patienten wurde dort kürzlich eine Schweineniere transplantiert. Die Operation ist gut verlaufen. Bewegen wir uns auf eine Zukunft ohne Organmangel zu? Wollen wir das auf Kosten der Tiere? Können wir Schweinen menschliche Gene einpflanzen, damit sie Organe wachsen lassen, die dem Menschen das Überleben ermöglichen?

Nach unserer Jüdischen Tradition steht die Rettung eines Menschenlebens an erster Stelle, auch wenn zu diesem Zweck Schweineorgane verwendet werden.

Menschliche Gene in Schweinen

Ist es erlaubt, menschliche Gene in Tieren, wie z. B. Schweinen, einzupflanzen? In diesen Labortieren können dann Organe wachsen, wodurch der Mangel an Spenderorganen behoben wird. Rabbiner würden dies ohne Frage erlauben, wenn keine Gefahr für die Gesundheit des Organempfängers besteht. Wenn es darum geht, Menschenleben zu retten, sind wir sogar dazu verpflichtet, dies zu tun.

Schon im Talmud, der Quelle der Jüdischen Vorschriften, der vor 1500 Jahren verfasst wurde, heißt es, dass die Organe des Schweins den menschlichen Organen am ähnlichsten sind. Über Organtransplantation und Xenotransplantation (Verpflanzung von tierischen Organen in Menschen) schweigt der Talmud jedoch. Einige Leute führen das Verbot der Kreuzung von Arten als Gegenargument an. In der Tat darf man als Jude zum Beispiel kein Pferd mit einem Esel kreuzen. Dieses Verbot ist jedoch auf lebende Tiere beschränkt. Die Vermischung von Zellen auf genetischer Ebene ist nirgendwo verboten. Das Judentum geht davon aus, dass alles erlaubt ist, solange es nicht durch die Thora oder den Talmud verboten ist.

Die Thora und der Talmud wurden in einer längst vergangenen Zeit geschrieben. Die modernen (Xeno-)Transplantationstechniken waren noch nicht erfunden. Dienen unsere heiligen Texte noch als Leitfaden für die Gegenwart?

G’tt hat sowohl die Bibel als auch die physische Welt geschaffen. G’tt wusste genau, was er tat, als er die Bibel schrieb. Einige Dinge hat er absichtlich nicht verboten. Alle Techniken, die wir heute erfinden, waren schon immer in der Schöpfung verborgen, die G’tt selbst geschaffen hat.

Sitzen wir nicht auf G’ttes Thron? Die Vermischung von tierischer und menschlicher DNA kann als Verstoß gegen die Weltordnung, das Werk G’ttes als Schöpfer, angesehen werden?

Die Genmanipulation und die Manipulation von Tierorganen zur Herstellung von Organen zur Rettung menschlichen Lebens zielen derzeit nicht darauf ab, die Schöpfungsordnung zu ändern. Das Hauptziel ist die Heilung. In dieser Hinsicht ist vieles erlaubt. Dieses Heilungsziel heiligt nicht alle Mittel, aber es rechtfertigt vieles.

Was ist der Unterschied zwischen dem Verzehr von Schweinefleisch und der Transplantation von Schweineorganen zur Rettung eines Menschenlebens?

Beides ist in Notfällen, z. B. bei Lebensgefahr, erlaubt. Bei einer Transplantation handelt es sich fast immer um einen Notfall, denn es besteht Lebensgefahr oder etwas, das zu Lebensgefahr führt.

Der Zweck heiligt die Mittel

Diese Aussage führt zu Fehlinterpretationen. Der Zweck heiligt die Mittel impliziert, dass die Xenotransplantation tatsächlich verboten ist. Dies ist jedoch falsch. Es ist sogar eine Pflicht, das Leben eines Schweins zu opfern, um ein Menschenleben zu retten. Wenn Leben in Gefahr ist, wurde die Xenotransplantation nie verboten. Niemand sollte ein Kind sterben lassen, nur weil man ein Schwein nicht töten will. Heilen ist nach der Bibel eine absolute Pflicht. Wenn Sie krank sind, sind Sie verpflichtet, einen Arzt aufzusuchen. Der Arzt ist verpflichtet zu helfen.

Das Judentum ist tierfreundlich. Die Bibel ist das einzige Buch der Antike, in dem viele Tierrechte anerkannt werden. Auch Tiere haben eine Art Bewusstsein und Selbstwertgefühl. Haben wir nicht auch die Pflicht, Tierleben zu schützen?

Das tun wir auch. Die wichtigste Regel bei allem ist ‘tsa’ar ba’alee chajim’ – bei allen Experimenten und Operationen müssen wir das Leiden der Tiere gemäß der Thora auf ein absolutes Minimum beschränken. Um Menschenleben zu retten, ist es jedoch erlaubt, Tierleben zu opfern.

Die Herstellung von Spendertieren war bisher nicht erfolgreich. Aber sie hat vielen Schweinen das Leben gekostet. Dürfen wir Tiere für genetische Experimente opfern?

Die bloße Chance, ein einziges Menschenleben zu retten, reicht aus, um dies zu rechtfertigen. Der Mensch ist höher als das Tier, weil er eine G’ttliche Seele in sich trägt.

Ist dies eine Rechtfertigung für jegliche Tierversuche?

Nein. Die Forschung muss natürlich seriös sein und vernünftigerweise zum Wohl der Menschen führen. Wir können davon ausgehen, dass diese Art von Forschung seriös und effektiv ist, denn sonst würden die Wissenschaftler keine Zuschüsse für ihre Durchführung erhalten.

Viele Menschen sind von Spendertieren weniger begeistert. Es besteht die Angst, die symbolische Ordnung zu stören. Die Vermischung von Mensch und Tier führt zu Unbehagen.

Dieses Gefühl ist verständlich und menschlich. Aber wenn Familienmitglieder sterben, weil sie kein Organ für ihn oder sie entwickeln konnten, beginnt man anders zu denken. Nur wenn Menschen aus Mangel an Medikamenten oder medizinischen Techniken zur Heilung einer Krankheit sterben müssen, fühle ich mich wirklich unwohl. In der Jüdischen Tradition steht die Bedeutung des menschlichen Lebens an erster Stelle.

Sind Tierleben nicht wichtig?

Auch die Tierwelt ist wichtig. Die Thora schenkt diesem Thema große Aufmerksamkeit. Aber wenn wir das Leben eines Menschen mit dem eines Tieres vergleichen, gewinnt der Mensch. Warum? Denn wir sind keine Tiere. Unsere Körper bestehen aus denselben biochemischen Substanzen, aber unsere Seelen sind völlig unterschiedlich. Dies ist dem modernen Menschen nur sehr schwer zu erklären. Viele denken heutzutage, dass der Mensch eine Art geadeltes Tier ist. In Anbetracht der G’ttlichen Seele in uns Menschen verstehe ich nicht, wie Menschen sich mit einem Tier identifizieren können, als wären sie selbst ein Tier.

Aber leiden nicht auch die Tiere? Viele Menschen identifizieren sich mit dem Leiden der Tiere!

Natürlich leiden Tiere, was bereits in unseren ältesten Jüdischen Quellen bestätigt wird.  Aber auch die Menschen leiden. Der Mensch isst, trinkt und pflanzt sich fort wie ein Tier. Aber was hat das mit der Transplantation von Tierorganen zu tun?

Menschen identifizieren sich mit Tieren und anderen Lebewesen. Berücksichtigt das Judentum dies?

Ja, aber warum sollte ich mich mit einem Hund identifizieren, der leidet, wenn ich mich mit einem Menschen identifizieren kann, der leidet? Wir Menschen identifizieren uns von Natur aus am meisten mit den Wesen, die uns am nächsten stehen und die uns ähnlich sind. Das ist eine psychologische Tatsache. Die meisten Menschen wollen nur gerettet werden, auch wenn es das Leben eines Tieres kostet. Das ist eine grobe Aussage, aber so denken viele Menschen, wenn es darauf ankommt.

Wenn G’tt gewollt hätte, dass wir nicht sterben, hätte Er uns doch auch bessere Organe geben können?

Diese Frage wird seit 2000 Jahren diskutiert: Wenn G’tt will, dass du krank bist, hast du dann das Recht, dich gegen ihn zu stellen? Die Antwort lautet: Ja, denn in der Thora steht geschrieben, dass man das tun muss. Wenn Sie eine beliebige Person auf der Straße fragen: “Können Sie geheilt werden?”, wird sie antworten: “Natürlich!”. Dies ist ein ursprüngliches Gefühl und ein Menschenrecht. In Zukunft könnten Sie alle fünf Jahre eine große Organtransplantation mit einem neuen Körperteil erhalten. Die Zukunft wird uns sagen, wie unser verlängertes Leben dann aussehen wird.

Das frage ich mich auch. Macht es Spaß? Angenommen, wir bekommen tatsächlich alle paar Jahre ein neues Organ und verlängern damit unser Leben, sollten wir das wollen?

Wenn es möglich wird, werden wir es tun und müssen es tun. Ich weiß nicht, ob es Spaß macht, aber ich denke nicht, dass es verboten werden sollte. Wenn man damit Leben retten kann, ist es sogar ein Gebot. Im Judentum liegt der Schwerpunkt auf dem Leben hier auf der Erde.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

VIELE FRAGEN UND ANTWORTEN ZU SCHWIERIGEN PASSAGEN TEIL II – Parascha Toldot

NAMENSGEBUNG – Parascha Wajeze