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Thanatopraxie – Parascha Jitro

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Aufbahrung ist nicht jüdisch

Nachdem wir vor 3334 Jahren auf dem Berg Sinai die Tora empfangen haben, hat sich im jüdischen Leben vieles verändert, aber auch vieles, was uns nach unserem Leben widerfährt. Dazu gehört auch die Pflege der Toten. Während in unserer Umgebung die Einbalsamierung und Aufbahrung der Verstorbenen üblich ist, ist bei uns eine schnelle Bestattung vorgeschrieben. 

Thanatopraxie ist eine Form der Einbalsamierung: der Körper wird für kurze Zeit einbalsamiert. In Frankreich, Deutschland und England ist die vorübergehende Konservierung sterblicher Überreste ein normaler Vorgang.

Die Unsterblichkeit liegt in greifbarer Nähe. Das Blut wird durch eine Flüssigkeit (Formalin) ersetzt. Die Verwesung verzögert sich dadurch um zehn Tage. Bei der Einbalsamierung wird ein Körper auf ein Kühlgerät gestellt. Das Ein- und Ausschalten des Geräts ist jedoch ein unangenehmes Geräusch. Ab dem kommenden Frühjahr können Menschen vor Ort konserviert werden. Die Aufbahrung im eigenen Raum wird möglich, da die gesamte Ausrüstung in zwei Koffer passt. Die Behandlung dauert vier Stunden. Die Kosten betragen € 495, – exkl. MwSt. und Reisekosten. Die Zusammensetzung der Balsamflüssigkeit richtet sich nach der Körperfarbe des Verstorbenen. Die natürliche Körperfarbe muss erhalten bleiben.

Warum sind wir gegen die Konservierung und Aufbahrung?

Auf das Leben fokussiert

Die Verpflichtung gegenüber G’tt gilt nur für den auf das Leben fokussierten Menschen und nicht für jemanden, der dem Tod begegnet ist, denn: “Unsere Verbindung zu G’tt wurzelt im Bewusstsein der Menschenwürde und der heiligen Pflichten”.

Die Konservierung nützt dem Verstorbenen selbst nichts. Nach unserer Tradition empfindet der Tote dies sogar als unangenehm und stört seinen Seelenfrieden. Aber es erweckt auch unrealistische Gefühle bei den nächsten Angehörigen. Es ist, als ob der ‘niftar’ (Verstorbene) noch lebt. Ist das heilsam?

Wenn Sie Ihre Mitbürger fragen wird etwa die Hälfte von ihnen sagen, dass sie Konservierung als angenehm empfinden, „um sich verabschieden zu können”, aber fünfzig Prozent empfinden es als unangenehm. Sie sagen: “So ein geschminkter Körper”.

Rav Soloveitchik erklärt, dass der Zweifel die spontane Reaktion des Menschen auf den Tod ist. Man beginnt, an seiner eigenen menschlichen, einzigartigen Wirklichkeit zu zweifeln: “Er verroht; und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch nicht menschlich ist. Warum sollten wir uns dann noch anstrengen, warum die menschliche moralische Last tragen?“ Sein soziales Empfinden ist derart gerstört, dass er in der ersten Phase des Trauerprozesses, unmittelbar nach dem Tod eines nahen Familienmitglieds, nicht einmal zu der erforderlichen Anzahl von Betern (Minjan) gezählt werden darf oder gar die Synagoge besuchen (Polak 1889:84). Der Trauernde hat ein kurzes `Time-out’. Erst nach der Beerdigung wird mit der Wiederherstellung der Bindung an die Gemeinschaft begonnen und die Trauernden können wieder mitgezählt werden.

Identifikation

Der Trauernde muss viele Vorbereitungen für die Beerdigung treffen. Nach meinem Geschmack wird in der westlichen Welt externen Fachleuten zuviel überlassen; das Judentum erfordert persönliches Engagement. Der Trauernde bekräftigt seine Besorgnis um den Toten durch Taten, die gleichzeitig dazu dienen, sein Verlangen nach Identifikation mit dem verlorenen Liebesobjekt zu überwinden. Durch diese Handlungen fühlt er, dass er nicht “tot” ist, obwohl er sich vielleicht bewusst oder unbewusst so fühlt oder fühlen möchte. Bei einer Aufbahrung besteht die Gefahr, dass er sich zu stark mit dem Verstorbenen identifiziert.

Die Beerdigung ist keine `schnelle Entnahme des Leichnams aus der alltäglichen Umgebung, gerechtfertigt durch hygienische Motive, die den Tod unrealistisch werden lässt’ (J. van Opzeeland 1979:813), sondern einfach die Einhaltung des Gebotes, den Verstorbenen so schnell wie möglich zu beerdigen (5. Mose/Devarim/Deut., 21:23). Ein begrenzter Aufschub des Begräbnisses, zu Ehren der Verstorbenen, um Familienangehörige mitzubringen und Personen aus anderen Städten zu benachrichtigen, ist übrigens erlaubt (B. T. Sanhedrin 46b-47a).

Unwiderruflich

So schnell wie möglich zu beerdigen, fördert, dass der eigentliche Trauerprozess zusammen mit der Gemeinschaft früher möglich wird- die zweite Phase -, die erst nach der Beerdigung beginnt. Da das jüdische Begräbnis durch seinen Realismus und seine Schlichtheit die Unwiderruflichkeit des Sterbens betont, kann die Phase des “Schocks und der Leugnung” verkürzt werden, so dass das Realitätsgefühl so schnell wie möglich in die Familie zurückkehrt (Cassem 1976:15).

Harte Konfrontation

Auf dem Weg zum Grab wird der Sarg auf einem einfachen Wagen gefahren und in manchen Gesellschaften von Verwandten und Bekannten getragen. Unterwegs hält man drei- oder siebenmal die Bahre an, eine Art langsamer Anlauf zur Rückkehr in die Wirklichkeit, zur Erkenntnis, dass der Mensch wirklich tot ist: zum Begräbnis.

Am Grab angekommen, wird der Sarg in die Erde abgesenkt, woraufhin jeder mindestens drei Brocken Erde auf den Sarg wirft. In westlichen Gesellschaften, besonders in Amerika, ist es üblich, das klaffende Loch in der rauen Erde mit einem grünen Tuch zu bedecken, `alle möglichen Weisen, in denen unsere Kultur uns erlaubt, eine Konfrontation mit der Realität des Todes zu vermeiden. Das raue klaffende Loch in der Erde symbolisiert die raue Leere der Trauer in diesem Moment der letzten Trennung‘ (Gordon 1976:98-100).

Etwas für den Verstorbenen zu tun, drei Schaufeln Erde auf den Sarg zu werfen, hilft den Schmerz der Trennung zu lindern, indem es einen letzten Akt der Liebe und Sorge. Das Zudecken der Eltern durch die Kinder ist ein liebevolles und bewegendes Ereignis, da die Kinder abends von ihren Eltern ins Bett gebracht wurden (Gordon 1976:100).

Bei einem jüdischen Begräbnis werden keine Blumen oder Kränze niedergelegt. Das würde die harte Realität des Verlustes „beschönigen und verschleiern „.

Phasen in einem Trauerprozess:

• Schockreaktion

• Erschütterung

• Verweigerung

-Suche

-Emotionale Komponenten:

Trostlosigkeit, Trauer,

Verzweiflung

Schuldgefühle

Angst

Eifersucht

Scham

Widerstand, Aggression

• Ergebenheit

• Wiedereingliederung

(Quelle: Trauertherapie, R. W. Ramsay)

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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