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Tora und Judentum bilden eine große harmonische Einheit – Parascha Toldot

Tora und Judentum bilden eine große harmonische Einheit - Parascha Toldot
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Mit unserem dritten Erzvater Ja’akow fängt das Jüdische Volk an, Gestalt an zu nehmen. Ja’akow wird der „Amud haTora – die Säule der Tora“ genannt. Aber was ist diese Tora-Denkart eigentlich? Welchem Denkschema gehen unsere Rabbiner nun genau nach?

Vollständiger Zusammenhang

Die traditionelle Denkweise innerhalb des Rabbinischen Judentums verwendet ein harmonisches Vorlagemuster, als ein lebendiges Ganzes, bei dem alles mit allem zusammenhängt. Hiermit ziele ich auf eine Analogie des menschlichen Körpers mit intellektuellen Vorgängen. Der Körper besteht aus einer Anzahl von Organen, die mit und unter einander verbunden sind und über die Blut- und Nervenbahnen mit einander in Verbindung stehen. Die medizinische Wissenschaft hat jedoch inzwischen aufgewiesen, dass noch viel mehr Bahnen und Verbindungen zwischen den verschiedenen Körperteilen und Organen, als die zwei genannten, bestehen.

Jeder hat schon mal die Erfahrung gemacht, was dieser Zusammenhang der Organe mit einander bedeuten kann. Ein eingewachsener Zehennagel, der sich ganz unten im Körper befindet, kann so viel Schmerzen verursachen, dass der Kopf, an der Oberseite des Körpers, seine Arbeit nicht leisten kann. Eine Infektion im linken Arm kann auch das Funktionieren rechten Armes beeinflussen. Der Körper ist EIN großes, zusammenhängendes Ganzes. Dieses bringt mit sich, dass EIN einzelnes Organ, auf sich selbst betrachtet und ohne Verbindung zum Rest des Körpers, keine Funktion oder Bedeutung haben kann. Ein einzelnes Organ erhält seine Bedeutung in Bezug zum Ganzen.

Ein zusammenhängender Komplex von Ideen

Analog zum Körper und seinem harmonischen, internen Zusammenhang, können wir jetzt verstehen, was harmonischer Zusammenhang auf konzeptioneller Ebene bedeuten kann. Die Rabbinische Denkart kennt einen zusammenhängenden Komplex von Ideen, Konzepten und Begriffen, die eher harmonisch als logisch mit einander verbunden sind. Das eine Konzept geht nicht aus dem anderen über eine logische Ursache-Folge Beziehung hervor: der Zusammenhang unter einander ist von viel größerer Bedeutung. Ohne diesen verliert jedes Konzept seinen Sinn.

Strittige Ideen

Weiterhin führt der Zusammenhang innerhalb des harmonischen Denkens dazu, dass die Grenzen der Konzepte und der Bezeichnungen nicht sehr sauber gezogen werden können. Kein einziges Konzept steht in einer logischen und unvermeidbaren Ursache-Folge-Beziehung zu anderen Konzepten. Auch kann man nicht davon sprechen, dass eine bestimmte tatsächliche Situation durch nur EIN theologisches Konzept abgedeckt wird oder anhand einer einzelnen Kombination von Ideen interpretiert werden kann. Jede Idee (jeder Gedanke) und jede Situation können aus unterschiedlichen Gesichtspunkten, aus verschiedenen Konzeptkombinationen betrachtet werden.

Daher trifft man in der Rabbinischen Literatur schon mal und auch öfters zu einander „strittige“ Interpretationen zu einem identischen Phänomen an. So begegnet man einerseits der Aussage, dass G“tt die Zuwendung eines Toragelehrten an das Torastudium dermaßen hoch einstuft, dass er den Mann nicht für allerhand irdische Güter in Betracht zieht, da diese ihm von seinem Studium würden ablenken oder abhalten können. Andererseits begegnen wir der Ansicht, dass Reichtum eine Belohnung für dauerhaftes, nicht nachlassendes Tora-Studium sein könnte. Widersprechen sich diese Aussagen oder Ansichten der Rabbiner? Auf den ersten Blick schon, aber aus der Sicht des harmonischen Denkens nicht. Die erste Aussage verbindet das Tora-Studium mit dem Gedanken von G“ttes Liebe für diejenigen, die sich Tag und Nacht der Tora widmen, die zweite Aussage bringt die Idee der G“ttlichen Gerechtigkeit in den Vordergrund.

Aus dem Leben gegriffen

Harmonisches Denken ist der intellektuelle, in Sprache gefasster Zusammenhang zwischen den Phänomenen, die uns im tagtäglichen Leben begegnen. Diese harmonische Verbundenheit äußert sich im einigermaßen verwirrenden Umgang mit dem Begriff Tora. Im engsten Sinne bedeutet das den geschriebenen Text des Pentateuchs (der 5 Bücher Mose). Etwas weniger eingeschränkt bedeutet der Begriff Tora den geschriebenen Text und die dem als Grundlage dienenden Konzepte. Noch erweitert betrachtet bedeutet das sowohl die geschriebene Lehre, als auch ihre mündliche Ergänzung (Mischna) und im breitesten Sinne umfasst sie alles, was mit der Tora in Verbindung steht; auch die praktische Anwendung ihrer Gesetze, Bräuche und Ideen. Waren die Gelehrten nicht dazu im Stande, ihre Gedanken in klaren Aussagen zu Papier zu bringen? Natürlich konnten sie das und für jede der Kategorien gibt es dazu gehörende Bezeichnungen: Mischna, Midrasch, Aggada, Schimusch usw. Die unterschiedlichen Bezeichnungen werden jedoch durch einander verwendet, um die unlösbare Verbundenheit der verschiedenen (Zuständigkeits-)Gebiete der Tora unter einander auf zu zeigen.

Eine Angelegenheit der Ansicht und der Entgegennahme

So können wir einigermaßen begreifen, dass das Jüdische Volk in manchen Aussagen höher als die Tora betrachtet wird und dass sie (die Tora) nur gegeben wurde, um die Juden in ihrer Lehre zu erziehen und damit sie (die Juden) sie in den praktischen Geboten aus zu üben lernen. Andererseits gibt es die Aussage, dass wenn das Jüdische Volk die Tora nicht erhalten hätte, es zu Grunde gegangen wäre, sowohl in dieser Welt, wie in der Welt danach, also in der Kommenden Welt. G“tt wollte lediglich aus den Höheren Welten absteigen, um Seine Lehre dem Jüdischen Volk bekannt zu geben zur vermehrten Gloria der Tora selber. Es ist also eindeutig, was wir verstehen sollten: die Tora und das Jüdische Volk hängen voneinander ab, „interdependent“, auf Englisch verwortet, und können nicht ohne einander.

Das Rabbinische harmonische Denken kann anscheinend gegensätzliche Aussagen „verkraften“, ohne seine konzeptionelle Einheit zu verlieren. Eine diktatorische, einseitige Denkweise passt nicht wirklich innerhalb dieses Kaders und ist hier eigentlich verkehrt eingeordnet. Harmonische Flexibilität erlaubt, dass bei der einen Situation die Angelegenheit A betont wird, aber in einem anderen Bereich die Angelegenheit B in den Vordergrund gerückt wird. Es ist eine Gedankenwelt, die sich nicht in statistischen Formeln und Grafiken einfangen lässt, aber genauso fließend und erfrischend ist, wie die Erlebniswelt und die damit verbundenen Erfahrungen nur sein können.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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