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WESHALB HABEN WIR EIN RITUELLES BAD, EINE MIKWE?

WESHALB HABEN WIR EIN RITUELLES BAD, EINE MIKWE?
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Mikwe bedeutet wörtlich eine „Ansammlung von Wasser“.

Das Wort Mikwe kommt in der Thora zum ersten Mal in Genesis I:10 vor: „G“tt nannte das Trockene „Land“ und die Ansammlung von Wasser nannte Er „Meere“.

Das „Herz“ der Mikwe wird durch einen Behälter mit Regenwasser oder Brunnenwasser verkörpert, das letztendlich die Verbindung zu den „Gewässern im Garten Eden“ herstellt oder auch als eine Rückkehr zu und einer Verbindung mit dem paradiesischen Zustand der körperlichen und spirituellen Vollkommenheit gesehen werden kann.

Nach dem Sündenfall im Paradies ergaben sich wohl noch einige Unvollkommenheiten, z.B. im Bereich der Fortpflanzung. Vor dem Sündenfall war Fortpflanzung eine natürlich Angelegenheit, die nicht von Heimlichkeiten und Verbote umgeben war. Schwangerschaft bereitete keine Schmerzen, das Gleiche galt auch für die weibliche Periode.

Nach dem Sündenfall wurde die Fortpflanzung durch die Strafen aus dem Paradies in vielen Bereichen problematisch. Die Mikwe wird als Möglichkeit betrachtet, um die Verbindung zum Paradies wieder her zu stellen.

Wenn eine Frau in anderen Umständen ist oder ihre Periode hat, muss sie in die Mikwe gehen. Sie wird „Nida“, was mit (zeitweise) „ausgeschlossen, zurückgestellt“ bezeichnet werden kann. Mann und Frau haben im Zeitraum der Periode keinen sexuellen Verkehr.

Obwohl dieses ein „Chok“ heisst (ein nicht zu verstehendes Gesetz), beinhaltet die monatliche Enthaltung doch eine gewisse Logik. Mindestens monatlich zwölf Tage keine sexuellen Verkehr zu haben beugt Eintönigkeit und Langeweile vor. Jedes Mal, wenn die Frau aus der Mikwe kommt, ist dieses eine Wiederbelebung der Flitterwochen.

Die Mikwe besteht aus Regen- und Brunnenwasser und ist spirituell mit dem Fluss verbunden, der dem Garten Eden entsprang. Dieser Fluss verbindet den Menschen in seinem gefallenen Zustand mit dem Garten Eden wieder, selbst nachdem Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben waren.

Alles Materielle hat einen spirituellen Gegenpol. Das Körperliche geht in die physische Mikwe, aber unsere Neschama (Seele) taucht in die spirituelle, also geistige, Mikwe. Wasser symbolisiert den fliessenden Zustand. Der Unterschied zwischen flüssigem und festem Material ist die Veränderung. Der bereuende Mensch möchte, kann und muss verändern.

Der Mensch ist Erde und Wasser. Leben ist ein ständiges Zusammengehen von Veränderung und Fortbestehen. Dem Fortbestehen und dem Verbleib der Identität steht fortwährendes Wachstum gegenüber.

Der Mensch ist Stabilität und Veränderung. Wenn jemand in die Mikwe geht, taucht er unter in die Basisidee der Veränderung. Der untertauchende Mensch lässt sein Ego verschwinden und ist so dabei, sein sündiges ich aus der Vergangenheit zu zerstören. Das ist die geistige Reinigung, die Wiedergeburt.

VIERZIG MASS WASSER: das neue Durchstarten

Der Tradition gemäss muss die Mikwe vierzig Mass Wasser aufweisen (ungefähr 1000 Liter), d.h. soviel Wasser, dass der Mensch vollständig von Wasser bedeckt wird und nicht mehr mangels Sauerstoff weiter leben kann. Wenn er aus dem Wasser der Mikwe auftaucht, startet er neu durch.

Auch die Sintflut dauerte vierzig Tage, nach denen eine neue Welt entstand. Die Thora wurde in vierzig Tagen und Nächten erhalten, nach denen Mosche ein g“ttlicher Mensch wurde.

Die Juden verblieben vierzig Jahre in der Wüste, nach denen sie aus einem Volk von Sklaven zu einem Volk des Buches wurden.

Bevor ein Embryo den menschlichen Status erhält, müssen vierzig Tage der Schwangerschaft verstrichen sein. Vierzig ist die Zahl der Schöpfung, Erneuerung und Wiedergeburt.

Vierzig erinnert an die vier Seitenarme der Flüsse aus dem Paradies, die auf zehn Schöpfungsebenen bis zur Zahl 40 heranwachsen.

Ein bekannter Tenach (biblischer) Ausspruch besagt:“G“tt ist die Mikwe des Jüdischen Volkes“ (Jer. 17:13).

Der aus vier Buchstaben bestehende Name G“ttes ER ist, ER war und ER wird sein, weist auf Barmherzigkeit und Zeitlosigkeit hin. Wie können wir eine Sünde begehen, bei Veränderung der Absicht?

G“ttes zeitlose Barmherzigkeit löscht das Böse der Vergangenheit vollständig aus. Das Heute und das Gestern werden zusammen gefügt. ER ist, ER war und ER wird sein erfolgt bei HASCHEM (G“TT) alles gleichzeitig. Die Vergangenheit wird in die Gegenwart mit einbezogen und wird auf bestimmte Art veränderbar.

Hierdurch wird eine Berichtigung der Vergangenheit möglich. Die Absicht der bösen Tat wird ersetzt. Durch die Zerstörung des Ego, des sündigen Ichs aus der Vergangenheit und durch die Verbindung mit der Zeitlosigkeit von HASCHEM (G“TT), entsteht ein neuer Mensch. Die Vergangenheit wird jetzt aus der Perspektive des wiedergeborenen und besseren Menschen betrachtet.

Gerade durch die zugenommene und verstärkte geistige Starrheit und dem Verkommen von Werten in unserer Zeit, besteht mehr denn je Bedarf an spiritueller Reinigung und seelischer Erhebung. Eine Mikwe ist heutzutage für jeden wichtig.

Somit erklärt sich, wie so die Mikwe heutzutage so populär ist.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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