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ANTRIEB UND AUFRÜTTELUNG AUS UND DURCH UNSERE HERKUNFT

ANTRIEB UND AUFRÜTTELUNG AUS UND DURCH UNSERE HERKUNFT
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SUKKOTH UND SIMCHAT THORA

Ich sitze den ganzen Tag vor oder hinter meinem Computer und stelle mir die Frage, wo meine Mitmenschen geblieben sind. Ok, ich erhalte über Email, Instagram, Facebook und Twitter durchgehend Mitteilungen von „Freunden“ und Bekannten, aber wo ist der echte Mensch aus Fleisch und Blut geblieben? Wir leben wie Zombies an einander vorbei.

Im Urwald aus Kabeln und Leitungen auf meinem Schreibtisch, in der unsichtbaren Cloud und anderen elektronischen Strömen, die sich über und um mich herum befinden, gibt es die Natur nicht mehr. G“tt, mein Schöpfer, befindet sich überhaupt nicht auf meinem grünen oder blauen Bildschirm, der mir meine Nachtruhe nimmt. Was habe ich von meinem Judentum, das nur aus elektronischen guten Wünschen zum Neuen Jahr besteht? Schana Towa Umetuka – beeindruckend durch einen Top-Designer entworfen – das von jedem an mindestens 2000 Bekannten, Unbekannten und Geschäftspartnern, durch eine einzige Berührung der Sendetaste, als Rundschreiben versandt wird.

Loslösung, Entfremdung, komplette Abkoppelung aus unserer natürlichen Umgebung. Alles um uns herum ist vorgefertigt, aus Kunststoff, völlig künstlich und vollkommen gegen- und unnatürlich. Wir werden davon bedroht, das Wichtigste von unserem Mensch-Sein zu verlieren, die Verbindung zu unserer Herkunft, zu G“tt, zu unseren Mitmenschen, zur Natur, zu unserem wirklichen eigenen Umfeld. Wir verlieren jede menschliche Identität.

Feiertage für unsere geistige Wirklichkeit: Identität

Deshalb haben wir Sukkoth und Simchat Thora. Diese Feiertage sind Teil unserer Werdungsgeschichte. Denn die erste Frage ist natürlich: Was bin ich eigentlich? Ein jüdischer Deutscher oder ein Deutscher Jude? Oder ein Jude in Deutschland oder Deutscher Bürger Jüdischen Glaubens? Was ist meine wahre Identität? Wenn Sie es selber nicht mehr wissen, hilft Ihnen Ihre Umgebung, sich daran zu erinnern. Sie waren, sind und bleiben ein Sohn oder eine Tochter des Volkes des Buches. Was Sie auch immer denken, machen und möchten.

·         Pessach: Während des Exodus, des Auszugs aus

Ägypten, begannen wir als Volk, unter beschwerlichen Umständen, als Sklaven verfolgt. Geistig waren wir nicht (ganz) zerstört.

·         Unseren geistigen Höhepunkt erreichten wir

sieben Wochen später zu Shawu’oth, wo wir unser Grundgesetz und unsere Lebenslehre erhielten und ein wahres Volk des Buches wurden.

·         Während Sukkoth feiern wir jedoch die Wüsten-

wanderung, das Symbol unseres 2000-jährigen Streifzuges über den gesamten Erdball bis auf den heutigen Tag: zahlenmäßig reduziert, oft angegriffen und angefeindet, aber quicklebendig und voller Energie, denn wir blieben mit unserer Thora verbunden, unserem ursprünglichen Vaterland, mit unserem Judentum, das wir überall hin mit nahmen. Deshalb feiern wir anschließend Simchath Thora. Die wahre Freude mit der Thora gibt es erst, nachdem wir die Thora zu Ende gelesen und ihren Inhalt umgesetzt haben. Shawu’oth war lediglich der Anfang.

Zurück zu den Wurzeln

An Sukkoth haben wir zwei Aufgaben zu erfüllen, um wieder ein wenig „ein ursprünglicher Mensch“ zu werden. Zurück zur durch G“tt erschaffenen Natur. Jede Berührung mit der unverfälschten Natur ist für uns, als städtische Menschen, ein „Aha-Erlebnis“ – denn: ja, so war es schon mal gewesen. Auf diese Weise kommen wir wieder in Verbindung mit unserem wahren „ich“, mit unserem wirklichen Ego, in dem unsere Persönlichkeit, als der/die von G“tt erschaffenen Kronprinz(essin), zu seinem/ihren Recht kommt. Kein Lohnsklave mehr, kein Süchtiger mehr von Instagram und Internet, nicht mehr automatisch den Griff zu unserem Mobil-Telefon oder den durchweg abgeschwenkten Blick Richtung What’s App. Alles ist auf einmal pure Natur.

 An Sukkoth sitzen wir in der Sukka und ergreifen ein Pflanzenbündel, den Lulav, und fühlen uns der grimmigen Natur komplett ausgeliefert.

Die Dreiteilung von Tischri

Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks, der ungekrönte „Millenium-Rabbi“, unterteilt unseren Festmonat Tischri in drei Bereiche:

·         Rosch Haschana ist der Geburtstag der Schöpfung. Am Geburtstag der Welt fragen wir uns selber, was es für uns bedeutet, Mensch unter der allumfassenden Souveränität G“ttes zu sein. Aber es gibt auch mehr: Rosch bedeutet auch Anfang und Shana (Jahr) kann auch Schinui (Veränderung oder Änderung) bedeuten. Somit ist Rosch Haschana der Ausgangspunkt eines total anderen Lebens geworden.

·         Während Jom Kippur wird es persönlicher. Was bedeutet es, die einzigartige Persönlichkeit zu sein, die ich bin? Was habe ich mit meinem Leben gemacht? Unser Leben ist das größte Geschenk, das G“tt uns machen konnte. Wie habe ich mich G“tt und meinem Mitmenschen gegenüber benommen? Wie kann ich alles, was ich beschädigt habe, verbessern und reparieren? Jom Kippur bildet den „turning point“, also die Stelle der Umkehr. Die Selbstanalyse wandelt sich zu einem festen Entschluss, meinen Egoismus in „dem anderen gegenüber mehr Rechnung zu tragen“ um zu programmieren. Egozentrik schlägt in Altruismus um. Es findet in unserem Bewusstsein ein „Mental Shift“, eine geistige Wende, statt: ich möchte ein Geber, anstatt ein Nehmer werden, verbindlich sein und nicht nur an mich selber denken.

·         Rabbi Sacks setzt mit Sukkoth fort: was bedeutet

es für mich, Teil des Jüdischen Volkes mit seiner langen Geschichte zu sein? Wie setzen alle guten Vorsätze in der Praxis um. Wir verlassen unser zu Hause – Symbol davon, dass wir uns ausschließlich mit uns selbst und unseren eigenen Interessen beschäftigen… und gehen hinaus, wo wir dem anderen begegnen.

Aber zu Sukkoth gehen wir zu unserem Ursprung zurück, zur unberührten Natur, von G“tt Selber erschaffen. Suka tijheh letsejl – die Sukkah bietet uns Schatten. Wie wackelig und durchsichtig auch das Dach der Sukkah sein mag, während sieben Tage, acht Tage, ist das unser Schutz. Wir sind komplett von Oben abhängig. Das Laubhüttendach erinnert uns an unsere alte „cloud“, an unsere alte Wolke, die uns während unserer Wüstenwanderung durchgehend beschützt hatte: die Ananej Kawod, die Wolken der G“ttlichen Majestät, die uns auf den Weg ins Gelobte Land begleiteten, wie Rabbi Sacks das so zutreffend beschreibt: „Sukkot reminds us of what it means to be a member of the Jewish people, sharing its past, its present and its hopes“.

Die große Lehre

Als ob wir wieder auf die Schulbank zurück gekehrt wären. Jedes Jahr steigen wir wieder eine Stufe höher. Nach und Nach verstehen wir jedes Jahr mehr, um was es sich im Leben dreht. Was der Sinn der Existenz unseres Jüdischen Volkes für uns und für unsere Umwelt bedeutet. Wir werden in unserer modernen, sich hetzenden, materialistischen, erfolgsausgerichteten Gesellschaft von einer großen Leere geplagt: was ist der Sinn dieser in Fragmenten aufgeteilten Existenz, in der wir uns durchgehend von uns selber entfremden und uns nur ausschließlich auf Dinge außerhalb von uns konzentrieren?

Wir empfinden eine tiefe Sinnlosigkeit des Bestehens, ein Gefühl, nirgends mehr zu zu gehören, die Kälte unserer Tastatur lässt uns den Mangel an menschlicher Wärme in unserer Umwelt so schmerzlich spüren.

Die Sukkah

Laut der Thora erstellen wir die Sukkah „aus Abfällen vom Dreschflur und Pressgefäß“, also Zweige und Stroh. Es sind die Überbleibsel der Ernte, die meistens achtlos weg geworfen werden.  Dieses symbolisiert im kabbalistischen Sprachgebrauch, was wir so oft als irrelevant außer Acht lassen: die Gefühle der anderen Menschen, deren Hoffnung, ihre Belange und Interessen. Aus und mit diesen Zweigen und Strohhalmen fertigen wir das Sechach, das durchsichtige Dach unserer Sukkah. Unser Draht nach Oben erfolgt durch unsere Verbindung zu unseren Mitmenschen.

Sobald wir den Mut aufbringen, auch an die Anderen zu denken und uns um den Mitmenschen zu kümmern, wendet sich unser Blick durch das Sechach (die Laubabdeckung) nach Oben, zu G“tt, Der für uns alle sorgt und letztendlich den tatsächlichen verbindenden Faktor bildet. Der Talmud verspricht uns, dass wir einst – in Messianischen Zeiten – alle zusammen in einer großen Sukkah sitzen werden, deren Größe wir uns nicht vorstellen können, als Symbol des vollkommenen Altruismus und der vollständigen Einheit.

Der Lulav

Wir nehmen die vier Pflanzenarten und vereinigen sie zu einem integralen Ganzen. Der Unterschied zwischen dem Palmenwedel, den Myrtenzweigen, den Wachweidenzweigen und dem Etrog (Zitrus) befindet sich u.a. im Geruch (Duft) und dem Geschmack. Der Geruch (Duft) symbolisiert in der mystischen Sprache Emotion und Tatkraft. Der Geschmack deutet auf Intellekt. Der Etrog Mann/Frau ist derjenige/diejenige, der/die uns durch seine/ihre intellektuelle Emotion anzieht. Er/sie hat uns inhaltlich etwas zu bieten und kann dieses auch auf uns übertragen, da er/sie uns mit seiner/ihrer Emotion, Taten und Ausstrahlung an sich bindet.

Alle anderen Pflanzenarten genügen noch nicht für diese „ideale Persönlichkeit“, werden jedoch einst dahin wachsen und selber auch verstehen, wie zu „verbinden“, wie wichtig für andere zu werden und wie sie auch inhaltlich anderen etwas mitgeben können. Zu lernen, zu lehren und den anderen als Teil von uns selber zu sehen (liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst), waren seit Menschengedächtnis die wichtigsten jüdischen Aktivitäten.

Simchat Thora

Die Freude mit dem Gesetz ist im Westen ein komplett unbekannter Begriff. Bei uns ist es bekanntlich der Höhepunkt der Freude. Haben Sie Ihren Nachbarn jemals mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch oder mit dem Strafgesetzbuch tanzen gesehen? In der Thora befindet sich natürlich mehr als nur eine Anzahl von Vorschriften. Ein bedeutender Teil ist jedoch schwerwiegend „ gesetzlich“. Wir tanzen mit der Thora, da wir uns davon bewusst sind, dass die Thora viel und viel mehr ist, als nur die Quelle unserer Rechtsprechung. Thora bedeutet Lehre. Die Thora ist – soweit wir das überhaupt erfassen können – ein schriftlicher Beweis der Weisheit G“ttes. Und da beim Allmächtigen Seine Weisheit eine vollkommene Einheit mit Seinem Wesen bildet, ist in der Thora die Gesamtheit des G“ttlichen in der Welt zusammen gefasst. Dieses können wir einfach nicht erfassen. Aber das macht gerade unsere Freude so groß. Beim Tanzen an Simchath Thora lassen wir die Thora verschlossen, also zusammen gerollt – als Zeichen, dass wir mit unserem Verstand sehr eingeschränkt sind – aber wir tanzen begeistert und ausgiebig, da wir uns knallhart davon bewusst sind, dass hier die Essenz unseres Wesens, der Kern unserer Existenz als Volk, niedergeschrieben stehen.

Ich wünsche Ihnen ein Chag Sameach und ein zutiefst inspiriertes Simchath Thora!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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