in

BEJAHT DIE TORA AUCH PLASTISCHE ODER KOSMETISCHE CHIRURGIE

BEJAHT DIE THORA AUCH PLASTISCHE ODER KOSMETISCHE CHIRURGIE
image_pdfAls PDF Speichernimage_printDrucken

Ein Baby in Israel brachte uns leider ein moralisches Dilemma. Alle drei Arme funktionieren vollkommen. Darf man den dritten Arm amputieren? Ich glaube schon, da es als eine „Refu’a“- angesehen, also als Genesung, betrachtet werden kann. Die berühmte Jerusalemer Autorität Rabbi Mosche Sternbuch kann dem zustimmen.
Das Kind würde durch diese „kosmetische“ Operation sowohl im psychologischen wie im soziologischen Sinne viele Vorteile erzielen. Obwohl drei Arme im Bereich der Büroarbeiten ideal wären, würde das Kind von klein auf ausgelacht und gequält werden.
Darf man einen ganzen, gesunden Körperteil opfern, um dem Rest dieses neuen Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen? Übertritt man hiermit nicht eine moralische Norm? Darf man sich selber verletzen? Lassen Sie uns dies mit einer älteren Frage vergleichen.

Körperliche Unvollkommenheiten spielen oft eine äußerst wichtige Rolle. Aus Meinungsumfragen erfuhr man, dass der Patient, der sich einem kosmetisch-chirurgischen Eingriff unterzieht, meistens körperliche Unauffälligkeit wünscht. Der Patient hat das Gefühl, dass er wegen einer hässlichen Nase oder wegen Segelohren auffällt. Dem plastischen Chirurgen geht es oft nicht um das äußerliche Schönheitsergebnis, sondern gerade um die Gesundheit seines Patienten. Der kosmetische Chirurg richtet sich in seiner Entscheidung danach, wie er operieren soll, indem er sich hierfür mit dem Entschluss vertraut macht, den der Patient über einen Teil seines Körpers gefällt hat. Hiermit hat die Körperpsychologie ihren Eintritt vollzogen.

DAS EIGENKONZEPT

Jeder Mensch hat ein Eigenkonzept, eine subjektive Selbsterfahrung: Gefühle, Meinungen und Erfahrungen, die man mit und über sich selber hat. Dieses ist kein statisches Bild; es kann sich, als Folge des eigenen Verhaltens und des Nachdenkens oder auf Reaktionen Anderer, erheblich verändern. Jeder hat auch ein Verhältnis zum eigenen Körper, eine Meinung und Beurteilung hierzu. Die Körpermeinung ist auch ein Teil des Selbstkonzeptes. Das Selbstkonzept umfasst eine Anzahl an Beurteilungen der eigenen Person, somit auch über den eigenen Körper. Die Körperidee ist meistens eine Bündelung von subjektiven und wertschätzenden Beurteilungen wie hässlich, schön, attraktiv, kräftig, ungesund.

In jeder Kultur und zu jeder Zeit kann man von einem bevorzugten Aussehen sprechen. Es bestehen auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen sind sich im Allgemeinen der Bedeutung, wie sie verschiedene Körperteile beurteilen, viel bewusster. Bei Frauen spielt die Körperidee im Selbstkonzept eine zentrale Rolle. Männern kostet es dagegen durchweg viel Mühe, die Bedeutung des Körpers mit sich selber zu klären. Oft spielt der Körper bei Männern bisher eine eher nebensächliche Rolle. Dieser festgestellte Unterschied zwischen Männer und Frauen ist bereits im Talmud, im Midrasch und in Responsen bekannt.

Weshalb möchte der eine wohl und der andere nicht, dass sein Äußerliches verändert wird? Beim Patienten, der oder die sich bei einem kosmetischen Chirurg anmeldet, überwiegt meist die unglückliche Einstellung, dass der Körper von dem, was man gerne sein möchte, oder von dem, was die Umgebung von jemandem erwartet, abweicht. Sie fühlen sich in ihrem Körper unglücklich, ihr Aussehen widerstrebt ihnen.

KOSMETISCHE VERSUS PLASTISCHE CHIRURGIE

Wie steht das Judentum zur Verschönerung des Äußerlichen mittels chirurgischer Eingriffe gegenüber? Zur gedanklichen Standortbestimmung müssen wir zwischen plastischer und kosmetischer Chirurgie unterscheiden. Bei plastischer Chirurgie werden Gewebefehler oder Gewebeverletzungen behoben, sowohl zur Wiederherstellung des Ursprungs wie zum Zweck der Funktion. Kosmetische Chirurgie ist die Änderung anatomischer bestehender Gegebenheiten, die wohl innerhalb der normalen vielfältigen Möglichkeiten der Variationen fällt, aber durch die Person als unangenehm empfunden wird. Unter Umständen wird kosmetische Chirurgie durch die Halacha erlaubt.
Hierbei spielen die folgenden Probleme eine Rolle:

  1. es ist verboten, den Körper unnötig zu schädigen. Ist der chirurgische Eingriff von so wichtiger Bedeutung, dass er die Unversehrtheit der körperlichen Integrität rechtfertigt?
  2. jede Operation birgt ein bestimmtes Risiko für das Leben in sich. Sicherlich bei einer Ganz-Narkose. Darfst man sich selbst einer solchen Gefahr für kosmetische Zwecke aussetzen?

Rabbi M. Klein macht einen Unterschied zwischen kosmetischer Chirurgie, die dazu dient, den Körper zu verschönern oder dem Alterungsvorgang entgegen zu wirken und plastischer Chirurgie, die dazu dient, Körperfehler, ob angeboren oder entstanden, zu beseitigen. Im Talmud werden mehr als hundertvierzig körperliche Gebrechen aufgezählt, die es einem Priester (Cohen) nicht erlauben, am Tempeldienst teilzunehmen. Rabbi M. Klein zieht die Schlussfolgerung, dass kosmetische Chirurgie erlaubt werden muss, um mehr oder weniger psychische Not zu erleichtern.

Rabbi J. Brejsch meint, dass der Eingriff im Körper, unvermeidlich bei jeder chirurgischen Handlung, nicht nur bei medizinische Anweisung erlaubt ist, sondern auch, um Schmerzen zu lindern. Im Jüdischen Codex (Schulchan Aruch) steht, dass ein Sohn seinen Vater nicht verletzen darf, selbst nicht aus medizinischen Gründen. Er darf also keinen Splitter entfernen, einen Aderlass verrichten oder Körperteile amputieren.
Aber Rabbi Mosche Isserles (1520-1577) fügt dieser Aussage an, dass, wenn der Vater Schmerzen hat und kein Arzt in der Gegend ist, der Sohn Aderlassen oder Amputieren darf, um den Schmerz zu beenden. Die Minderung des Schmerzes würde dann unter das Genesungsgebot fallen, sodass kein Verbot des Verwundens besteht.

PSYCHISCHE NOT

Tosafot (1250) erweitert den Begriff Schmerz auf psychische Not. Wenn ein bestimmter Geisteszustand jemanden davon abhält, sich zwischen Menschen zu begeben, wird das als Schmerz bezeichnet und das Verbot der „Verwundung“ aufgehoben. Deshalb urteilten sowohl Rabbi Brejsch wie Rabbi Klein, dass die Vermeidung normaler sozialer Kontakte als Folge eines körperlichen Gebrechens genügen würde, um kosmetische Chirurgie zu rechtfertigen. Laut dem Oberrabbiner von England, Sir Immanuel Jakobovits, sollte kosmetische Chirurgie gestattet sein, wenn man wegen seines Aussehens Probleme bei der Arbeitsstellensuche oder eines Ehepartners hat, da diese Qual nicht weniger schmerzhaft ist als ernsthafte soziale Benachteiligungen als Folge körperlicher Abweichungen. Es sollte klar und deutlich sein, dass kosmetische Chirurgie, als luxuriöse modische Erscheinung, durch das Judentum nicht geschätzt wird.

Obwohl das Risiko, während einer Operation als Folge der Narkose zu sterben, heutzutage immer geringer wird, war dieses früher ein wichtiger Grund des Überlegens. Ist es erlaubt, das eigene Leben in Gefahr zu bringen, um psychischen Schmerz zu erleichtern? Laut Rabbi Brejsch ist selbst Amputation erlaubt, um Schmerz zu verringern. Die Folgerung der meisten Gelehrten lautet, dass man Risiken eingehen darf, die in der Gesellschaft im Allgemeinen als redlich akzeptiert werden. Das Risiko eines kosmetisch-chirurgischen Eingriffes heutzutage fällt meiner Meinung nach auch hier drunter.

Interessant ist hierbei die Sichtweise von Nachmanides auf jeden medizinischen Eingriff: „ Genesen ist nichts außer Gefahr: was den einen heilt, tötet den anderen“, wobei dieser Rabbiner und Arzt aus dem Mittelalter sagen wollte, dass jede Genesung immer Risiken mit sich bringt. Jede Therapie beinhaltet eine bestimmte Gefahr, aber laut der Halacha braucht man sich über das Risiko nicht all zu viele Sorgen zu machen, weil es bereits im Gesamtplan einer therapeutischen Behandlung inbegriffen ist. Kosmetische Chirurgie wird erlaubt, wenn es ernsthaftes psychisches Leid ungeschehen macht.

Oberrabbiner R. Evers LL.M MSc

Report

What do you think?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

DNA Analyse halachische Antwort

DNA Analyse halachische Antwort

HINTERGRÜNDE DER BRIT-MILAH – BESCHNEIDUNG

HINTERGRÜNDE DER BRIT-MILAH – BESCHNEIDUNG