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BEVORZUGUNG KOMMT NICHT IN FRAGE, ABER BESONDERE AUFMERKSAMKEIT FÜR AUSSERGEWÖHNLICHE QUALITÄTEN IST GUT – Parascha Wajechi

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Ein guter Kontakt zwischen Eltern und Kindern ist die Grundlage für jede Erziehung. Ohne ein Gefühl der Wertschätzung für die Kinder wird “Chinug” (jüdische Erziehung) fast unmöglich. Jede gute Beziehung beginnt mit positiven Gefühlen der Liebe und Anerkennung. Gute Eltern geben ihren Kindern alle Mittel an die Hand, die sie brauchen, um unabhängig zu sein. Es ist ein langer Prozess des Fallens und Aufstehens- sowohl für die Kinder als auch für die Eltern – und G’tt sei Dank geht es meistens gut. 

Unverdaulich

Für die Kinder ist es oft unverdaulich, wenn eines der Kinder gegenüber den anderen bevorzugt wird. Das ist ein absolutes “No-Go”. Die Bevorzugung erzeugt hoffnungslose Eifersucht und Neid und zeigt wenig Sensibilität der Eltern für die Bedürfnisse der Kinder nach Gleichheit und “Ehrlichkeit”. Manchmal wird es als Machtmissbrauch empfunden, wenn Eltern den einen mehr erlauben oder geben als den anderen. 

Das Phänomen der Lieblinge

Das Phänomen der “Lieblinge” ist ebenfalls destabilisierend für die familiären Beziehungen, lässt sich aber kaum vermeiden. Unterschiede in der Natur, im Charakter, in den Eigenschaften oder Talenten schaffen eine intensivere Bindung zu einem Kind als zu einem anderen. Manchmal gibt es ein Problemkind, das aufgrund eines Mangels viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als die anderen. 

Bevorzugung verboten

Dem Talmud zufolge ist es verboten, “vor zu ziehen”. Als Beispiel wird angeführt, wie Ja’akow seinem Sohn Josef bevorzug. Infolgedessen begannen seine zehn Brüder, ihn furchtbar zu hassen. Sie konnten ihm nicht einmal mehr “Guten Tag” sagen, so empört waren sie über das Verhalten von Josef. Was war geschehen? Wir lesen es in der Tora (Bereschit/Gen 37:2-4): “Das sind die Nachkommen von  Ja’akow. Der 17jährige Josef hütete mit seinen Brüdern – er war ein junger Mann -, mit den Söhnen von Bilha und mit den Söhnen von Zilpa, den Frauen seines Vaters, das Kleinvieh. Und Josef überbrachte ihrem Vater schlechte Gerüchte über sie. Israel liebte Josef mehr als alle seine anderen Söhne, denn er war für ihn wie ein Sohn in seinem Alter. Außerdem ließ er sich ein mehrfarbiges Gewand anfertigen. Als seine Brüder sahen, dass ihr Vater ihn mehr liebte als alle seine Brüder, hassten sie ihn und konnten nicht freundlich mit ihm sprechen.” 

Üble Nachrede, um das Verhalten zu verbessern

Die bösen Gerüchte von Josef zielten darauf, das Verhalten der Brüder verbessern. Josef war der Jüngste. Es war schwierig für ihn, seine älteren Brüder zurechtzuweisen. So erzählte Josef seinem Vater von dem manchmal tadelnswerten Verhalten seiner Brüder, in der Hoffnung, dass er genügend Autorität besaß, um sie zurechtzuweisen und ihr Verhalten zu verbessern. Der Hass der Brüder führte dazu, dass Josef nach Ägypten verkauft wurde. Schließlich ging Ja’akows gesamte Familie nach Ägypten und die Sklaverei begann. Schon wieder?

Doch am Ende des ersten Buches der Tora scheint Ja’akow wieder zu bevorzugen (Bereschit/Gen. 48:5-6): “Deine beiden Söhne (Menasche und Ephraim), die dir im Land Ägypten geboren wurden, bevor ich zu dir nach Ägypten kam, gehören mir: Ephraim und Menasche gehören mir, ebenso Ruben und Shimon. Aber eure Nachkommen, die ihr nach ihnen zeugen werdet, werden euch gehören. Wenn sie ihr ererbtes Vermögen erhalten, werden sie unter dem Namen ihrer Brüder gezählt”. Erstens wurden diese beiden Söhne Josefs zu zwei Stammvätern ernannt, während die anderen Kinder Josefs und die übrigen Kinder der Stammväter keine “stammväterliche”-Position erhielten. Josef war der bechor (Erstgeborene) von Rachel und hatte als solcher Anspruch auf einen doppelten Anteil. Der Stamm Josef wurde in zwei Stämme aufgeteilt: Ephraim und Menasche.

Besondere Qualitäten

Aber hier werden außergewöhnliche Qualitäten besonders berücksichtigt. Menasche und Ephraim hatten sich als resistent gegen alle schlechten Einflüsse von außen erwiesen. Sie waren die ersten aus dem Stamm Ja’akow, die im unmoralischen Ägypten als große Tsadikkim aufwuchsen, die gegen ihre verdorbene Umgebung immun waren. Daher verdienten sie besondere Unterstützung und Anerkennung. Sie waren die Vorbilder für alle späteren Tsadikkim, die sich in Ägypten nicht angepasst haben. Deshalb wurde ihnen der Status von Stammvätern verliehen. Da ihr vorbildliches Verhalten sie dessen würdig machte, gab es keine Proteste von Seiten der übrigen Familie. Ja’akow war der Meinung, dass es nun möglich sei, problemlos “Ehrenmedaillen” zu verteilen. Der Rest der Familie hatte gelernt, Unterschiede zu schätzen. 

Keine Rivalität zwischen Menasche und Ephraim

Das Gleiche galt für die beiden Brüder Menasche und Ephraim. Menasche war der Älteste und von ihm würde später der Richter Gideon abstammen, für den G’tt ein Wunder vollbringen würde. Aber von Ephraim stammte Mosches Nachfolger, Jehoschua, ab, der das jüdische Volk nach Israel führen und es die Tora lehren sollte. 

Sur mera ve’asse tov

Menasche hatte als Attribut “sur mera”, halte dich vom Bösen fern. Ephraim hatte eher das Attribut ‘asse tov’, Gutes tun. Sich von schlechten Dingen fernzuhalten ist lobenswert, aber Gutes zu tun ist das eigentliche Ziel. Deshalb kreuzte Ja’akow seine Hände bei der Beracha und segnete beide, erlaubte aber Ephraim, den Vorrang vor Menasche zu haben. Menasche protestierte nicht. Noblesse oblige…

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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