Dwar Tora zum Wochenabschnitt Ki Tawo
Was Paraschat Ki Tawo über Eretz Jisrael, Geduld und den richtigen Zeitpunkt lehrt
Paraschat Ki Tawo beginnt mit den Vorschriften für die Zeit, wenn Am Jisrael in Eretz Jisrael angekommen ist und dort lebt. Schon die ersten Worte führen dabei zu einem tieferen Gedanken: Nicht nur wohin ein Mensch gelangen möchte, ist entscheidend – sondern auch wie und wann.
Rabbi Nachman miBreslev liegt eine wichtige Lehre darin, nicht alles beschleunigen zu wollen. Der Mensch soll stark wollen, sich bemühen und wachsen – aber nicht versuchen, den Zeitpunkt des Ergebnisses zu erzwingen.
„Wehaja ki tawo“ – mit Freude nach Eretz Jisrael
Die Parascha beginnt:
„Wehaja ki tawo el ha’aretz …“ – „Und es wird sein, wenn du in das Land kommst …“
„Wehaja“ wird mit Freude und etwas Positivem verbunden. Im Gegensatz dazu wird „Wajehi“ mit „Waj“ – einem Ausdruck von Schmerz – in Verbindung gebracht.
Das ist gerade hier bemerkenswert.
Mosche Rabbejnu spricht mit Freude über den zukünftigen Eintritt des Volkes nach Eretz Jisrael, obwohl er selbst weiß, dass er das Land physisch nicht betreten wird.
Er nimmt HaShems Entscheidung an und kann sich trotzdem über das freuen, was Am Jisrael bevorsteht.
Nach Rabbi Nachman ist Eretz Jisrael nicht nur ein geografischer Ort, sondern auch ein geistiger Zustand. Ein Mensch kann sogar im Galut – außerhalb Israels – etwas von Eretz Jisrael erreichen. Wenn er etwa eine Beracha (Segenspruch) mit wirklicher Kawwana (Andacht) spricht und sich bewusst vor HaShem stellt, kann er sich innerlich mit dieser Keduscha (Heiligkeit) verbinden.
Mosche war physisch nicht in Eretz Jisrael, konnte aber geistig einen solchen Zustand erreichen.
Eine wichtige Botschaft daraus:
Nicht alles muss so geschehen, wie wir es uns vorgestellt haben, damit wir HaShem mit Freude dienen können.
Mosche und der Fels – das Ergebnis nicht beschleunigen
Eine andere Episode im Leben Mosches zeigt die entgegengesetzte Gefahr.
HaShem befahl Mosche, zum Felsen zu sprechen. Mosche schlug den Felsen – und das Wasser kam sofort.
Nach diesem Gedanken lag sein Fehler auch darin, dass er das, was geschehen sollte, beschleunigen wollte.
Zum Felsen zu sprechen bedeutete: sprechen – und warten.
Mosche wusste, dass Wasser kommen würde. Durch das Schlagen kam es jedoch sofort.
Das Ziel war richtig. Das Wasser sollte kommen. Aber der Weg und der Zeitpunkt lagen bei HaShem.
Nur weil wir wissen, was wir erreichen möchten, bedeutet das nicht, dass wir auch bestimmen können, wann es geschehen soll.
Der Erew Raw – auch etwas Richtiges kann zu früh kommen
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Rabbi Natan miBreslev verbindet diesen Gedanken auch mit dem Erew Raw, den Menschen, die Mosche beim Auszug aus Ägypten mitnahm.
Diese Seelen sollten befreit werden. Doch für diesen großen Sprung von Unreinheit zu Heiligkeit waren sie noch nicht bereit.
Der Zeitpunkt war zu früh.
Später finden wir den Erew Raw unter anderem im Zusammenhang mit dem Goldenen Kalb.
Das Problem war also nicht unbedingt das Ziel. Diese Seelen sollten herausgeführt werden – aber alles zu seiner Zeit.
Etwas kann grundsätzlich richtig sein und trotzdem zu früh kommen.
Was man hetzt und erzwingt, trägt keinen Segen.
Unsere Generation will alles sofort
Gerade unsere Generation kennt dieses Problem besonders gut.
Wir möchten ständig alles sofort: Fast Food, schnelle Nachrichten, sofortige Antworten und möglichst schnelle Ergebnisse.
Wir glauben, dadurch Zeit zu gewinnen. Tatsächlich haben wir oft das Gefühl, überhaupt keine Zeit mehr zu haben. Unsere Großeltern hatten viel weniger Technik und trotzdem häufig mehr Ruhe.
Wir versuchen damit gegen ein Grundprinzip der Schöpfung zu leben:
Alles hat seine Zeit.
Rabbi Nachman war in diesem Punkt sehr vorsichtig. Wer die Zeit nicht ständig drängt, kann dadurch mehr Ruhe, Segen und Erfolg im Leben haben.
Die Gemara sagt:
„Kol hadochak et hascha’a – hascha’a dochakto.“
Wer die Zeit drängt, den drängt die Zeit.
Je mehr man erzwingt, desto schwieriger wird es
Man sieht dieses Prinzip sogar bei einfachen Dingen.
Wenn jemand unbedingt einschlafen möchte und denkt:
„Ich muss jetzt schlafen!“
wird er oft gerade deshalb nicht einschlafen.
Man muss loslassen, sich Zeit geben und aufhören, den Schlaf erzwingen zu wollen.
Ähnlich ist es bei Kindern. Eltern können einem Kind etwas tausendmal vorsagen – und trotzdem sagt es später vielleicht noch immer falsch.
Man muss dem Kind auch Zeit lassen.
Und man muss HaShem Platz lassen.
Von Rabbi Nachman wird erzählt, dass er seiner Bediensteten eine Sache nur einmal sagte. Wenn sie es anders machte oder nicht so ausführte, ließ er es stehen: Dann sollte es offenbar so sein.
Das bedeutet nicht, dass man nichts tun soll.
Es bedeutet, dass man seinen Teil tut, ohne die Wirklichkeit zwingen zu wollen.
Josef HaZaddik – zwei Jahre länger warten
Auch Josef HaZaddik musste auf den richtigen Zeitpunkt warten.
Im Gefängnis bat er den Mundschenk, sich an ihn zu erinnern und ihn beim Pharao zu erwähnen.
Nach einer bekannten Erklärung blieb Josef daraufhin noch zwei weitere Jahre im Gefängnis.
Der Mensch soll Hischtadlut – seine Mühe – machen.
Aber irgendwann muss er das Ergebnis HaShem überlassen.
Wenn es so sein soll, wie wir es wollen, dann wird es auch geschehen – aber zu HaShems Zeit.
Im Willen immer weitersteigen
Heißt das, dass man weniger wollen soll?
Gerade nicht.
In unserem Willen müssen wir immer weitersteigen.
Wir sollen mehr wollen: mehr Torah, mehr Tefilla, mehr Keduscha, mehr Nähe zu HaShem.
Bevor HaShem die Welt erschuf, stand zuerst der Wille zur Schöpfung. Der Ratzon – der Wille – kam vor der Tat.
Der Wille selbst ist rein. Deshalb darf ein Mensch in seinem Ratzon immer höher gehen.
Nur die Umsetzung liegt nicht vollständig in seiner Hand.
Früh aufstehen – den Ratzon stärken
Ein einfaches Beispiel:
Jemand möchte morgens früher aufstehen, aber es klappt immer wieder nicht.
Dann sollte er nicht sofort denken, dass er es einfach nicht kann.
Er kann seinen Ratzon stärken: sich vorstellen, wie er morgens aufsteht, was er lernen oder beten möchte, die notwendigen praktischen Schritte unternehmen und HaShem darum bitten, dass es gelingt.
Er macht seine Hischtadlut – und überlässt die Umsetzung HaShem.
„Mit ganzer Kraft kämpfen – in vollkommener Gelassenheit“
Rabbi Jisrael Jakubov fasst diesen Weg in einem scheinbaren Widerspruch zusammen:
„Mit seiner ganzen Kraft kämpfen – in vollkommener Gelassenheit.“
Mit ganzer Kraft im Willen.
Dort sollen wir wachsen, hoffen, beten und niemals aufgeben.
Und mit Gelassenheit bei unseren Taten.
Wir tun, was in unserer Hand liegt, aber wir erzwingen nichts. Wir lassen Raum dafür, dass HaShem bestimmt, wann und wie etwas geschehen soll.
Vielleicht ist das eine der wichtigen Botschaften von Ki Tawo.
Mosche wollte nach Eretz Jisrael. Trotzdem akzeptierte er HaShems Entscheidung und sprach mit Freude über das, was dem Volk bevorstand.
Wir sollen große Ziele haben und einen starken Ratzon.
Aber wir müssen nicht alles sofort bekommen.
Denn manchmal liegt der Segen nicht nur darin, was HaShem uns gibt – sondern auch darin, wann Er es uns gibt.
Mit ganzer Kraft im Willen – und mit vollkommener Gelassenheit in der Umsetzung.
Schabbat Schalom!
Oskar Baruch Baraev









