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Die letzte Durchsage

Werden wir sie beachten oder ignorieren?
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Das Boarding war schon fast abgeschlossen und die meisten Passagiere saßen schon im Flugzeug. Sie machten es sich bequem, denn sie hatten einen langen Flug vor sich. Die verantwortliche Stewardess schaute nervös auf die Uhr. Die geplante Abflugszeit war in weniger als 15 Minuten und es fehlten noch einige Passagiere, welche sich dem System nach im Flughafen befanden. Es kam oft vor, dass die Menschen im Dutyfree vor lauter Shopping die Zeit vergaßen, sodass die Stewardess zum Mikrofon grifft und laut und deutlich verkündete: „Achtung, Achtung! Dies ist eine Durchsage für die Passagiere des Fluges LX972 nach Tel Aviv. Bitte begeben Sie sich umgehend zum Ausgang des Gates B5!“

Wie immer half die Durchsage. Schon nach ein paar Minuten, sah man Menschen mit Dutyfree-Taschen zum Ausgang B5 hasten. Die ließen sich ihre Boardkarten scannen und stiegen ins Flugzeug. Die Stewardess scannte mit den Augen die Passagierliste in ihrem Computer, in der Hoffnung, dass alle Passagiere beisammen sind, doch musste enttäuscht feststellen, dass noch eine Person fehlte. Das Flugzeug musste in 5 Minuten abheben und die Sicherheitschecks hatten nicht mal begonnen. Gestresst griff die Stewardess zum Mikrofon und sage noch ruhig:

„Achtung, Achtung! Dies ist eine Durchsage für Herr Goldstein für den Flug LX972 nach Tel Aviv. Bitte begeben Sie sich umgehend zum Ausgang des Gates B5! Das Flugzeug wartet bereits!“ Sie wartete ein paar Minuten, dass Herr Goldstein auftauchen würde, aber von ihm fehlte jede Spur…

Ihre Kollegin aus dem Flugzeug ließ sie wissen, dass die Passagiere im Flugzeug langsam ungeduldig wurden und manche sich schon wegen der Verzögerung beschwert hatten. Sie entschied sich, dem Herrn Goldstein noch eine letzte Chance zu geben und schrie regelrecht ins Mikrofon. Ihre Stimme erhallte im ganzen Flughafen „DIES IST DIE LETZTE DURCHSAGE FÜR HERR GOLDSTEIN FÜR DEN FLUG LX972 NACH TEL AVIV! KOMMEN SIE JETZT ODER WIR FLIEGEN OHNE SIE!!“

Rot, wie eine Tomate, im Gesicht, kam Herr Goldstein angerannt. Er entschied sich, nächstes Mal auf das Nickerchen im Flughafen zu verzichten, um sich nie wieder in so eine Situation zu bringen. Während ihn die tobende Stewardess anschrie und verfluchte, scannte er wortlos seine Boardkarte und stieg ins Flugzeug. Die Blicke der anderen Passagiere zeigten ein Gemisch aus Neugier, Wut und Erbarmen, doch ihm war es egal. Hauptsache er hat den Flug gekriegt und wird in ein paar Stunden am richtigen Ort sein.

Wir alle sind jetzt dieser Herr Goldstein (bevor er ins Flugzeug stieg). Den ganzen Monat Elul wartet G´tt darauf, dass wir zu ihm zurückkehren. Wieder und wieder lässt er das Schofar blasen, um die Menschen daran zu erinnern, doch es hilft nicht. Er will kein weiteres Jahr voller Katastrophen geben, um die Menschen aus ihrem ewigen Schlaf zu erwecken. Doch wenn nichts anderes übrigbleibt…

jetzt ist es soweit. Die Gerechten wurden schon ins Buch des Lebens eingeschrieben und können sich entspannen. Die schlechten Menschen sind schon im Buch des Todes und denen kann nichts mehr helfen. Doch unsere Zukunft, die der Mittleren, ist noch nicht bestimmt. Jeder hat die Möglichkeit, sein vorläufiges Urteil zu annullieren und sich einen Platz im Buch des Lebens garantieren.

Am Yom Kippur gibt uns G´tt eine allerletzte Chance. Der Heiligste Tag im Jahr, mit der letzten Möglichkeit, doch noch aufzuwachen und die Gefahr zu erkennen, welche über unseren Köpfen schwebt. Es liegt an uns, ob wir uns dafür entscheiden die letzte Durchsage zu beachten und sich einen Platz im Buch des Lebens zu sichern oder weiterzuschlafen und später einen großen und aufwendigen Umweg machen müssen, um doch noch ans richtige Ziel zu gelangen.

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Written by Rav Dovid Gernetz

Der Autor wurde in Dnepropetrowsk, Ukraine geboren und ist in Berlin, Deutschland aufgewachsen. Er studierte zwei Jahre in einer Yeshiva in Zürich, Schweiz und anschließend zwei Jahre in einer Yeshiva in Gateshead, England. Seit seiner Hochzeit lebt er in Telz Stone in Israel.
Der Autor ist Vertreter von Imrey Deutschland e.V und verantwortlich für diese Website. Außerdem gibt er wöchentlich den Judentum.Online-Newsletter heraus und veröffentlicht zahlreiche Beiträge zu Themen rund ums Judentum.

Sprachen: Russisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch

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