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Eier und Oliven am Sederabend

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Eier und Oliven am Sederabend

Unser Einheitensystem ist dazu da, Berechnungen in der Physik so einfach wie möglich zu machen. Die meisten anderen Einheiten lassen sich aus den drei Grundeinheiten für Länge, Masse und Zeit ableiten. Die Basiseinheit der Länge wurde der Meter, der ursprünglich als vierzig Millionstel des Erdumfangs definiert war, gemessen entlang des Meridians des Pariser Observatoriums. Aus den Gradmessungen der Jahre 1792 bis 1798 wurde ein Standardmeter aus Platin hergestellt, der im Bureau International des Poids et Mesures in Sèvres bei Paris aufbewahrt wird. Als sich später herausstellte, dass die Gradmessung nicht ausreichend genau ausgeführt worden war, musste die Definition vom Meter geändert werden. Im Judentum gilt jedoch ein anderes Einheitensystem. Der Talmud rechnet mit Oliven, Eiern und Daumenbreiten.

Eier und Oliven wegen der Diaspora

Rav Jisrael Kanijewski, der Schwager des berühmten Chazon Isch, fragt sich, warum alle Maße im Judentum in Oliven und Eiern ausgedrückt werden. Die Antwort auf seine Frage fand er schließlich in den Antworten der Geonim, Gelehrten, die zwischen 650 und 1000 Jahren lebten: “Schon am Berg Sinai wusste Hakadosch Baruch Hu (G’tt),  dass die Juden eines Tages ins Exil gehen würden. Praktische Standards (wie z.B. ein Standardliter und -meter) würden in der Diaspora verloren gehen. Tora-Maße und Einheiten werden daher in Eiern und Früchten ausgedrückt, weil sie überall auf der Welt zu finden sind”. Diese Antwort impliziert weiter, dass die Tora kein Standard-Ei kennt, sondern dass jede Generation mit ihren eigenen Eiern messen kann.

Eier und Daumenbreiten

Ich mache diesen geometrischen Ausflug nicht im Hinblick auf das Ei auf dem Sederteller. Das befindet sich auf dem Sedertisch zur Erinnerung an das Chagiga-Fest-Opfer, das zusammen mit dem Pessach-Opfer in den Tempel gebracht wurde.

Die Bestimmung des Eivolumens ist wichtig für die Mizwa des Mazza-Essens. Am Sederabend müssen wir mindestens Mazza zur Größe von einer Olive essen. Eine Olive wird in der Halacha nach Maimonides (1135-1204) als ein Drittel Ei definiert; nach Tosafot (13. Jahrhundert) wird die Olive jedoch auf ein halbes Ei geschätzt. Jeder weiß, dass ein Hühnerei heutzutage ein durchschnittliches Volumen von etwa 50 cm3 hat, so dass es offensichtlich ist, dass mit 25 cm3 die Mizwa zum Mazza-Essen in der Sedernacht erfüllt ist.

Probleme traten jedoch auf, als man diese Größe mit einer alternativen Berechnungsmethode aus dem Talmud konfrontierte. Im Traktat Pesachim (109a) gibt Rav Chisda an, dass anderthalb Eier das gleiche Volumen wie ein Würfel von 2 bei 2 bei 2,7 Daumenbreiten haben (eine Daumenbreite ist etwa 2,4 cm).

Der Test von Rabbi Jecheskiel Landau

Vor einigen Jahrhunderten kam Rabbiner Jecheskiel Landau (1714-1793), der berühmte Autor der Response Noda beJehuda, auf die Idee, beide Maße zu vergleichen. Trotz wiederholter Messungen kam er zu der überraschenden Entdeckung, dass ein Würfel mit einer Breite von 2 bei 2 bei 2,7 Daumenbreiten genau doppelt so groß war wie anderthalb Eier in der heutigen Zeit (150 cm3 gegenüber 75 cm3).

Er kam zu dem Schluss, dass es wahrscheinlicher ist, dass die Eier in den letzten 2000 Jahren geschrumpft sind, als dass unsere Daumen sich in die Breite ausgedehnt haben. Unsere Eier sind also nur die Hälfte der Talmud-Eier! Seine Erklärung sorgte in der halachischen Welt für ziemliches Aufsehen.

Selbst der Chatam Sofer (1762-1839) war anfangs skeptisch: “Wenn sich ein Teil der Schöpfung ändert, würde sich zweifellos auch der Rest der Schöpfung proportional verändern, so dass der Unterschied nicht spürbar sein würde”, aber am Ende gab er diesen Gedanken wieder auf.

Die Lösung von Rabbiner Schimon Duran aus Algier

Nach der Entdeckung von Rav Landau bestand das große Problem darin, welche der beiden Größen – das heutige Ei oder der daumenbreite Würfel – nun in der Praxis für die Berechnung eines Kezajits (Olivengröße) verwendet werden musste: 25 cm3 oder 50 cm3? Rabbiner Schimon ben Zemach Duran (1361-1444), der als Oberrabbiner von Algier mehr als 900 Responsa veröffentlichte, hatte bereits vor der Zeit des Schulchan Aruch (1575) eine Lösung für dieses Problem gegeben, das er offenbar kommen sah:

– Wenn es sich um eine Mizwa aus der Tora handelt – wie die Mazza in der Sedernacht – müssen wir ‘lechumra’ gehen und der schwersten Meinung folgen;

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– Wenn es sich um eine Mizwa handelt, die von den Rabbinern festgesetzt wurde – wie heutzutage das Essen von Maror – kann man ‘lekula’ gehen und den leichteren Meinungen folgen.

Mazza von 50cm3 am Sederabend

Nach dieser Argumentation sollten wir am Sederabend von der Mazza so viel wie ein heutiges Ei essen, 50 cm3. Das entspricht einer talmudischen Olive. Die Poskim (halachische Entscheider) stellen fest, dass man nicht genau messen muss, sondern dass eine Schätzung ausreicht. Also man nehme ein Ei und schätze…

Über die Frage, ob das Ei mit oder ohne Schale geschätzt werden muss, möchte ich mich gedanklich mit Ihnen im nächsten Jahr in Jerusalem austauschen. Aus Platzgründen ist es notwendig, sich kurz zu fassen. Der Chazon Isch war nämlich nicht der einzige, der sich mit dieser Problematik befasst hatte.

Rabbiner Chaim Na’e und der Becher von Maimonides

Rabbiner Chaim Na’e war ein Lubawitscher Chassid, der Mitte des letzten Jahrhunderts Sekretär der BaDaTz, des Beit-Dins in Jerusalem, war.

Wegen der Widersprüche zwischen der Ei-Größe und dem Daumenbreite-Würfel gab Rav Chaim Na’e diese Berechnungsmethoden auf und konzentrierte sich ganz auf eine Tradition von Maimonides. Rambam schreibt, dass er einen Standardbecher von eineinhalb Ei-Größen anfertigen ließ, dessen Volumen in Wasser gemessen genau dem Gewicht von 27 ‘Draham’, einer alten arabischen Münze, entsprach.

Ein Draham wiegt 64 Gerstenkörner bzw. 3,2 Gramm, so dass nach Maimonides anderthalb Eier (= 3 Olivengrößen) fast 86,5 ccm. ergeben. Auf diesen Maßstab haben sich die sefardischen Rabbiner immer gestützt, und die Sichtweise des Rabbiners Chaim Na’e ist zum Minhag in Jeruschalajim geworden. Ein Kezajit-Mazza (Olivgröße) hat dieser Meinung nach etwa 28,8 ccm.

Das spezifische Gewicht von Mazza

Müssen wir jetzt laut dem Chazon Isch fast doppelt so viel Mazza essen wie laut Reb Chaim Na’e? Tatsächlich, nicht! Weil eine Variable noch nicht diskutiert wurde: Wie wird der cc oder cm3 von den verschiedenen Gelehrten definiert?

Das spezifische Gewicht

Der Chazon Isch folgt dem spezifischen Gewicht der Mazza, das etwas mehr als die Hälfte des spezifischen Gewichts von Wasser beträgt, während Rabbiner Chaim Na’e die Ansicht vieler sefardischen Poskim teilt und alles im spezifischen Gewicht von Wasser ausgedrückt sehen möchte.

Der Chazon Isch kommt in der Praxis auf etwa 27,7 Gramm und Rav Na’e kommt auf ein Gramm mehr. Da man für die Mazza-Stücke, die zwischen den Zähnen hängen bleiben und daher nicht gezählt werden, noch einige Gramm hinzurechnen muss, erfüllt man mit etwas mehr als dreißig Gramm nach allen Meinungen die gewichtige Mizwa, um am Sederabend Mazza zu essen. Wenn möglich, sollten die 30 Gramm innerhalb von zwei Minuten gegessen werden, aber innerhalb von vier Minuten (und laut einigen sogar neun Minuten) ist die Mizwa auch erfüllt.

Leschana haba’a Birushalajim habenuja!

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