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EIGENTLICH WAR DAS WUNDER DES KRÜGLEIN MIT ÖL NICHT SO ERFORDERLICH

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ERNEUERUNG DER VERBUNDENHEIT MIT CHANUKKA

Ich hatte immer viele Fragen an Chanukka, die erst in der vergangenen Woche beantwortet wurden:

·       Chanukka ist das einzige Jüdische Fest, das innerhalb von zwei jüdischen Monaten gefeiert wird. Es fängt am 25. Kislew an und endet am 3. Tewet. Dieses ist innerhalb der jüdischen Kreise eine beliebte Quizfrage: „welches jüdisches Fest wird über zwei Monate ausgedehnt“? Aber weshalb wird Chanukka genau am Wechsel des einen zum anderen Monat gefeiert?

·       Was war am Wunder von Chanukka so besonders? Es erfolgten doch im Tempel zu Jerusalem an jedem Tag zehn Wunder? Weshalb war das Wunder des Ölkrügleins so speziell?

Chanukka während zwei Monate

Nicht nur Rosch Haschana, das Ende des alten Jahres und der Anfang des neuen Jahres, werden bei uns gefeiert. Auch jedes Ende des alten Monats und der Anfang des neuen Monats sind ein kleines Rosch Haschana und ein kleines Jom Kippur, an denen wir über den vergangenen Monat Überlegungen anstellen und uns für die kommenden dreißig Tage gute Vorsätze vornehmen. Chanukka hat immer einen Rosch Chodesch – einen Neumondtag – in seinem Zeitlauf. Weshalb ist das so?

Der Tag des Neumondes wird Rosch Chodesch, der Beginn oder der Kopf des Monats, genannt. Der Anfang eines jüdischen Monats im Hebräischen Kalender ist am Erscheinen der ersten Mondsichel des Neumondes in der Natur zu erkennen.

Die Jüdische Kalendererrechnung richtet sich in erster Linie nach dem Lauf des Mondes um die Erde und ist im Prinzip ein Mondjahr, aber wird so weit wie möglich mit dem Sonnenjahr in Übereinstimmung gebracht. Die Vorrangstelle des Mondjahres ist philosophisch inspiriert: der aufgehende und abnehmende Mond sind ein Symbol für die Erneuerung des Jüdischen Volkes.

das Jüdische Volk geht nie verloren

„Genau wie der Mond, geht das Jüdische Volk nie verloren, selbst nicht in den dunkelsten Zeitbereichen. Erneute Blüte und Wiedergeburt sind zu allen Zeiten garantiert, solange G“ttes Kinder loyal zu IHM bleiben“, so der aus dem neunzehnten Jahrhundert stammende Rabbiner Hirsch.

Nach jedem Winter kommt immer ein Frühling

Chanukka und Rosch Chodesch haben vieles gemeinsam. Der Mond steht symbolisch für das Jüdische Volk. Der Mond schrumpft und wird kleiner. Manchmal ist der Mond am Firmament prächtig vorhanden, aber manchmal scheint er vollkommen verschwunden zu sein. Der Mond zeigt unsere versteckte Gabe, unsere Verbindung zu G“tt und zum G“ttlichen in der Welt wieder her zu stellen. Die Geschichte von Chanukka hat uns gelehrt, dass wir immer wieder aufblühen können. Ja, es stimmt tatsächlich, dass unsere Belebung des Judentums ab und zu eine Delle aufzeigt, abgeschwächt erscheint. Aber es gibt immer wieder einen Weg zurück. Unsere Geschichte zeigt auf, dass wir immer einen „come-back“ machen können. Nach jeder Depression gibt es wieder eine Belebung. Wir dürfen uns nie mit den Gegebenheiten abfinden. Nach jedem Winter kommt immer ein Frühling. Der Jüdische Geist ist flexibel und findet seinen Weg zur Inspiration, Wachstum und Blühte immer zurück.

Krise

Das Hebräische Wort für Krise ist Maschbejr. Maschbejr bedeutet auch Schwangerschaftsstuhl. Krisen sind nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Geburtswehen. Es entsteht etwas Neues. Deshalb sind wir aus allen Krisen der vergangenen 4000 Jahre selbst stärker herausgekommen, als wir davor waren.

In schwierigen Augenblicken erinnern wir uns daran, woher wir kommen, wer wir sind und weshalb wir hier sind. Schwierige Zeiten können Glück erzeugen, wenn wir zu unseren Wurzeln (zum Ursprung) zurückfinden.

Und sobald wir zu unseren Wurzeln zurück finden, wird die Verbindung mit dem Allmächtigen wieder vollständig wiederhergestellt. G“tt nimmt uns wieder zurück, als ob wir nie weg gewesen wären. G“tt verzeiht uns total und hegt keinen Groll. Diese erneuernde Kraft verbindet Chanukka und Rosch Chodesch.

Die zehn Wunder

Was war am Wunder von Chanukka so etwas Besonderes? Im Tempel zu Jerusalem ereigneten sich sowieso jeden Tag zehn Wunder?

Das Krüglein mit Öl

Beim Anzünden der Chanukka-Lichter sprechen wir als die zweite Beracha (Segensspruch) „…der in jenen Tagen, in dieser Zeit des Jahres Wunder für unsere Vorfahren verrichet hat“. Das „Wunder“ ist das Wunder des Krügleins mit Öl. Erst durch die G“ttliche Vorsorge fanden sie ein kleines Kännchen mit sauberem Öl, genug für einen Tag. Die geringe Menge an Öl blieb jedoch auf wundersame Weise 8 Tage lang brennen.

Das verwunderliche dieses Wunders war, dass wir dieses Wunder überhaupt nicht benötigten. Laut der Halacha (dem Jüdischen Gesetz) gilt, dass „tuma dechuja betzibbur“: wenn die meisten Menschen unrein sind, kann der Dienst im Tempel trotzdem stattfinden. Mit anderen Worten: wenn kein Wunder stattgefunden hätte, hätte man zu Zeiten der Makkabäer die Menora mit unsauberem Öl anzünden dürfen.

Erneuerte Liebe

Aber weshalb war es dann erforderlich, acht Tage zu warten und doch nur mit sauberem Öl an zu zünden? G“tt wollte dem Jüdischen Volk Seine erneuerte Liebe für sie zeigen und sie dazu im Stande setzen, nur mit sauberem, reinem Öl an zu zünden. Rabbi Joel Sirkes (1561-1640) nennt das chiba jetera, einen extra Liebesbeweis. Was war schiefgelaufen, was musste berichtigt werden und was war der Grund für die extra Liebe?

Zu Zeiten der Makkabim (2. Jahrhundert vor der Zeitrechnung) gingen die Kohanim (die Priester) mit dem Tempeldienst etwas schluderig vor. G“tt zeigte ihnen, indem er den Tempeldienst durch die hellenischen Syrer verbieten ließ, wo sie versagt hatten.

Antwort von Oben

Eine Gruppe von Kohanim, die Makkabim, war bereit, ihr Leben ein zu bringen, um diesen Tempeldienst wieder zurück zu erhalten. Die Antwort von Oben war, dass der Tempeldienst wieder möglich sein würde durch die Vertreibung der Götzendiener und dem Wunder des Krügleins mit Öl, das es ermögliche, um diesen (inzwischen wieder) heißbegehrten Tempeldienst erneut sauber und rein zu beginnen.

Reinheit des Öls

Trotz aller Feindseligkeit und Streit brachten die Makkabim in den G“ttesdienst neue Begeisterung mit. Die uninteressierte, nachlässige und uninspirierte Art, G“tt zu dienen, verschwand wie der Schnee vor der Sonne und machte den Platz frei für eine gänzlich neue Haltung. G“tt wollte Seinerseits zeigen, dass er ihnen alles verziehen hatte und dass die Beziehung wieder vollkommen gut war. G“tt stellte den ursprünglichen Zustand bis in die kleinsten Einzelheiten wieder her, einschließlich der Reinheit des Öls, mit dem die Menora entzündet wurde.

Neben allen anderen tagtäglichen Wundern war dieses Wunder zu Zeiten der Makkabim unentbehrlich. Es gab keine größere Freude als die Gewissheit, dass alles vergessen und verziehen war und sie wieder mit einem sauberen Weg anfangen konnten.

Starke Menschen in den Händen der Schwachen…

Aber es gibt noch viel mehr Aspekte von Chanukka, die für uns wichtig sind. Gerade in unserem Exil ist es außerordentlich wichtig, dass wir uns bewusstwerden, wie damals die Makkabim, dass wir das Judentum nur mit einer sehr kleinen Gruppe von Überzeugten und Begeisterten am Leben erhalten.

Vielleicht lesen wir deshalb immer kurz vor Chanukka die Parascha Mikez. Der Traum von Phara’o mit den sieben mageren und den sieben fetten Kühen brachte ihn vollkommen aus der Fassung, zumal keiner seiner Traumdeuter ihm, den „Herr Ägyptens“, den Inhalt des Traumes erklären konnte. Das konnte nur ein verachteter Jude! Phara’o befolgte den Rat dieses Juden und rettete so sein Volk und sei Land. Ein Wunder!

Viele den Händen von Wenigen anvertraut

„Al hanissim“ singen wir zu Chanukka. „Du hast die Starken (die Ägypter) in die Hände der Schwachen (die Juden) gelegt, Viele den Händen von Wenigen anvertraut, Böswillige den Händen der Jenigen, die sich mit Deiner Thora befassen“.

Dieses ist die Botschaft von Chanukka: das beinahe erloschene Lämpchen strahlt mit ungeahnter Kraft erneut und wird zu einem inspirierenden Licht, der Tsunami aus Gewalt und Aggression schlägt um in Frieden und Menschlichkeit und überall blüht das Wissen, das aus der Thora kommt…

Chag Chanukka Sameach!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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