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Josef und seine Brüder: vor und nach dem Tod ihres Vaters Jakob – Parascha Schmot

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 בסייד

Der Tora-Text über sie ist nicht sehr deutlich, aber im      

        Hebräischen Text gibt es Hinweise darauf, dass Josef

        seinen Vater Jakob, der in den letzten 17 Jahren seines     

        Lebens im Land Goschen in Ägypten lebte, nicht oft

        besucht hat. Die Kommentatoren, die die Tora auf diese

        Weise lesen, legen auch aus, warum. Josef wollte keinen

        Ärger bekommen. Es wäre nicht ausgeschlossen, dass

        Jakob irgendwann fragt, wie es dazu kam, dass er in

        Ägypten landete und Vizekönig wurde.

Josef hat den Kontakt eingeschränkt, um die Entführung zu vertuschen

Josef müsste dann die ganze Geschichte von seiner Entführung                und seines Verkaufs berichten und seine Brüder dieses

        schrecklichen Vergehens beschuldigen. Um dies zu

        vermeiden, schränkte er den persönlichen Kontakt zu

        seinem Vater ein. Ob Jakob jemals genau wusste, was

        zwischen den Brüdern vorgefallen war, bleibt unklar. Wie

        dem auch sei, was in der ersten jüdischen Familie der

        Menschheitsgeschichte geschah, ist mindestens genauso

        interessant.

Nach der Beerdigung versuchten die Brüder, Rache zu verhindern

In Bereschit/Genesis (50,15-21) lesen wir, wie die Brüder Josefs

        – nach der Beerdigung Jakobs – versuchten, Rache an ihnen

        zu verhindern: “Als die Brüder Josefs sahen, dass ihr Vater

        tot war, sagten sie: Wenn Josef uns hasst, wird er uns sicher

        alles Böse vergelten, das wir ihm angetan haben. Da sagten

        sie zu Josef: “Dein Vater hat diesen Befehl gegeben, bevor

        er starb: So sollst du zu Josef sagen: “Ach, vergib deinen

        Brüdern ihre Schuld und ihre Sünde, denn sie haben dir

         Unrecht getan. Aber nun vergib den Dienern des G’ttes

        deines Vaters ihre Verfehlungen. Josef weinte, als sie so mit

        ihm sprachen. Dann gingen auch seine Brüder zu ihm. Sie

        fielen vor ihm nieder und sagten: Seht, wir werden eure

        Sklaven sein. Da sagte Josef zu ihnen: “Habt keine Angst,

        stehe ich denn an der Stelle von G’tt? Ihr habt zwar Böses

        gegen mich gedacht, aber G’tt hat es für gut befunden, zu

        tun, was heute geschieht: ein großes Volk am Leben zu

        erhalten. Habt also keine Angst. Ich werde mich um dich

        und deine kleinen Kinder kümmern. So tröstete er sie und

        sprach zu ihren Herzen”. Ende des Zitats.

Josef weinte wegen des Racheverdachts

Josef weinte, weil die Brüder ihn der Rache verdächtigten. Er

        war so voller Überschwang, dass er überhaupt keine

        schlechten Gefühle hatte. Er war schockiert, dass sie ihn

        allein deswegen verdächtigten. Er nahm Abstand von den

        Rachegefühlen der Brüder bei seinem Verkauf und

        betrachtete nur ihre Handlungen und die Wendung, die G’tt

        vollzog, indem er Josef zum Vizekönig von Ägypten

        machte, und schloss daraus: Auch wenn ihr es nicht gut

        gemeint habt, hat G’tt, der die ganze Welt führt, es gut

        gemeint, und damit ist die Sache erledigt. Was für ein                        G’ttvertrauen und ein Vertrauen in die Mitmenschen, die es

        anfangs nicht gut meinten, dies aber später korrigierten und so die Beziehung verbesserten!

Wurde der Befehl tatsächlich erteilt?

Aber war diese Aussage der Brüder, dass ihr Vater Jakob den Befehl gegeben hatte, zu vergeben und Frieden zu schließen, wahr? Diese Anweisung Jakobs wird in der Tora nicht erwähnt, es könnte sich also durchaus um eine Notlüge gehandelt haben, die erlaubt ist, um Schlimmeres zu verhindern und größere Streitigkeiten und Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Die Brüder wollten ihre eigene Haut retten und jeglichen Groll Josefs von ihnen abwenden. Nach Jakobs Tod bekamen sie große Angst. Sie befürchteten, dass Josef sich nur so lange zurückgehalten hatte, wie ihr Vater noch lebte. Jakob hätte Josef niemals erlaubt, sich an den Brüdern zu rächen. Dies scheint die einfache Erklärung des Textes zu sein.   

Eintracht und Frieden

Rabbi Jesaja Horowitz (1558-1628) glaubt jedoch, dass Jakobs

Bitte keine Lüge war. Die Brüder kannten ihren Vater und

wussten, dass ihr Vater keinen Bruderzwist wollte sondern nur

wollte, dass seine Kinder zusammenhalten und sich lieben,

anstatt sich zu hassen. Jakob hätte sicher nicht gewollt, dass sie

sich voreinander fürchten.

Der Geist Jakobs

Vater Jakob wollte unbedingt, dass die Brüder auch nach seinem

Tod zusammenhalten. Vielleicht hat Jakob es nicht klar

ausgedrückt, aber es war sicher in seinem Geist, so etwas zu

verlangen. Es war also keine echte Lüge der Brüder. Darüber

hinaus haben sie in ihren Worten und Handlungen zwei

Visionen zu der Frage, was als nächstes zu tun ist, entwickelt.

Die Brüder wollten eine Art völlige Einheit, aber Josef

schlug eine Einheit in der Vielfalt vor.

Nach der Beerdigung kamen die Brüder in Josefs Palast und

knieten nieder. In ihrer Rede schlugen die Brüder vor, dass sie

alle der Führung Josefs folgen sollten: “Siehe, wir werden eure

Sklaven sein“.

Aber Josef gefiel diese Idee nicht. Die 12 Brüder,

die zu den 12 Stammvätern werden sollten, sollten sich nicht

einer allmächtigen Führungsfigur unterordnen, sondern jeder

sollte seine eigene Persönlichkeit entwickeln und sich auf seine

Weise verwirklichen. Mit anderen Worten: Die Brüder

propagierten eine völlige Einheit im Denken und Handeln

innerhalb der ersten jüdischen Familie, die in Ägypten zu einer

großen Nation wurde.

Josef wollte eine Rainbowcoalition

Doch Josef vertrat eine andere Philosophie: Niemand muss sich

vor einem anderen verbeugen. Ich schlage eine pluralistische

Einheit vor, eine Einheit mit verschiedenen Farben und

Schattierungen. Jeder soll seine individuellen Gaben und

Talente entfalten und so zum Ganzen beitragen, Einheit in der

Uneinigkeit. Auf diese Weise wird das Volk reicher und breiter

vertreten sein. In vielen Grundprinzipien sind wir uns sicher

einig, aber in anderen Bereichen muss jeder seine von G’tt

gegebenen Fähigkeiten zur Geltung bringen und darin seine

Erfüllung und Bestimmung finden. Josef nahm den Vorschlag

der Brüder nicht an. Jakob hätte nie eine Einheit zur

Unterordnung unter einen starken Führer gewollt, sondern nur

eine “Rainbowcoalition”.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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