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Ma Ha’edot? Was sind die Beweise? Fragt der Chacham. Bewegliche Monumente!

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Bewegliche Monumente!

Rabbi Jehuda Halevi (zwölftes Jahrhundert) besagt in seinem philosophischen Werk Kusari, dass die „Chukim“ Gebote sind, die wir zu akzeptieren haben, auch wenn wir die Inhalte davon nicht verstehen können. Mischpatim sind verständliche Gebote, die von jedem Menschen gefühlsmäßig angenommen werden können. Aber was bedeutet der Begriff „Edot“ – Beweise, Zeugnisse?

Eine weitere Frage. Wir sprechen in der Hagada: „ Ich hätte glauben können, dass wir bereits ab dem Anfang des Monats Nissan mit dem Sejder beginnen. Deshalb steht da: „an diesem Tag“. Nun hätte ich denken können, dass der Sejder bereits tagsüber hätte beginnen dürfen. Deshalb steht da: „deswegen“. Die Erzählung über den Auszug aus Ägypten kann nur an dem Augenblick beginnen, an dem Matza und Maror vor Dir liegen“.

Weshalb ist es unmöglich, mit der Erzählung über den Auszug aus Ägypten früher zu beginnen? Was ist daran so schrecklich? Menschen, die die Mitzwot rechtzeitiger beginnen, finden wir meistens gerade lobenswert?!

Rav Lau erzählt, dass ein Europäischer Gelehrter vor einigen Jahren nach Israel zu Besuch kam. Am Ende seiner Rundreise durch das ganze Heilige Land fragte er sich, weshalb er in Israel so wenig Monumente gesehen hatte: „In allen anderen Ländern werden Monumente und Erinnerungsdenkmale aufgestellt, um an Menschen und Ereignissen aus der Vergangenheit zu erinnern. Nur im Jüdischen Land, mit der reichsten Geschichte der ganzen Welt, gibt es keine Denkmale zur Erinnerung an Mosche Rabbejnu, an die Könige David oder Schlomo, an den Auszug aus Ägypten, an die Thora-Gesetzesgebung am Berge Sinai, usw., usw.

Der Professor fragte seine Freunde erstaunt: „Dieses passt doch nicht in das Land der Bibel?“.

Die Antwort auf diese Frage wurde durch den Ga’on von Lutsk, Rabbi Salman Sorotskin, gegeben: „Das Jüdische Volk ist während seiner Geschichte über die ganze Welt gewandert. Nirgendwo konnte es dauerhafte Denkmale aufstellen.

Deshalb hat das Jüdische Volk mobile Denkmale erhalten, die unser Volk auf allen seinen Wegen begleitet haben. Die Matza, die wir essen, ist das „Denkmal“ für den Auszug aus Ägypten. Gibt es sonst noch wo auf der Welt ein Denkmal, dass es in allen Ecken und Winkeln der Erde mehr als dreitausenddreihundertdreissig Jahre ausgehalten hat? Gibt es sonst wo noch ein Volk, dass alle geschichtlichen Einzelheiten, die es im Laufe seiner Geschichte durchlebt hat, in Riten, Symbolen und Halachot, die uns schon Tausende von Jahren zusammen halten, bewahrt hat ?

Der Teig unserer Vorfahren erhielt nicht die Zeit, zu gären. Deshalb befinden sich bis auf den heutigen Tag überall Matzot auf dem Sejdertisch, von Wladiwostok bis Los Angeles, von Helsinki bis Melbourne, in traditionsreichen und weniger traditionellen Häusern.

Auch der oder das Maror ist ein reisendes Denkmal, das wir zur Erinnerung an die Tatsache essen, dass die Ägypter uns das Leben verbitterten. Das Charosset ist eine Erinnerung an den Lehm. Das Knöchelchen erinnert uns an den ausgestreckten Arm, mit dem G“tt uns hinaus führte. Das Ei steht für das Festopfer, dass wir an Pessach im Tempel brachten.

Die vier Becher geben den vier Aussprüchen und Ebenen der Befreiung ihre Bedeutung. Alle Mitzwot und Bräuche des Sederabends sind mobile Denkmäler des Auszuges aus Ägypten. Auch viele andere Mitzwot erinnern uns an der Werdung des Jüdischen Volkes beim Auszug aus Ägypten: Tefillin, Tzitzit, Schabbat und noch viele andere Ge- und Verbote betonen die unterschiedlichen Aspekte des Exodus.

Das Wort Beweis ist nun klar. Alle Aspekte des Sederabends sind Beweise, die allen kommenden Generationen G“ttes Wunder deutlich und greifbar machen. Deshalb muss über den Auszug aus Ägypten gesprochen werden – gerade in dem Augenblick, an dem Matza und Marror vor Euch liegen. Denn nur auf diese Weise wird der Beweis, der Nachweis über den Auszug aus Ägypten vollständig, konkret und erkennbar.

Weshalb essen wir diese Matze? Dadurch, dass der Teig unserer Vorfahren keine Möglichkeit zum Gären hatte. Weshalb essen wir dieses Marror? Da die Ägypter das Leben unserer Vorfahren verbittert hatten. Dieses ist auch der Grund dafür, dass viele Skeptiker die Episode des Auszuges aus Ägypten nicht vollständig ablehnen können.

Kritiker suchen natürliche Ursachen für die zehn Plagen oder für die Teilung des Schilfmeeres, aber man hört selten, dass der Exodus nie statt gefunden hätte. Es ist geschehen, da wir es in jeder Generation wieder neu entstehen lassen und es mit Leben erfüllen.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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