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Ree - der Segen des heutigen Tages - Judentum online

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Re’eh – der Segen des heutigen Tages

Wieso die Torah uns lehrt, heute neu zu beginnen

Paraschat Re’eh wird jedes Jahr kurz vor Beginn des Monats Elul gelesen. Darin liegt ein besonderer Remez – ein geistiger Hinweis:

רְאֵה אֱלוּל הַבָּא – Re’eh Elul ha-ba: „Siehe, Elul kommt.“

Elul ist der Monat der inneren Einkehr, der Teschuwa und der Vorbereitung auf Rosch HaSchana. Noch bevor diese besondere Zeit beginnt, richtet die Torah in Paraschat Re’eh einen eindringlichen Aufruf an uns:

„Siehe, Ich lege euch heute Segen und Fluch vor.“
(Dewarim 11,26)

HaShem legt dem Menschen zwei Wege vor: den Weg des Segens, wenn er auf Seine Gebote hört, und den entgegengesetzten Weg, wenn er sich von ihnen entfernt.

Doch weshalb betont die Torah ausdrücklich das Wort „heute“ – הַיּוֹם, haJom?

Hätte es nicht genügt zu sagen: „Siehe, Ich lege euch Segen und Fluch vor“?

Gerade in diesem einen Wort liegt eine grundlegende Botschaft für unser Leben.

Jeder Tag ist eine neue Schöpfung

Der Keduschat HaLevi, Rabbi Levi Jizchak von Berditschew, lehrt, dass HaShem die Welt jeden Tag aufs Neue erschafft.

Im Morgengebet sagen wir:

„Der in Seiner Güte jeden Tag fortwährend das Werk der Schöpfung erneuert.“

Der heutige Tag ist daher nicht lediglich eine Fortsetzung des gestrigen. Er ist eine neue Schöpfung, eine neue Möglichkeit und ein neuer Anfang.

Das bedeutet: Ein Mensch ist nicht für immer an seine Vergangenheit gebunden.

Vielleicht hat er gestern Fehler gemacht, eine Mizwa versäumt oder eine falsche Entscheidung getroffen. Dennoch schenkt HaShem ihm heute einen neuen Tag – und damit die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen.

Aber auch wer gestern viel Gutes getan hat, darf sich nicht auf seinen Verdiensten ausruhen. Jeder Mensch steht heute erneut vor der Wahl zwischen Segen und Fluch.

Als Jischmael in der Wüste lag, heißt es:

בַּאֲשֶׁר הוּא שָׁם – „so, wie er dort ist.“
(Bereschit 21,17)

Raschi erklärt, dass HaShem den Menschen entsprechend seinem gegenwärtigen Zustand beurteilt – danach, wie er in diesem Augenblick vor Ihm steht.

Darin liegt eine gewaltige Hoffnung:

Du bist nicht für immer der Mensch, der du gestern warst. Entscheidend ist, wo du heute stehst und welchen Weg du heute wählst.

Gleichzeitig enthält dieser Gedanke einen Trost für schwere Zeiten. Auch wenn ein Mensch heute Sorgen, Enttäuschungen oder Misserfolge erlebt, darf er nicht glauben, dass es für immer so bleiben muss.

Wenn HaShem die Welt jeden Tag neu erschafft, kann auch die Situation eines Menschen neu werden.

Der Schmerz von heute muss nicht die Wirklichkeit von morgen sein.

Der Mensch besitzt nur den heutigen Tag

Der Ben Isch Chai erklärt, dass das Wort haJom den Menschen daran erinnert, dass ihm letztlich nur der heutige Tag zum Handeln zur Verfügung steht.

Die Vergangenheit ist vergangen. Wir können aus ihr lernen, aber wir können sie nicht mehr verändern. Die Zukunft wiederum liegt nicht vollständig in unserer Hand. Niemand weiß mit Sicherheit, was der morgige Tag bringen wird.

Der einzige Zeitpunkt, an dem wir tatsächlich handeln können, ist heute.

In Pirkei Avot heißt es:

„Kehre einen Tag vor deinem Tod um.“
(Pirkei Avot 2,10)

Doch woher soll ein Mensch wissen, wann sein letzter Tag sein wird?

Gerade weil er es nicht weiß, soll er jeden Tag Teschuwa machen.

Diese Aussage soll uns nicht in Angst versetzen. Sie soll uns daran erinnern, das Wesentliche nicht ständig aufzuschieben.

Vielleicht weiß ein Mensch schon lange, dass er jemanden um Verzeihung bitten sollte. Vielleicht möchte er regelmäßiger Torah lernen, eine Mizwa sorgfältiger erfüllen oder bewusster mit seinen Worten umgehen.

Doch immer wieder sagt er:

„Morgen.“

Die Torah antwortet:

„HaJom – heute.“

Beginne heute. Nicht erst dann, wenn alle Umstände vollkommen sind. Nicht erst, wenn du mehr Zeit, mehr Kraft oder mehr Sicherheit hast.

Der heutige Tag ist der Tag, den HaShem dir gegeben hat.

Wer mit diesem Bewusstsein lebt, lässt auch weniger Raum für falschen Stolz, Geltungssucht und lang anhaltende Kränkungen. Würden wir diesen Tag als den einzigen betrachten, den wir sicher besitzen, verlören viele Dinge, über die wir uns ärgern, plötzlich ihre Bedeutung.

„Heute“ – Segen oder Fluch

Die Torah spricht nicht nur vom Segen, sondern von Segen und Fluch.

Darin liegt ein weiterer Gedanke: Selbst das Bewusstsein, dass unser Leben begrenzt ist und wir nur den heutigen Tag sicher besitzen, kann entweder zum Segen oder zum Fluch werden.

Zum Segen wird es, wenn ein Mensch sagt:

„Meine Zeit ist kostbar. Deshalb werde ich heute Teschuwa machen, heute eine Mizwa erfüllen, heute lernen, helfen und etwas verbessern.“

Zum Fluch wird derselbe Gedanke, wenn er daraus den entgegengesetzten Schluss zieht:

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„Vielleicht gibt es kein Morgen. Deshalb möchte ich heute nur genießen und jede Verantwortung von mir weisen.“

Ein Beispiel dafür finden wir bei Esaw.

Als Jaakow ihm das Erstgeburtsrecht abkaufen wollte, sagte Esaw:

„Siehe, ich gehe dem Tod entgegen. Wozu brauche ich das Erstgeburtsrecht?“
(Bereschit 25,32)

Esaw machte die Endlichkeit des Lebens zur Begründung dafür, etwas von bleibendem geistigem Wert gegen einen augenblicklichen Genuss einzutauschen.

Seine Haltung lautete: Wenn das Leben ohnehin endet, zählt nur das, was ich jetzt genießen kann.

Die Torah lehrt uns das Gegenteil:

Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, besitzt jede Entscheidung einen besonderen Wert.

Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit soll den Menschen nicht in Verzweiflung führen. Es soll ihn wachrütteln.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob wir heute leben, sondern wie wir den heutigen Tag nutzen.

Das Versprechen eines Jungen

Eine bewegende Geschichte verdeutlicht diese Botschaft.

Jonathan stammte aus einer nichtreligiösen Familie. Eines Tages äußerte er den Wunsch, eine Bar Mizwa zu feiern. Sein Vater kannte sich mit den religiösen Einzelheiten nicht gut aus, war jedoch bereit, seinen Sohn zu unterstützen, und brachte ihn zu einem Rabbiner.

Der Rabbiner fragte Jonathan, weshalb ihm die Bar Mizwa und ein Leben nach der Torah plötzlich so wichtig geworden seien.

Der Junge erzählte, dass er sich schon lange einen kleinen Bruder gewünscht hatte. Er hatte zu HaShem gebetet und versprochen:

„Wenn Du mir einen kleinen Bruder schenkst, werde ich beginnen, nach Deinem Weg zu leben.“

Am folgenden Tag begann Jonathan jedoch nachzudenken: Woher sollte er wissen, ob die Geburt seines Bruders tatsächlich eine Antwort auf sein Gebet sein würde?

Deshalb bat er um ein Zeichen: Sein kleiner Bruder sollte an seinem eigenen Geburtstag geboren werden.

Etwa ein Jahr später brachte seine Mutter tatsächlich einen Jungen zur Welt – nach dem bürgerlichen Kalender fünf Tage vor Jonathans Geburtstag.

Jonathan hätte nun sagen können, das Zeichen sei nicht vollständig eingetroffen. Doch er reagierte anders:

„Fünf Tage sind nah genug. HaShem hat Seinen Teil erfüllt. Jetzt bin ich an der Reihe.“

Der Rabbiner war von der Aufrichtigkeit und Entschlossenheit des Jungen tief beeindruckt.

Später stellte sich heraus, dass Jonathan nur nach dem bürgerlichen Kalender gerechnet hatte. Nach dem jüdischen Kalender war sein kleiner Bruder tatsächlich genau an seinem Geburtstag geboren worden.

Dieser Junge wurde später der bekannte jüdische Redner und Pädagoge Rabbi Jonathan Rietti.

Jonathan wartete nicht auf ein weiteres Zeichen. Er suchte keine Ausrede, um sein Versprechen aufzuschieben.

Er verstand:

Wenn HaShem mir heute einen Weg eröffnet, muss auch meine Antwort heute beginnen.

(Rav Yehuda Zev Klein: „The Incredible Story of the Bar Mitzvah Boy’s Deal with G-d“.)

Siehe, Elul kommt

Nun verstehen wir den besonderen Hinweis, der in Paraschat Re’eh liegt:

רְאֵה אֱלוּל הַבָּא – Re’eh Elul ha-ba: „Siehe, Elul kommt.“

Elul ruft uns nicht nur dazu auf, über unsere Fehler nachzudenken. Elul erinnert uns vor allem daran, dass Veränderung möglich ist.

Vielleicht tragen wir Fehler aus der Vergangenheit mit uns. Vielleicht haben wir gute Vorsätze immer wieder verschoben. Vielleicht glauben wir, zu weit entfernt zu sein oder unsere Situation nicht mehr verändern zu können.

Doch HaShem sagt:

„Siehe, Ich lege euch heute Segen und Fluch vor.“

Nicht gestern.

Nicht irgendwann in der Zukunft.

Heute.

Heute können wir Teschuwa machen.
Heute können wir jemanden um Verzeihung bitten.
Heute können wir vergeben.
Heute können wir eine Mizwa erfüllen.
Heute können wir mit dem Torahlernen beginnen.
Heute können wir einen Schritt näher zu HaShem gehen.

Wir können nicht jeden Teil unseres Lebens kontrollieren. Doch HaShem legt uns jeden Tag erneut die Möglichkeit zur Wahl vor.

Ob der heutige Tag für uns zum Segen oder zum Gegenteil wird, hängt davon ab, was wir aus ihm machen.

Der gestrige Tag ist vergangen. Der morgige Tag wurde uns noch nicht gegeben.

Doch der heutige Tag liegt vor uns.

Re’eh – sieh hin.
Elul ha-ba – Elul kommt.
Und der richtige Zeitpunkt, neu zu beginnen, ist heute.

Schabbat Schalom

 

Oskar Baruch Baraev

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