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SUBJEKTIVE UND OBJEKTIVE EMPFEHLUNG – Parascha Wajera

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Parscha Wajera (Bereschit/Genesis 18:1 – 22:24)

„G“tt erschien Avraham in den Feldern von Mamrej“

(18:1)

G“tt besuchte Avraham und heilte ihn von seinen Beschneidungsschmerzen in den Feldern, also auf dem Gebiet von Mamrej. Mamrej, Anejr und Eschkol waren Avrahams Bundesgenossen.

Laut der Midrasch (Erklärung) hatte Avraham seine drei Bundesgenossen um ihren Rat gebeten, ob er die Brit Mila (die Beschneidung) durchführen solle:

·      Anejr sagte ihm, dass er durch die Beschneidung geschwächt würde. Avraham hatte, nach seinem Sieg über die vier Könige, noch allerhand Feinde (Genesis 14) und musste das  berücksichtigen.

*  Eschkol sagte, dass so eine Operation lebensgefährlich sein könnte.

*  Nur Mamrej sagte zu Avraham, er solle auf G“tt vertrauen. Deshalb erschien G“tt  Avraham auf dem Territorium von Mamrej.

Warum Beratung?

Aber weshalb benötigte Avraham Beratung, wo G“tt selber ihm die Brit Mila anordnete?

Unsere Weisen erzählen uns dass G“tt, bevor ER den Menschen erschuf, bei den Engeln Rat einholte. Obwohl die Engel, als Geschöpfe G“ttes, niedriger als der Allmächtige stehen, bat G“tt trotzdem um ihren Rat. Wieso? Als Beispiel für den Menschen. Weshalb ist einen Rat einholen immer gut? Da jeder 

subjektiv urteilt und reagiert.

wie Andere diese Situation beurteilen

Es gibt zwei Arten, einem Anderen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen:

–       Derjenige, der den Rat erteilt, kann seine eigenen Ansichten oder Empfindungen zur Problematik erläutern. Dann wissen wir, wie Andere diese Situation beurteilen. Ich nenne diesen einen subjektiven Ratschlag.

–       Dieser kann sicherlich wichtig sein, aber die höchste Art der Beratung ist, Dich als Ratgeber in die Lebenswelt des Fragestellers einzufühlen und aus seiner Perspektive die Problematik zu beurteilen. Diese kann man als objektiven Ratschlag bezeichnen.

Beim objektiven Ratschlag ist das Wichtigste, dass der Ratgeber „außenvorbleibt“ und nicht seine eigenen Gefühle oder Empfindungen auf die vorliegende Situation projiziert… Er sollte sich selber „zurücknehmen“ oder „lösen“ und sich eigentlich nur fragen, was die Lebensperspektive des Fragestellers sei.

Avraham zweifelte überhaupt nicht an der Anweisung G“ttes, sich zu beschneiden. Anejr und Eschkol rieten Avraham nicht ab, die Brit Mila durchzuführen. Aber ihr Rat erfolgte aus Sicht ihrer eigenen Ängste. Sie meinten, dass Avraham negative Nebeneffekte der Brit Mila berücksichtigen und Vorsorgemaßnahmen treffen sollte.

Mamrej gelang es jedoch, sich total in Avrahams Perspektive hineinzuversetzen. Er kannte Avrahams G“ttvertrauen und riet Avraham, diese einschneidende Operation aus einem Empfinden der vollständigen Sicherheit des G“ttlichen Beistandes vorzunehmen.

psychologische Höchstleistung

Dies war eine psychologische Höchstleistung und wird deshalb in der Thora erwähnt. Mamrej wurde belohnt, da er es verstand, sich von seinen eigenen Empfindungen zu lösen. Er ließ sich nicht von seinen eigenen Gefühlen leiten, sondern war im Stande, komplett aus der Sichtweise und dem Seelenzustand von Avraham zu entscheiden und ihn zu beraten. Möchte man sich der Wahrheit annähern, dann sollte man versuchen, die Situation so objektiv wie möglich zu analysieren. 

Ein wahrhaftiger Freund kann darüber hinaus aus Deiner eigenen Sichtweise denken und seine eigenen Empfindungen auch mal ausschalten. Und das kann manchmal entscheidend sein.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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