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SUKKOT, DAS LAUBHÜTTENFEST UND SIMCHAT TORA 5779

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Kurz vor Sukkot, dem Laubhüttenfest, machen sich viele Juden auf, um den schönsten Etrog (die Zitrusfrucht), den Lulav (den Palmwedel), der am geradesten ist, eine Hadassa (einen Myrtenzweig) mit den meisten Blättern und einen Arava (einen Bachweidenzweig) mit den schönsten langen Blättern, den es auf dem Markt zu finden gibt, zu kaufen.

Sie machen das, da die Bnej Jisraejl nach dem Exodus bei der Teilung des Jam Suf (des Schilfmeeres) sangen: „Se Keli we’anwehu – Dieses ist mein G“tt, und ich werde IHN erfreuen“. Dieses Wort ‚we’anwehu‘ kann auf viele Arten übersetzt werden. Erfreuen, verschönern, gleichwerden.

 

Zwei Erklärungen

Der Talmud (B.T. Schabbat 133b) erklärt diesen Vers auf zweierlei Arten. „Verschönert Euch selber vor G“tt bei der Erfüllung von Mitzwot (Geboten), verwende einen schönen Schofar, erstelle eine schöne Sukkah, kauf einen schönen Lulav, usw.“

 

Aber der selbe Text kann auch ganz anders interpretiert werden: „Dieses ist mein G“tt und ich werde so sein, wie ER“. Wir sollten versuchen, G“tt so viel wie möglich nach zu machen. Wir sollten wie HaShem sein: genau so, wie ER gnädig und mitfühlend ist, so sollten auch wir gütig und sympathisch sein. Wegen dieser Erklärung steht in der Halacha (Orach Chaim 625, Scha’arej Teschuwa), dass wir am Vorabend von Sukkot mehr Spenden leisten sollen als Zeichen von Tzedaka (Wohltätigkeit).

Aber was hat Wohltätigkeit mit Schönheit zu tun?

 

Ein unberechtigter Vorwurf

Befasst sich das Judentum mit Schönheit und Kunst? Uns wird schon mal ein Mangel an Gefühl für Kunst vorgeworfen. Um die angebliche Missachtung der Chachamim (der Weisen) für die Schönheit der Natur zu beweisen, zitiert man Rabbi Ja’akow an passender und unpassender Stelle: „ Wenn jemand sich auf den Weg begibt und wiederholt, was er gelernt hat, dann mit dem Lernen aufhört und ausruft: wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieser Acker“, dann kreidet man ihm das  an, als ob er sich an sich selbst versündigt hätte“ (Pirkej Awot 3:9).

Entfaltung der ästhetischen Empfangsbereitschaft 

Die Kritiker vergessen jedoch, dass diese Verurteilung einem gilt, der sich nicht länger dem Thora-Studium widmet und nur die Natur sieht, ohne den Schöpfer alles dieses. Die Entfaltung der ästhetischen Empfangsbereitschaft als Quelle der Lebensfreude oder zur Steigerung der inneren Harmonie fehlt im Judentum sicherlich nicht! Aber es ist wohl zu wenig…

 

Für Kunst und Ästhetik gilt dasselbe, wie für alle anderen irdischen Phänomene: alles soll der Entfaltung des höchsten menschlichen Aspektes unterliegen, der Beziehung Mensch-G“tt. Die höchste Stufe von künstlerischer Kreativität ist der Mensch als Geschöpf, erschaffen im Ebenbild G“ttes.

„Bild“ sauber halten 

Der berühmte Mischna-Gelehrte Hillel (erstes Jahrhundert) hatte das verstanden. Als er die Lehranstalt verließ, wurde er von seinen  Schülern begleitet. „Meister, wohin gehst Du?“, fragten sie.

Hillel antwortete, dass er ein Gebot erfüllen wolle. „Welche Mitzwa?“ fragten die Schüler. „Ich gehe mich baden“ antwortete Hillel. „Das bedeutet eine Mitzwa?“ „Selbstverständlich“ antwortete Hillel, „in den Theatern und Circussen befinden sich Standbilder des Kaisers. Ein hoher Funktionär ist mit dem Säubern und der Pflege dieser Standbilder speziell beauftragt worden. Ich, der in G“ttes Ebenbild geschaffen wurde, wie es geschrieben steht (Genesis 1:27): „Und G“tt schuf den Menschen in SEIN Ebenbild“ bin doch sicherlich dazu verpflichtet, dieses „Bild“ sauber zu halten?“.

 

Kein Ziel als Selbstzweck

 

Die Jüdische Erziehung richtet sich auf die Entfaltung der spirituellen Ästhetik gerade dieses Kunstwerkes aus. König Salomo lehnte Schönheit und Eitelkeit ab. Kunst und Ästhetik sind keine Ziele als Selbstzweck. Aber wenn Schönheit und Kunstempfinden Verwendung finden, um das Höhere im Menschen zu unterstreichen, wird die Verschönerung zum Gebot. Im Talmud und im Schulchan Aruch (der Jüdischen Werte – und Gesetze – Sammlungen) werden, als Unterstützung oder als Äußerung religiöser Gefühle, der Kunst und der Ästhetik besonders viel Wert beigemessen.

 

Die Körperliche Schönheit ist also wichtig. Aber spirituelle Schönheit umso mehr! Geistige Schönheiten werden wir, indem wir mit Betonung auf Chessed, unseren Mitmenschen viele Liebesdienste erweisen. Deshalb steht in der Halacha, dass wir am Vorabend von Sukkoth unsere Spenden an Tzedaka (Wohltätigkeit) steigern sollen. Ein schöner Lulav ist erfreulich, aber ein glücklicher Mitmensch ist noch schöner. Ein glänzender, gut aussehender und wohlriechender Etrog darf nie zu Lasten unserer Brüder und Schwestern in Not gehen.

 

Freude mit dem Gesetz

 

Die Einheit des Jüdischen Volkes wird zu Simchat Thora noch größer, die Freude, die wir mit unserem Gesetz feiern, mit unserer Thora. Wenn ich Außenstehenden erzähle, dass wir zu Simchat Thora mit unserem Gesetz tanzen, können sie ihren Ohren nicht glauben. Und sicherlich erst recht nicht, wenn ich ihnen erzähle, dass zu Simchat Thora jeder mit dem Gesetz tanzt, auch Menschen, die nicht Jura studiert haben.

Ringen und Tragebalken

Die Thora befand sich im Heiligen Schrein, dem Aron Hakodesch, wobei angedeutet wird, dass dieser viel mitgetragen werden musste. Was macht das Besondere des Heiligen Schreins aus? Alle großen Gegenstände, selbst der Tisch mit den Schaubroten oder der Altar für das Räucherwerk im Mischkan (dem Tabernakel) waren mit Ringen versehen. Durch diese wurden die Tragebalken gesteckt, um diese Gegenstände während der Wüstenwanderungen transportieren zu können. Während der Ruhezeiten – an den Stellen, wo das Volk dann lagerte – wurden die Tragebalken entfernt.

Tragebalken nicht entfernen 

Beim Aron Hakodesch, dem Heiligen Schrein, war das anders: hier durften die Tragebalken nicht entfernt werden (siehe Schemot/Ex. 25:15). Selbst im Ruhezustand mussten die Tragebalken in den Ringen verbleiben.

 

Weshalb war da so? Da der Ahron Hakodesch die ursprünglichen Steinernen Tafeln, die Luchot, beinhaltete und das Sefer Thora (die Thorarolle), die Mosche Rabejnu selber geschrieben hatte. Die Thora bildet den Kern unseres Daseins. Diesen Kern müssen wir lieben und ehren. Deshalb durften die Tragebalken nie entfernt werden. Bei plötzlichem Anheben würde man durch Unachtsamkeit die falschen Tragebalken hinein stecken können und dadurch könnte der Aron Hakodesch umfallen.

tanzen mit der Ewigkeit 

Deshalb müssen die richtigen Tragebalken durchgehend drin bleiben. Wir tanzen mit der Ewigkeit unseres Bestehens als Volk.

 jeder soll einen Anteil haben

Aber weshalb darf jeder mit tanzen, auch wenn sie wenig Bezug zu den Gesetzen der Thora haben? In der Thora steht ein Hinweis, dass jeder bei der Thora mitmachen soll. Nachmanides (12. Jahrhundert) fiel bereits auf, dass schon allein bei der Fertigung der Heiligen Arche – „Und sie werden mir eine Arche machen“ (Schemot/Ex. 25:10) – die Pluralform benutzt wurde, da jeder bei der Anfertigung der Arche einen Anteil haben sollte, so dass alle bei den Verdiensten um die Thora-Kenntnisse berücksichtigt wurden.

gesamte Thora nur durch das gesamte Volk

Or haChaim (Rabbi Chaim ibn Attar, 18. Jahrhundert) besagt, dass die Verwendung der Pluralform bei der Fertigung des Aron haKodesch darauf hin weist, dass die gesamte Thora nur durch das gesamte Volk Israel erfüllt werden kann. Kein Individuum kann das allein. Nur das gesamte Volk als eine Einheit kann der Thora insgesamt nach kommen. Deshalb steht die Anfertigung der Arche in der Mehrzahl.

das Erbe für das gesamte Israel 

Rabbi Mosche Alschiech (15. Jahrhundert) erläutert die Mehrheitsform wie folgt: „Die Krone (die Ehre) der Thora ist nicht wie eine Krone (Ehre) des Priestertums oder des König-Seins, die nur an auserwählten Familien innerhalb Israel  verliehen werden. Die Krone der Thora ist das Erbe für das gesamte Israel. Hierbei ist jeder gleich. Jeder ist gleich würdig und im Stande, Thora zu studieren“.

 

Ein fröhliches und freudiges Simchat-Thora!

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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