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ZEDAKA 5 – KERNGEDANKEN

KERNGEDANKEN

Die Kenntnis über Zweck und Bedeutung der Gebote wurde im Laufe der Generationen vage, verworren, unzusammenhängend, ganz zu schweigen von den vielen völlig falschen Ansätzen. Alles in allem zeichnete sich ein unbefriedigendes Bild ab für diejenigen, die ernsthaft nach dem Grund und der Bedeutung der Mizwot suchen und danach leben wollen. Zahlreiche Menschen waren sich davon nicht einmal mehr bewusst, dass es ein Wissen über das Wesen der Dinge gibt.

Deshalb ist eine weitere Reflexion über den Hintergrund des Zedaka-Gedankens unerlässlich. Die Mizwa der Zedaka verlangt das Teilen mit anderen von Gütern, die als Eigentum betrachtet werden. Der Zedaka-Gedanke fordert weitere Besinnung auf die zwischenmenschliche Situation. Die Praxis der Zedaka erfordert eine gewisse Demut, Bescheidenheit und Mitmenschlichkeit.

Zedaka impliziert eine altruistische Haltung; eine Gesinnung, die Anhäufung irdischen Besitzes nicht als höchstes Ideal zu betrachten; eine Haltung der Freiheit gegenüber materialistischen Idealen; einen Hang nach höheren Idealen, wobei das Streben nach ‘mehr und mehr‘ im materiellen Sinn nicht angebracht ist. Die Mizwa von Zedaka verlangt von uns, dass wir über allen Arten von Aktivitäten stehen, die nur auf das Nachjagen von Profit und Eigennutz ausgerichtet sind.

Der Zedaka-orientierte Mensch ist sich bewusst, dass irdische Güter nur Mittel und nicht Zweck sind. Die Mizwa von Zedaka will uns von einer starken materiellen Bindung befreien. Zedaka führt zu einem gewissen Grad an Freiheit: Befreiung von Überheblichkeit und Geringschätzung des anderen. Die Verweigerung, das Zedaka-Ideal umzusetzen, ist in Groll und Verachtung gegenüber dem Mitmenschen verwurzelt (vgl. Anfang und Ende von Wajikra/Lev. 19,18: ‘Du sollst nicht rachsüchtig und nachtragend gegenüber den Kindern deines Volkes sein, sondern deinen Nächsten wie dich selbst lieben’). Eine genauere Analyse der wahren Nächstenliebe ist für ein korrektes Verständnis der Mizwa von Zedaka in der jüdischen Tradition unerlässlich (4).

Der Zedaka-Gedanke ist eine Weiterentwicklung des viel umfassenderen zwischenmenschlichen Gleichheitsprinzips. Dieses Prinzip der ‘Nichtdiskriminierung’ wird in Wajikra 19:18 kurz, aber eindringlich beschrieben.

Für den modernen Menschen riecht dieses Gebot nach einer frommen Predigt, deren Inhalt völlig abseits der alltäglichen Realität steht. ‘Wie kann ich einen anderen Menschen trotz seiner vielen Mängel lieb haben? ‘, wird man sich sofort fragen.

Ein Heide näherte sich einst dem bekannten Gelehrten Hillel, um sich zum Judentum zu bekehren: “Lehre mich die ganze Tora, während ich auf einem Fuß stehe”. Der Weise Hillel antwortete: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“. Das ist die ganze Tora, der Rest ist ein Kommentar. Geh und lerne! Hillel entschied sich, dieses positiv formulierte Gebot in der Tora in negativer Form zu erklären. Hätte er nicht einfach dem Wortlaut der Tora folgen können?

Es ist allgemein bekannt, dass ‘Liebe blind macht‘. Am blindesten ist die Eigenliebe. Jeder ist sich seiner eigenen Charakterschwächen bewusst. Er kennt seine Schwächen besser als jeder andere. Doch ist die Eigenliebe so stark, dass sie alle Unzulänglichkeiten ‘überdeckt’ und für die Fehler im eigenen Charakter unempfindlich macht. Wie reagieren wir, wenn ein anderer uns unsere fehlerhaften Eigenschaften bewusst macht? Wir werden wütend, nicht weil die andere Person etwas Unwahres sagt, sondern vielmehr weil wir einsehen, dass unsere Charakterschwächen bei Dritten einen unangenehmen Eindruck hinterlassen und diese nicht bereit sind, Nachsicht zu üben. Unser Gegenüber hat durch die Blase unserer Eigenliebe gepikst und uns auf das ganze Ausmaß unserer Unzulänglichkeiten aufmerksam gemacht, was wir als besonders unangenehm erfahren.

Dies wollte Hillel mit der negativen Formulierung des Gebotes aus Wajikra/Lev. 19:18 verdeutlichen. ‘Wenn du die Aufdeckung der Blindheit deiner Eigenliebe als unangenehm empfindest, wenn dir das angetan wird, dann füg auch anderen das nicht zu!‘. Lass deine Eigenliebe sich auch auf deinen Nächsten ausdehnen. Wenn du bei einer anderen Person offensichtliche Fehler bemerkst, dann übersehe sie, so wie du es vorziehst, deine eigenen Fehler so schnell wie möglich zu vergessen (5).

Diese Haltung beseitigt das erste Hindernis bei der Umsetzung des Zedaka-Gedankens. Aber es gibt noch mehr. . .

Wenn beim Spender im Falle von Zedaka das Gefühl vorherrscht, dass die andere Person zu seiner Erfahrungswelt gehört, kann man eigentlich nicht von Schenkung sprechen.

Dieses Gefühl entspricht einem Gedanken, der eine Verknüpfung legt zwischen der grundlegenden Einheit des jüdischen Volkes, dem Gebet und einer gesetzlichen Bestimmung in der Tora bezüglich des Tempels:

In Wajikra/Lev. Kapitel 21 werden allerhand Bestimmungen beschrieben, die sich besonders auf die Kohanim beziehen, die die Opfer im Tempel darbrachten. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels konnten keine Opfer mehr gebracht werden, und die drei täglichen Gebete mussten die Opfer ersetzen. Viele Aspekte der Opfergesetze gelten auch heute noch für unsere Gebete. Manch einer hat es sich zur Gewohnheit gemacht, kurz vor dem Gebet zu sagen: ‘Hiermit nehme ich das Gebot “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” auf mich‘. Was hat das Gebot mit dem Davenen zu tun? Warum wird es als Einleitung zum Davenen gesagt?

Im jüdischen Denken wird das jüdische Volk als ein großer Körper gesehen. Jeder einzelne bildet sozusagen eines seiner Organe. Einige haben die Funktion des Kopfes (Rabbiner und Gelehrte), andere bilden den Rumpf (diejenigen, die G“tt in einer emotionaleren Weise dienen) und wieder andere bilden die Füße (die den ganzen Körper tragen; ebenso erfüllen einige Menschen die Gebote als auferlegtes ‘Joch’, das sie tragen, ohne seinen tieferen Inhalt zu verstehen). Haben Sie jemals den Schmerz eines eingewachsenen Zehennagels gespürt? Dann werden Sie erkennen, dass eine Funktionsstörung im untersten Teil des Körpers die höheren Funktionen stören kann! Sogar das Gehirn kann sich nicht mehr konzentrieren. Dies zeigt deutlich, dass der Körper ein vollständig integriertes und zusammenhängendes System ist.

Das gleiche gilt für den ‘Körper’ des Judentums. Wenn der ‘unterste Teil’ nicht richtig funktioniert, werden auch die höheren Regionen darunter leiden. Die größten jüdischen Gelehrten und die ehrlichsten Menschen haben sich angewöhnt, jeden Tag “Widuj” zu sagen, ein Sündenbekenntnis, das Gefühle der Reue für die unangenehmsten Sünden wie Diebstahl, Mord und andere Gewaltverbrechen ausdrückt. Obwohl sie persönlich nie solche Übertretungen begangen haben, fühlen sie sich eng und persönlich mit ihren Nächsten verbunden, die diese Sünden wirklich begehen und von deren schlechten Taten sie sich betroffen fühlen.

Jetzt wird klar, wie man seinen Nächsten ‘wie sich selbst’ lieben kann. Das jüdische Volk ist ein großes integriertes Ganzes, und jeder hat einen Anteil daran, was mit dem anderen geschieht. Der andere ist ein Teil seines eigenen ‘Ich’ und wenn man einem anderen seine Zuneigung zeigt, ist man eigentlich nur sich selbst freundlich gesinnt. Dasselbe gilt für das Hegen von Rachegefühlen.

Wenn man einen anderen hasst, lehnt man tatsächlich einen Teil von sich selbst ab. Eine nachtragende Person wird somit zu einem unzulänglichen Menschen und seine Gebete, die an die Stelle der Opfer der vergangenen Tage treten, sind für G“tt nicht akzeptabel, so wie ein Kohen mit einem Gebrechen nicht im Heiligtum dienen durfte und keine Opfer bringen konnte, wenn er mit einem “Mum”, einem körperlichen Defekt, behaftet war.

Auf diese Weise wird der Zusammenhang zwischen dem Gebet und dem Gebot der Nächstenliebe deutlich. Deshalb ist es üblich, das Gebot der Nächstenliebe jeden Tag vor dem Gebet anzunehmen, damit man nicht von Hass ‘entstellt‘ vor dem Allmächtigen stehen muss.

Ist reine Nächstenliebe überhaupt möglich? Die Antwort auf diese Frage liegt in den Worten ‘wie dich selbst’. Aus dem gleichen Grund, aus dem du dich selbst liebst, musst du eine andere Person lieben. Warum liebst du dich selbst? Nicht weil du so intelligent, witzig oder gesellich bist; du liebst dich selbst, weil du ‘Du selbst’ bist. Ebenso müssen wir einen anderen Menschen lieben, nicht weil er so fantastisch ist, nicht wegen seiner guten Eigenschaften, sondern einfach weil er ist.

Pirke Awot (1:12) sagt: “Seid unter den Jüngern von Aharon (dem ersten Hohepriester), liebt den Frieden und strebt nach Frieden, liebt die Geschöpfe und bringt sie der Tora näher. Aharon liebte seine Mitmenschen schlicht und einfach, weil sie Geschöpfe und “Werke” G“ttes waren. Der Ba’al Shem Tov (1698-1760) sagte einmal, dass der Vers “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst” eine Erklärung für den Vers (Dewarim 6:5) ist: “Du musst den Ewigen lieben, dein G“tt, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft”. Die Liebe des Menschen zu seinem Schöpfer kommt unter anderem in seiner Liebe zu seinen Geschöpfen zum Ausdruck.

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Das zeigt sich auch in der Praxis des täglichen Lebens: Wenn man den Vater liebt, liebt man auch seine Kinder. Wenn jemand wirklich den Vater gernhat, dann bedeutet das meist, dass man auch Seine Kinder liebt. Oft findet ein Vater in der Tatsache, dass man seine Kinder liebhat, den Beweis, dass auch er geschätzt wird” (6).

Trotz der hohen Anforderungen, die das Judentum im Bereich der Nächstenliebe an seine Bekenner stellt, bleibt das Judentum real und erwartet nicht das Unmögliche. Auch im Bereich der Nächstenliebe gilt, dass eine übereifrige Gemütsverfassung nicht allzu lange anhalten kann. Deshalb wurde ein goldener Mittelweg zwischen dem Idealen und dem tatsächlich Erreichbaren gefunden.

Dieser richtige Mittelweg spiegelt sich in der Tatsache wider, dass im Durchschnitt nur ein Zehntel des verdienten Einkommens als Zedaka an Bedürftigen abgeführt werden muss.

Liebe ist der Eckstein einer positiven Welt. Ohne das Band der Liebe, mit dem Eltern und Kinder, Familie und Freunde, Lehrer und Schüler verbunden sind, wäre das Leben auf Erden unerträglich, wenn nicht unmöglich. Die Fähigkeit zu lieben ist ein Teil der Natur des Menschen; die fürsorgliche Liebe zwischen einem Menschen und seinem Mitmenschen ist nur eine schwache Widerspiegelung der himmlischen Barmherzigkeit, die die Erde erfüllt.

Menschen unterscheiden sich im Ausmaß ihrer Fähigkeit, um zu lieben. Liebe kennt verschiedene Abstufungen, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Liebe kann heftig und beständig sein, aber auch so flüchtig und dunstig wie Dampf. Die Liebe zwischen den Menschen ist dem Wandel unterworfen, ebenso wie alle menschlichen Emotionen. Eine anfänglich leidenschaftliche Liebe kann abflachen oder sich in Hass verwandeln. Liebe macht blind und kann fehl am Platz sein. Die Liebe kann sich auf eine unwürdige Person richten und Menschen ignorieren, die der Liebe würdiger sind.

Deshalb braucht Liebe Führung, bedürft der Zuneigung und einer leitenden Hand; Aufopferungswille und Herzlichkeit geraten ohne vernünftige und rationale Richtungsweisung in falsche Hände. Liebe kann in nicht ausgerichtete Energie ausarten, die wie ein Feuer alles in ihrer Umgebung verschlingt. So wie das Element Feuer im täglichen Gebrauch einer ständigen Überwachung bedarf, damit seine Flammen nicht zu hoch oder zu niedrig brennen, so erfordern Zuneigung und Liebe Führung und Wachsamkeit, um sicher zu stellen, dass sie nur Gutes tun und Liebe nicht ins Gegenteil verfällt.

Die Tora bietet Richtlinien und “Kontrollen” in diesem Bereich. G“tt, der uns die Fähigkeit zur Liebe gab und uns in Seiner Tora lehrte, diese Fähigkeit einzusetzen, zeigt uns in der heiligen Literatur, wie man diese Fähigkeit nutzen kann, wie man altruistische Zuneigung und Selbstliebe, Fürsorge für andere und einen ‘gesunden’ egoistischen Ansatz in Einklang bringen kann. Die Tora lehrt den Menschen den Weg zum richtigen Gleichgewicht zwischen zwei gegensätzlichen Faktoren: Altruismus und Egoismus.

Die Jüdische Ethik verurteilt Geiz und Knausrigkeit. Andererseits hat das Judentum nie die Philosophie des extremen Altruismus propagiert, die von seinen Anhängern verlangt, auf den Wunsch nach persönlicher Bereicherung zu verzichten. Die jüdische Moral akzeptierte nie die These, dass der Mensch seinen ganzen Besitz und Reichtum den Armen schenken sollte, weil dies auf einem unrealistischen Menschenbild beruht. Die Tora stellt hohe Anforderungen an jeden Einzelnen; aber diese Ideale sind nie so hoch, dass sie für gewöhnliche Sterbliche unerreichbar wären. Die Ziele der Tora gelten für alle Menschen und sind nicht nur einer Elite vorbehalten.

Die Wege der Tora sind angenehm” (Sprüche 3:17, nach talmudischer Interpretation). Die Tora verlangt, dass wir in allem, was wir tun und meinen, die goldene Mitte finden und zeigt uns in der Vorschrift der Zedaka die richtige Balance zwischen Egoismus und Altruismus, ein Modus vivendi und operandi, der jedem Menschen zugänglich ist.

Die konkrete Frage, die sich nach der Lektüre der obigen Ausführungen stellt, ist, wie viel von unserem Verdienst und sonstigen Einnahmen wir an die Bedürftigen abgeben und wie viel wir für uns behalten sollten. Die Antwort der Tora lautet: “Ein Zehntel der Segnungen, mit denen G“tt dich bedacht hat, sollst du in Form einer Zedaka-Spende an die weniger Vermögenden zurückgeben”.

Ein Zehnte zu schenken ist ein Standard, der von allen als Minimum gefordert werden kann. Die Tora bietet auch eine Regelung für die Großzügigeren. Zweimal ein Zehntel zu verschenken wird als akzeptabel angesehen, wie der Talmud (B.T. Ketuvot 50a) sagt: “In Uscha wurde eingeführt, dass eine mildtätige Person – unter normalen Umständen – nicht mehr als ein Fünftel ihres Einkommens verschenken darf”. Die Begründung dieser Einstellung liegt in der Befürchtung, dass der Mensch sich von einem zu starken und unrealistischen Mitgefühl mitreißen lässt und seine eigene wirtschaftliche Position gefährdet. Das Tora-Gesetz legt eine Mindestanforderung von einem Zehnt fest, lässt aber gleichzeitig Raum für persönliche Gefühle. Auf diese Weise verhindert das Tora-Gesetz, dass Zedaka degeneriert zu einem festen Steuersatz. Auf diese Weise werden ein einheitlicher Verhaltenskodex und persönliche Erfahrung und Gestaltung der Mizwa der Zedaka vereint (7).

Das Judentum wird oft wegen seines ‘rechtlichen’ Charakters kritisiert. Das mag dem oberflächlichen Betrachter so vorkommen. Das Judentum sucht jedoch immer nach dem richtigen Gleichgewicht zwischen Realität und Intention. Unsere Weisen hatten einen klaren Blick für die Intention bei der Erfüllung des Zedaka-Gebots. Sie forderten eine echte ‘pro Deo’-Haltung, erkannten aber gleichzeitig, dass dies nicht für jeden kurzfristig machbar ist. Dennoch bleibt der Zedaka-Akt als solcher wertvoll.

So unrein die Intention auch sein mag, die Mizwa von Zedaka gilt für alle, unabhängig von ihren Motiven. Waren die Chagamim nur an sozialen Angelegenheiten der Armen interessiert, ohne die Motive des Spenders zu berücksichtigen? Es erscheint mir unangebracht, den Chagamim eine ‘Fundraise’-Mentalität vorzuwerfen, bei der nur der Erfolg der Kampagne zählt. Verschiedene Aussagen im Talmud und Midrasch zeigen deutlich, dass sie über den reinen Beweggrund bei der Zedaka-Abgabe besorgt waren. In einigen Fällen verurteilen sie sogar falsche Absichten: Geschenke, die auf Stolz basierten, wurden abgelehnt (B.T. Bawa Batra 10b).

Die Chagamim räumten ein, dass niedere Gefühle hinter einer Lackschicht der Nächstenliebe verborgen sein können. Doch in der Praxis berücksichtigten die Chagamim nur die bewussten Motive des Spenders bei der Beurteilung eines philanthropischen Aktes. Zedaka wird nur verurteilt, wenn es bewusst als Ausdruck von Stolz und Egoismus praktiziert wird. Nur wenn die Zedaka benutzt wird, um sich denen gegenüber, die auf Hilfe angewiesen sind, erhaben und überlegen zu fühlen, haben die Chagamim ihr Veto eingelegt.

Wenn Selbstverherrlichung statt Nächstenliebe vorherrscht, dann gibt es tatsächlich Schuld über Verdienst. Die Chagamim verurteilten jedoch die Nächstenliebe, die aus geläutertem Groll hervorgeht, nicht. Was auf der unterbewussten Ebene geschieht, kann dem spirituellen Verdienst der Handlung keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Die Umwandlung verwerflicher Charakterzüge in großzügige Taten wird im Judentum als Triumph der höchsten Ordnung angesehen.

Das Judentum geht davon aus, dass jede Neigung oder Haltung im Dienst an G“tt geheiligt und erhöht werden kann. Alle Komponenten unserer komplexen Psyche können auf das “Höhere” ausgerichtet werden.

Angesichts der spirituellen Grenzen des Menschen werden die meisten Menschen niemals das Ideal der völligen Selbstlosigkeit erreichen. Der Realitätssinn der Chagamim führte jedoch zu dem Auftrag, niemals auf die Praxis der Zedaka zu verzichten; dies wurde durch den Gedanken gerechtfertigt, dass die Ausübung der Zedaka unsere Mentalität langsam verändern und unseren Charakter Schritt für Schritt verbessern würde, bis schließlich eine Stufe der Religiosität erreicht werden wird, in der die gute Tat nur durch reinere Motive inspiriert wird. Obwohl einige Gelehrte glauben, dass diese spirituelle Reinheit in Reichweite der Menschheit liegt, sind die Erwartungen von Rabbi Chaïm von Wolozhyn (1749-1821) zum Beispiel weniger hoch.

Er erwartet keine wundersame Heilung von Egoismus und Egozentrik: Als Ergebnis regelmäßiger Ausübung von Nächstenliebe können wir hoffen, dass zumindest einige der Motive, die uns zu Zedaka anspornen, aus einem aufrichtigen Wunsch heraus entstehen, nämlich G“tt zu dienen. Diese ideale Motivation kann jedoch mit vielen anderen rein egoistischen Neigungen einhergehen.

Das Judentum hat keinen perfektionistischen Anspruch. Obwohl unsere höchsten Bestrebungen mit Rückständen von Egoismus, Ressentiments oder gar Feindseligkeiten behaftet bleiben, berechtigt uns dies nicht dazu, jede moralische Anstrengung abzulehnen.

Das Erkennen der Unvollkommenheit des Menschen führte im Judentum nicht zu einer Besessenheit von der Ursünde, sondern nur zu der Erkenntnis, dass auch unsere niederen Triebe auf eine höhere Ebene gehoben werden müssen. Die Menschheit ist kein Kollektiv von zum Scheitern verurteilten Individuen, die für ihre Rettung auf die ‘Gnade‘ angewiesen sind. Die Betonung liegt auf der moralischen Verantwortung, die sich in der ständigen Suche nach Selbstvervollkommnung manifestiert.

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