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ZEDAKA – WOHLTÄTIGKEIT: SPANNUNGSFELD ZWISCHEN FORM UND INHALT

ZEDAKA - WOHLTÄTIGKEIT: SPANNUNGSFELD ZWISCHEN FORM UND INHALT
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Die Halacha ist ein lebendiges und dialektisches System voll Spannungsfeldern. Die Halacha betont die religiöse Bedeutung des Handelns, ohne dabei den emotionalen und intellektuellen Inhalt aus den Augen zu verlieren, welches die Handlung auslösen muss. Dem traditionellen Judentum ist es erfolgreich gelungen, hohe Glaubensprinzipien in einen sorgfältig geregelten Verhaltenskodex mit religiös-ethischem Inhalt zu verwandeln. Im Verhalten wird ständig Ausdruck theologischer Ideen, ethisch-religiöser Normen und religiös-historischer Prinzipien gegeben. Die praktische Halacha basiert auf der Idee, dass abstrakter Glauben, auch wenn es sich um eine intensive persönliche Erfahrung handelt, zu vage ist und dass religiöse Gefühle, die nicht fest in der Praxis verwurzelt sind, unwirklich sind. Die Halacha strebt danach, Spiritualität und Konformismus zu vereinen – zwei Begriffe, die allgemein als gegensätzlich empfunden werden.

Die Betonung der Einheit scheinbarer Widersprüche – Gesetz und Prophetie, Institutionalisierung und Charisma, das Irdische und das Himmlische – erzeugt eine dialektische Spannung, die für viele Grundprinzipien des Judentums charakteristisch ist. Ein Paradebeispiel für diese kreative Spannung ist das Gebet, das versucht, inneres Empfinden mit festgelegten Texten zu verbinden. In der Halacha wird eine Synthese zwischen Spontaneität in einer tief empfundenen Beziehung zum Allmächtigen und einer standardisierten, einheitlichen Formulierung von Gebeten gesucht.

Zedaka

Die Institutionalisierung von Zedaka (Wohltätigkeit) in unserer Religion ist auch ein Beispiel für diese dialektische Struktur. Eine Regung von Mitmenschlichkeit, ein spontaner Ausdruck von Mitgefühl, wird definiert und reguliert.

Wohltätige Spenden, die aus Großzügigkeit getätigt werden, werden gesetzlich verpflichtend in ein halachisches, ‘rechtliches’ Korsett gezwängt. Trotz Objektivierung und praktischer Umsetzung besteht die Halacha weiterhin auf der richtigen Geisteshaltung des Spenders. Die Halacha versucht, eine spontane Gefühlsregung in Richtung der Anderen mit dessen Antithese zu verbinden: Regulierung und Gesetzgebung. Die Tat bleibt subjektiv, wenn auch schätzbar, inspiriert durch Regelmäßigkeit, intim und doch formal. Wie bei jeder Synthese unterliegt auch Zedaka erheblichen Spannungen zwischen den beiden wesentlichen Größen. Manchmal besteht die Gefahr, dass die Synthese zugunsten einer der Anti-Thesen, aus denen sie aufgebaut ist, in sich zusammenfällt.

Das Verhalten kann inhaltslos werden, die spontane Handlung formlos. Die Spannung zwischen Form und Inhalt ist eingebettet in die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Zedaka: Gerechtigkeit und Wohltätigkeit, Recht und Moral, Benehmen und Attitüde. Diese Polarität im Kontext philanthropischer Aktivitäten innerhalb des Judentums wird in zwei Beziehungen ausgedrückt. Die erste Beziehung ist die zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft, die zweite Beziehung steht für Tat und Gefühl.

Interaktion

Erstens gibt es eine ständige Wechselwirkung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft, um die Bedürfnisse der Bedürftigen zu erkennen und auf sie einzugehen. Die Erforschung der Bestimmungen von Zedaka führt zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen. Manchmal steht der Einzelne im Mittelpunkt der Zedaka-Gesetzgebung: Es wird von ihm verlangt, sich für andere zu engagieren, ohne Rücksicht auf die mögliche Rolle, die die Gemeinschaft dabei spielen könnte. Andererseits glaubt die Halacha, dass das Kollektiv als solches auch eine wichtige Rolle zu spielen hat. Die Gemeinde oder ihre Vertreter, die Stadtverwaltung oder das Rabbinat haben nicht nur eine Rolle als Aufsichts- oder Vollzugsbehörde; die Gemeindeverwaltung muss die Initiative ergreifen und ist für die Sammlung und Verteilung der verfügbaren Mittel verantwortlich.

Man könnte argumentieren, dass Zedaka ein kollektives Projekt ist, das fest in institutionalisierten Rahmen verankert ist. Von Seiten der Gemeinde müssen Angestellte unter der Leitung des Rabbinats “jeden Freitag an den Türen vorbeischauen und den durch Schätzung vorgeschriebenen Betrag von Zedaka einsammeln,” (Jüdischer Codex Schulchan Aruch, Jore Dea, 256). Die Beiträge werden auf der Grundlage bestimmter Verteilungsschlüssel anonym an die Bedürftigen verteilt. Die Gemeinschaft hat diese Befugnis hinterher nicht an individueller Zedaka-Erhebung gemessen, da sie sich nicht als ausreichend erwiesen hat. Die Gemeinschaft tritt bereits im Talmud als kleiner Wohlfahrtsstaat auf, mit speziellen Staatsdienern, die für das Sammeln und Verteilen von Geldern für die Sozialfürsorge zuständig sind.

Fühlen und handeln

Zweitens besteht in der Halacha eine gewisse Spannung zwischen der Übergabe von Zedaka und seinem emotionalen Gehalt. Auf der einen Seite beschäftigt sich die Halacha ausführlich mit den objektiven Aspekten der Zedaka -Steuer, wie z.B. den Bestimmungen zur steuerlichen Maßnahme und zum Steuerabzug. Andererseits wird der Art und Weise, wie Zedaka gespendet werden soll, sowie den Anteilen an Erlebtem und Gefühltem große Aufmerksamkeit geschenkt. Dieses ‘Zusammentreffen’ von objektiven und subjektiven Komponenten beim Spender ist das zweite halachische Spannungsfeld.

Die Verpflichtung für Zedaka basiert auf positiven und negativen Geboten in der Tora: „So aber unter dir sei ein Armer, einer deiner Brüder, in einem deiner Tore in deinem Lande, das der Ewige, dein G’tt, dir geben wird, so verhärte nicht dein Herz und verschließe nicht deine Hand vor deinem Bruder, sondern öffnen sollst du ihm deine Hand und leihen sollst du ihm zur Genüge seiner Not, was ihm mangelt.” (Deuteronomium 15:7-8). Es heißt auch: „Und so dein Bruder verarmet und seine Hand schwankt neben dir, so unterstütze ihn, Fremden und Beisassen, dass er bei dir lebe” (Levitikus 25:35). Die Verse Deuteronomium 15:7 und 15:8 sind negativ und positiv formuliert. Letzteres gilt auch für Levitikus 25:35.

Ge- und verboten

Die gegenseitige Beziehung und Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Arten der Formulierung – positiv und negativ – der gleichen G’ttlichen Absicht stellte für die halachischen Gelehrten ein Problem dar. Einige Kommentatoren glauben, dass beide Aufträge – die Gebote und Verbote – den gleichen Inhalt haben. Die Negativformulierung – das Verbot – enthält inhaltlich gesehen wenig neue Informationen; die Negativformulierung fügt dem Gebot nur ein “Unterlassungsdelikt” hinzu. Andere argumentieren, dass das Verbot, „das Herz nicht zu verstocken” sich nur auf die geistige Einstellung bezieht, wenn man sich mit dem Elend konfrontiert sieht. Das Verbot, „das Herz nicht zu verstocken“, besagt, dass man nicht unempfindlich gegenüber einem Hilfegesuch sein sollte. Das Gebot zur Unterstützung muss nicht unmittelbar mit einer Bitte um Hilfe in Einklang stehen, sondern ist auch ohne sie notwendig. Das Verbot kann als Ausschussdelikt interpretiert werden: die desinteressierte Ablehnung einer armen Person, die bewusste “Verstockung des Herzens” oder das Gegensteuern der Neigung zur Nächstenliebe oder zu sozialem Verhalten (vgl. Tosafot B. T. Bava Batra 8b, insbesondere die Meinungen von Rabbi Tam und Rabbi Ri).

Verantwortlichkeit

Darüber hinaus schreibt Maimonides (Yad Chasaka, Hilchot Matnot Aniyim I: 7), dass es verboten ist, einen bettelnden Armen mit leeren Händen wegzuschicken. Man muss ihm etwas geben, auch wenn es nur eine Beere ist. Diese Regel basiert auf dem Vers (Psalmen 74:21): „Nicht weiche der Gebeugte beschämt zurück“ und gilt sogar für den Fall, dass der Spender seinen Verpflichtungen nachgekommen ist. Hierdurch wird die persönliche Verantwortung deutlich hervorgehoben. Nach dem sozialen Ethos des Judentums darf das Individuum sich nie den Bedürfnissen der Armen entziehen, besonders in Momenten des Glücks, der Freude und des Wohlstands. Zufriedenheit und Glück schließt das Teilen mit anderen ein. Maimonides (1140-1205) formuliert dies wie folgt: Wenn man selbst isst und trinkt, ist man verpflichtet, auch Fremden, Waisen, Witwen und anderen armen und unglücklichen Menschen zu Essen zu geben; denn die Mahlzeit desjenigen, der seine Türen schließt und mit seiner Frau und seiner Familie isst und trinkt, ohne den Armen und Verbitterten etwas zu geben, steht nicht im Zeichen der Freude, ein Gebot des G’ttlichen zu erfüllen, sondern dient nur seinem Bauch. Solch ein Vergnügen ist eine Schande für diejenigen, die sich so verhalten”

Mit-essen

In vielen Städten – eines der frühesten Dokumente zu diesem Thema stammt aus Hamburg – verlangt eine Gemeindeverordnung, dass alle Bürgerinnen und Bürger mindestens zwei Gäste am Schabbat mit nach Hause nehmen müssen. Der persönliche Kontakt mit den Armen und Ausgestoßenen spielt eine wichtige Rolle: “Es war einmal ein frommer Mann, mit dem der Prophet Eliahu regelmäßig sprach. Als der Mann ein Pförtnerhaus vor seinem Haus bauen ließ, sprach Eliahu nicht mehr mit ihm.“ Wegen des Pförtnerhauses konnten arme Menschen sein Haus nicht mehr betreten (vgl. B. T. Batva Batra 7b. Der Umgang mit den Bedürftigen gibt ihnen das Gefühl, dass sie in sozialer Hinsicht nicht weniger wert sind, verdient sogar einen besonderen Segen: “Wer die Armen und Waisen an seinem Tisch essen lässt, wird feststellen, dass er von G’tt erhört wird, wenn er zu ihm ruft” (Yad Chasaka, Hilchot Matnot Aniyim 10:16; vgl. Jesaja 58:9).

Die gemeinschaftliche Verantwortung lässt Raum für die persönliche Verantwortung und darf das Gefühl für Andere nicht abstumpfen. Auch wenn die Gemeinschaftsmittel unerschöpflich erscheinen, bleibt die persönliche Verpflichtung gegenüber Zedaka im weitesten Sinne des Wortes bestehen.

Äußerlich und innerlich

Das zweite Spannungsfeld – die objektive Handlung visá´vis- das innere Erleben- drückt sich im Ausspruch aus: “Die Belohnung für die Durchführung der Mitzwa von Zedaka hängt ganz und gar vom Grad des menschlichen Mitgefühls ab” (B. T. Sukka 49b). Kühle Formalität und ein routinemäßiger Umgang mit der Abgabe von Zedaka sind nicht erwünscht. Die Tat muss von Wärme und Liebe inspiriert sein. Der Betrag ist nicht das Einzige, was zählt. Subjektiv gesprochen, kann der Akt des Zedaka der überall angepriesen wird, manchmal an Wert verlieren, weil der Spender einen falschen Ansatz verfolgt.

Nächstenliebe geben und ausüben

Perfekte und unvollständige Zedaka zeichnen sich durch die Haltung des Spenders aus. Ein steinernes Herz kann nur zu einer mangelhaften und niedrigen Form von Zedaka führen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Formen von Zedaka liegt in der Art des Gebens und dem Maß der darin gezeigten sozialen Sensibilität. Verschiedene Verben zeigen diese Unterscheidung deutlich: Wohltätigkeit geben und Wohltätigkeit ausüben. Pachad Yitzchak (s.v. Zedaka) beschreibt die für Zedaka angemessene Haltung in treffenden Worten: “Die Ausübung von Zedaka ist das Bemühen, einen armen Menschen nach Hause zu nehmen und die Sorge des Spenders um das Los der Armen, kurz zusammengefasst: die Beschäftigung mit um das Wohlergehen der Armen.“ Die Schlüsselwörter hier sind „tircha“ (Anstrengung) und „tirda„ (Beschäftigung). Diese Einstellungen sind ein Zeichen für kontinuierliche Sorge und Einsatz. Die Idee der mentalen und emotionalen Beschäftigung (Präokkupation) wird durch den hebräischen Begriff „osek“ unterstrichen. Der Begriff Osek suggeriert eine konstante Hingabe, die Eintönigkeit ausschließt.

Ausübung der Wohltätigkeit

In den Awot deRabbi Natan wird der Unterschied zwischen Nächstenliebe geben und ausüben durch zwei Persönlichkeiten des Tanach, Hiob und Avraham verdeutlicht. Als Hiob von großen Katastrophen heimgesucht wurde, wandte er sich an G’tt und sagte: “Herr der Welt, habe ich nicht die Hungrigen ernährt und den Durstigen nicht geliehen? Es steht geschrieben: „Und aß meinen Bissen allein, und aß nicht die Waise davon?”. Habe ich die Nackten nicht gekleidet? Es steht geschrieben: „Und erwärmte er sich nicht mit der Schur meiner Schafe?“ (Job 31:17 und 20). G’tt erwiderte: “Hiob, du hast noch nicht die Hälfte dessen getan, was Avraham früher getan hat. Du sitzt ruhig in deinem Haus und Gäste kommen zu dir. Derjenige, der gewohnt ist, Brot zu essen, gibt dir Brot, derjenige, der gewohnt ist, Fleisch zu essen, gibt dir Fleisch und derjenige, der gewohnt ist, Wein zu trinken, gibt dir Wein. Avraham handelte anders: Er verließ sein Haus und suchte nach Gästen und Reisenden, um sie zu seinem Haus zu bringen. Avraham gab diesen Menschen mehr und besser zu essen, als sie es gewohnt waren: Diejenigen, die normalerweise Gerstenbrot aßen, gab er Weizenbrot; diejenigen, die kein Fleisch bezahlen konnten, gab er Fleisch, und er gab Wein zum Trinken an diejenigen, die es sich normalerweise nicht leisten konnten. Außerdem errichtete er große Herbergen entlang der Routen der Karawanen und sorgte dafür, dass es dort genug zu essen und zu trinken gab; jeder Reisende genoss dieses kostenlose Essen und dankte G’tt. Alle Wünsche der Gäste wurden in Avrahams Haus erfüllt; deshalb wurde Avraham gesegnet “.

Viele subjektive Gefühle zeigen sich in der Regel, die besagt, dass die Belohnung für die Erfüllung der Mitzwa von Zedaka vollständig vom Grad des menschlichen Mitgefühls abhängt. Maimonides hat einige dieser sozialen Gefühle in seinen acht Stufen der Wohltätigkeit eingeordnet. Aus den verschiedenen Kategorien von Maimonides lassen sich eine Reihe von Konzepten herausziehen, die die emotionale Komponente von Zedaka verinnerlichen.

Rehabilitation

Das Wichtigste, worauf man bei der Verteilung von Zedaka achten sollte, ist, die Armen nicht zu beschämen. Vorsicht, Taktgefühl und Höflichkeit sind vorgeschrieben, wenn man mit dem Unterlegeneren in Kontakt kommt. „Glücklich ist derjenige, der an die Armen denkt, “(Psalmen 41:2). Der beste Weg, dies zu tun, ist, den Armen davon zu überzeugen, das Geld als Darlehen anzunehmen oder es als solches anzubieten. Noch besser ist es, die Armen als Partner oder Mitarbeiter in ein Unternehmen aufzunehmen. Dadurch wird Erniedrigung verhindert. Bei dieser Form der Hilfe handelt es sich eher um eine Art Rehabilitation oder Resozialisierung als um Hilfe im eigentlichen Sinne des Wortes. Die psychologisch negativen Folgen der Armut werden so weitgehend beseitigt.

Wenn die Erniedrigung der Armen nicht gänzlich durch Nächstenliebe verhindert werden kann, muss dies auf ein Minimum reduziert werden. Dieser Gedanke ist gesetzlich geregelt durch den deutlichen Hinweis auf Anonymität bei der Gabe von Zedaka: “Wer in Stille Almosen gibt, ist größer als Mosche” (B. T. Bava Batra 9a).

Besondere Aufmerksamkeit

Ein weiterer wichtiger Grundsatz, der für unser Empfinden der Zedaka wichtig ist, ist die Betonung auf der individuellen Behandlung jedes armen Menschen als Person mit seinen spezifischen Bedürfnissen. Es ist nicht der Sinn, sich allen armen Menschen ohne Unterschied auf ihre Person zu nähern. Die Behandlung eines Armen als einer von Vielen würde außer Acht lassen, seine Würde als Individuum mit seinen eigenen spezifischen Bedürfnissen, Empfindungen und Rechten zu respektieren. Ein wesentlicher Punkt in der Mizwa von Zedaka ist es, den Armen entsprechend dem zu helfen, was ihnen fehlt (gleich den Worten „sondern auftun sollst du ihm deine Hand …so viel als hinreicht, für seinen Mangel, was ihm gebricht“

Deuteronomium 15:8). Die Armen sollen individuell und nicht allgemein angesprochen werden. Eine Regulierung oder Institutionalisierung der Armenfürsorge verstößt gegen diesen Grundsatz. Die Überlegung der Fallstudie in der Sozialen Arbeit wird untersucht. Die Menschen versuchen, den Menschen selbst zu berücksichtigen. Eine einheitliche Behandlung muss zu jeder Zeit vermieden werden, indem man jemandem das Gefühl gibt, zu einer Vielzahl von Empfängern zu gehören. Auf diese Weise verliert jemand sein Selbstwertgefühl und letztlich sich selbst. Das zentrale Prinzip des Judentums ist die Würde jedes Einzelnen. Darauf basiert das Wirken sozial-philanthropischer Einrichtungen.

Verzögerung

In der Jüdisch-halachischen und ethischen Literatur steht auch, dass man verpflichtet ist, direkt und zuvorkommend auf eine Bitte eines Armen zu antworten. Verzögerte Antworten auf dringende Bedürfnisse können der gut gemeinten Tat schaden.

Außerdem muss das Ausüben von Wohltätigkeit von Anfang bis Ende freundschaftlich und höflich erfolgen. Unfreundliches und ungeduldiges Verhalten des Spenders wird im Judentum als tadelnswert angesehen. Mehrere detaillierte Bestimmungen in Talmud und Midrasch, abgeleitet vom Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst”, werden auf dieser Grundlage verständlicher.

„Die Gastfreundschaft gegenüber Reisenden ist größer als das Empfangen der Schechina (die Anwesenheit des G’ttlichen), aber das Geleiten der Gäste ist noch größer als das Gewähren der Gastfreundschaft. Wer seine Gäste nicht geleitet, handelt tadelnswert “(Maimonides, Jad, Hilchot Evel 14:2). Gastfreundschaft ohne weitere Begleitung ist wie dem Hund einen Knochen hinzuwerfen – an sich eine gute Tat, die durch das grobe Verhalten befleckt wird.

Widerwille

Am auffälligsten ist jedoch die Bestimmung, dass das Geben von Zedaka von Sympathiegefühlen begleitet sein muss; der Spender muss nicht nur an der finanziellen Notlage des Empfängers, sondern auch an seiner psychischen Not teilhaben. Es wird zu echtem Mitgefühl aufgerufen: “Wer einem armen Menschen eine Münze abtritt, erhält sechs Segnungen, wer ihn tröstet, aber elf” (B. T. Bava Batra 9b).

Maimonides geht noch einen Schritt weiter: “Auch wenn man tausend Goldmünzen verschenken würde, so verliert man doch den Verdienst des Gebens, wenn dies widerwillig oder mit bekümmerten Gesicht geschieht. Im Gegenteil, wir sollten gern und willig den Benachteiligten Geld geben. Man muss mit dem Armen über trauriges Schicksal trauern, wie es in Hiob (30:25) heißt: „Weinte ich denn nicht um den Bedrängten? War nicht mein Herz betrübt um den Elenden?“. Und weiter (29:13): „Des Herumirrenden Segen kam auf mich, und das Herz der Witwe macht mich jubeln“ (Jad Chasaka, Hilchot Matnot Aniyim 10:4). Der Spender sollte nie aus den Augen verlieren, dass das Geben von Zedaka nicht nur eine Verpflichtung ist, zu handeln, sondern auch eine Pflicht des Herzens. Mangelnde Subjektivität macht die objektive Tat unvollkommen und unter Umständen sogar tadelnswert.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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