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DAS DILEMMA VON MORDECHAI: DAS JUDENTUM UND DIE ANTI-VIREN

DAS DILEMMA VON MORDECHAI DAS JUDENTUM UND DIE ANTI-VIREN
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PURIM 5782

In der Jüdischen Welt gibt es zwei große Probleme: die Assimilation und der Antisemitismus.

Besteht eine Verbindung zwischen Assimilation und Antisemitismus?

–          Sind es sich gegenüber gelagerte Größenordnungen, die eine gegensätzliche – umgekehrte – Beziehung haben, im Sinne von: je mehr Assimilation, desto weniger Antisemitismus?

–          oder gibt eine Beziehung eins zu eins: je weniger

Assimilation, desto weniger Antisemitismus?

–          oder hat Assimilation nichts mit Antisemitismus zu

tun? Die Antwort befindet sich in der Megillat Esther

beschlossen, in der Esther-Rolle.

DEFINITIONEN

Aber was ist eigentlich Assimilation? Und wie viele Arten von Antisemitismus gibt es wohl?

Assimilation bedeutet, das sich Anpassen des Judentums. Heutzutage bestehen viele angepasste Formen des Judentums: das Judentum im Exil, in der Diaspora, ist hierfür ein typisches Beispiel.

Es bestehen heutzutage auch eingeschränkte Judentumsumsetzungen, die nur auf einem oder nur auf einigen Jüdischen Aspekten beruhen:

–          das kulinarische Judentum, da Gefillte Fisch, Tscholent und Kigel nun mal dazu gehören und das erste Ge- und Verbot in der Thora vom Essen handelt.

–          das vegetarische Judentum: basierend auf „G“tt

sprach weiter: ICH gebe Euch alle samentragende

Pflanzen und alle Obstbäume auf der Welt; dieses wird Euere Nahrung sein (Bereschit/Gen. 1:29).

–          das sozialistische Judentum, da die meisten Thora-

Vorschriften hauptsächlich Bejn Adam Lechawero,

zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen, sind,

–          das nationalistische Judentum, da das Wohnen in

Israel in der Thora so im Mittelpunkt steht. Und

–          das kapitalistische Judentum, da die Thora auch viele

finanzielle Lebenseinzelheiten bestimmt.

Dieses alles steht dem wahren Judentum gegenüber, das alle Aspekte des Lebens umfasst.

DER ANTISEMITISMUS

Es gibt auch viele Arten von Antisemitismus:

1.    Die religiöse Variante, aus anderen Religionen. Da Viele den „Nachbarn, der sich etwas ausleiht“ gespielt haben, haben sie schon längst die Übersicht über ihren Ursprung verloren.

2.    Der wirtschaftliche Antisemitismus. Die Juden sind

bekanntlich schwer arbeitende Menschen. Nicht desto

trotz waren zum Beispiel 80% der Vorkriegsjuden Arbeiter und finanziell nicht in beneidenswerten Gegebenheiten. Die Missgunst, der Neid und die Eifersucht auf nicht existierenden Reichtum zeigen ihre hässlichen Fratzen andauernd.

3.    Der soziale Antisemitismus. Der Judenhass ist ein

sozialer Vorurteil, von bestimmten Stereotypen und

fest verankerten Vorurteilen gekennzeichnet. Die Juden seien „ein Wenig“ anders! Je stärker der Anti-

semitismus, um so mehr bleiben wir unter uns.

4.    Antisemitismus durch Minderwertigkeitsgefühle. Sind

wir intelligenter? Vielleicht fangen wir früher damit an, dass unsere Kinder lernen sollen. Es ist schon auffällig, dass es unter den Nobelpreis – Trägern relativ viele Juden gibt.

5.    Rassismus: das Problem ist, dass wir keine Rasse

sind.

6.    Xenophobie: die Angst vor Unbekanntem, fremd

anmutendem. Wir, objektiv betrachtet, sind nicht „fremd“. Wir leben hier schon länger als die meisten unserer Zeitgenossen bezw. Nachbarn.

7.    Der Anti-Zionismus: die Politik des Staates Israel.

Unter dem Deckmantel der Feindschaft gegen oder der Ablehnung von Israel, wird der Antisemitismus wieder salonfähig. Der Anti-Zionismus ist die modernste und aktuellste Variante des Antisemitismus.

Wie ging Mordechai mit den Antisemiten um?

Betrachten wir mal, wie Mordechai HaJehudi, der Jude (bevorzugt) mit Antisemiten verfuhr. Mordechai wurde mit Haman konfrontiert, der die „Endlösung“ des Jüdischen Volkes als feststehenden Plan hatte. Im dritten Hauptbereich der Megilla, der Estherrolle, wird über die ersten Schritte von Haman berichtet. Ich zitiere:

„Nach diesen Ereignissen machte König Achaschwerosch den Haman, den Sohn von Hammedata, den Agagit, groß und mächtig und stellte seinen Sessel, also seine politische Rangordung, über die der allen anderen Fürsten. Alle Knechte des Königs verbeugten sich vor Haman, denn so hatte der König das befohlen; aber Mordechai verbeugte sich nicht vor Haman.

Da sprachen die Knechte des Königs zu Mordechai: Weshalb übertrittst Du den Befehl des Königs? Sie fragten ihn das tagtäglich. Aber Mordechai hörte ihnen nicht zu. Und sie sagten das Haman weiter, um zu sehen, ob Mordechai auf seinen Standpunkt beharren würde, denn er hatte denen zu verstehen gegeben, dass er ein Jude sei. Als Haman sah, dass Mordechai sich nicht vor ihm verbeugte, wurde er wütend. Aber er erachtete es als zu gering, nur Mordechai zu töten. Haman wollte alle Juden vernichten.

War die unbeugsame Haltung der Auslöser des Dekretes?

Unsere Weisen berichten, dass die Juden der damaligen Zeit nicht über die Vorgehensweise von Mordechai begeistert waren. Seine unbeugsame Haltung wurde als Ursache des Dekretes, alle Juden zu töten, betrachtet. Sofort nach dem Bekanntwerden des Dekretes wurden alle Juden dazu aufgefordert, drei Tage lang zu fasten und zu Dawwenen (beten), um das Dekret vom Himmel ungeschehen werden zu lassen.

Die Tzidkut (die Aufrichtigkeit) von Mordechai

Weshalb erhob niemand Protest oder Beschwerde gegen Mordechai’s Unbeugsamkeit? Weshalb stand niemand auf, um laut zu verkünden, dass alles nur Mordechai an zu kreiden sei? Da jeder Einzelne es deutlich spürte, dass Mordechai der Gedol Hador, der größte Talmid Chacham (Gelehrte) und Tzaddik (Heilige) ihrer Generation war, er alles Leschejm Schamajim, für G“tt, tat und sich nicht vor Haman verbeugte, da Haman eine Götzenabbildung an seinem Hals trug.

Jeder verstand, dass Mordechai’s Vorgehensweise durch die Thora angezeigt war und er alles nur zum Wohle des Jüdischen Volks tat. Neben Mordechai’s vollständige Tzidkut war er auch bei seinem Volk beliebt. Seine Mitstreiter und Zeitgenossen konnten nachvollziehen, dass alles, was er tat, zu Gunsten seines Volkes gedacht war.

Mordechai hegte brüderliche Empfindungen

Weshalb man das so empfinden konnte? Da er jeden als einen Bruder betrachtete und sich auch so verhielt. Dieses steht auch am Ende der Megilla buchstäblich beschrieben (nicht wörtlich übersetzt): „Mordechai war groß…denn der Jude Mordechai war der zweite Mann an der Seite von König Achaschwerosch, stand hoch im Ansehen bei den Juden, und war bei vielen seiner Brüder willkommen, er suchte und versuchte immer das Beste für sein Volk, und sprach immer für das Wohl aller seiner Kinder“ (Esther 10:2-3). Weshalb war er groß? Da er seine Volksgenossen als Brüder betrachtete.

Güte ausstrahlen

Jeder verstand, dass Mordechai immer mit jedem das Beste vorhatte. Und dass Mordechai laut der Halacha (das Jüdische Gesetz) und der jüdischen Überzeugung, sich nicht vor dem Erz-Antisemiten Hamann verbeugen konnte und durfte. Deshalb gelang es ihm, durch seinen Aufruf jeden zu Tschuwa (Einkehr) und zum Fasten zu überzeugen. Niemand konnte sich ihm verweigern. Denn Mordechai war „Jedermanns Freund“. Eine wichtige Lehre für alle Jüdischen Anführer. Gib jedem das Gefühl, dass er oder sie Dein/e Freund/e sind! Dieses steht übrigens schon in der Thora: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“. Dieses gilt auch in der Jiddischen Politik.

Der Antisemitismus bleibt eine Gehirnerkrankung

Nun zurück zur Eröffnungsfrage: gibt es eine Beziehung zwischen dem Maß der Assimilation und des Antisemitismus? Nein, überhaupt nicht. Es geht den Antisemiten überhaupt nicht darum, was die Juden tun. Der Antisemitismus wird durch das Verhalten von Mordechai nicht beeinflusst. Haman suchte nur einen Vorwand, um das Jüdische Volk zu vernichten. Auch heutzutage sind wir leider wieder Zeugen dieses hartnäckigen Phänomens. Es gibt Länder, in denen kaum oder überhaupt keine Juden leben und wo der Antisemitismus kontinuierlich weiter gedeiht. Der Antisemitismus ist eine fixe Idee, festgekrallt und tief im Unterbewusstsein. Er ist von Juden oder dem Jüdischen Verhalten losgelöst. Und hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Er ist und bleibt eine Gehirnerkrankung.

Purim sameach, ein fröhliches Purim

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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