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Der Mensch – Das Heiligtum auf Erden

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In unserem Wochenabschnitt Teruma befiehlt G´tt Mosche und dem jüdischen Volk, ihm ein Heiligtum zu bauen, damit seine Präsenz in dieser Welt ruhen kann. Während der Wanderschaft in der Wüste war es zeitweilig der Mischkan, dann das Heiligtum in Schilo und letztendlich der Tempel in Jerusalem.

Es stellt sich die offensichtliche Frage, wozu braucht G´tt ein “Heiligtum” in dieser Welt? Er ist im Himmel und auf der Erde und es gibt keinen Millimeter im ganzen Universum, wo er nicht zu finden ist. Nicht umsonst ist “HaMakom” – der Platz, einer seiner Namen, weil er der Platz für die gesamte Schöpfung ist und nicht umgekehrt. 

Demnach müssen wir verstehen, was der Zweck dieses Heiligtums ist und dafür müssen wir zuerst erläutern, worum es sich bei diesem “Heiligtum” überhaupt handelt und warum dieser Ort so eine zentrale Rolle im Judentum spielt:

Wenn wir den Text der Tora wörtlich nehmen und uns nur darauf beschränken, dann scheint der Mischan nichts weiter als ein zugegeben prunkvoller und prächtiger Palast aus Gold Silber und feinen Geweben zu sein. 

Dafür wäre jedoch kein solch besonderer Architekt, wie Bezaelel, von Nöten, welchen die Tora folgendermaßen beschreibt:

„Ich habe mit Namen berufen Bezalel, Sohn Uris, Sohn Churs vom Stamm Yehuda: Da ich ihn mit Geist G´ttes erfüllte, mit Weisheit, mit Einsicht und mit Erkenntnis…“ (Schmot 32, Vers 3)

Wie so oft im Judentum, ist das, was uns die schriftliche Lehre offenbart, nur die Spitze des Eisbergs und um sich einen breiteren Blickwinkel zu verschaffen, müssen wir uns die mündliche Lehre zur Hilfe nehmen: 

Bezalel wusste wie man die Buchstaben, mit welchen Himmel und Erde erschaffen wurden, kombiniert. (Talmud Brachot 55a)

Beim Bau des Mischkans ging es offenbar um weitaus mehr, als einfach nur einen Palast aus teurem Holz und Edelmetallen zu bauen. Unsere Weisen vergleichen den Bau des Mischkans mit der Schöpfung der Welt. Wie G´tt, welcher Buchstaben des hebräischen Alphabets nutzte, um die Welt zu erschaffen, so erbaute auch Bezalel den Mischkan, indem er Buchstaben kombinierte. 

Es ging nämlich darum, einen irdischen Gegenstand mit der richtigen Einstellung und Kavana (Andacht) dermaßen zu heiligen und erheben (indem man ihn vollkommen dem Dienst von G´tt weiht), dass er zum Zentrum und Reaktor von Spiritualität und Heiligkeit in dieser Welt wird. So weit, dass das “Kodesch HaKodaschim” – das Allerheiligste, ausschließlich vom Kohen HaGadol (Hohepriester) nur am Heiligsten Tag im jüdischen Kalender, an Yom Kippur, erst nach gründlicher physischen und spirituellen Reinigung betreten werden durfte. Falls diese Person nicht würdig war, diesen heiligen Raum zu betreten, musste sie sterben!

“Sie sollen mir ein Heiligtum schaffen, so werde ich in ihnen weilen” (Schmot 25, Vers 8)

Eigentlich hätte stehen sollen “so werden ich in ihm weilen”, weil sich dieser Vers auf “Heiligtum” zu beziehen scheint. Daraus entnehmen unsere Weisen, dass es die Hauptfunktion des Mischkans war, dem Menschen als Beispiel und Vorbild zu dienen, dass es möglich ist, Materialiät mit Spiritualität und Heiligkeit zu füllen. Obwohl der Mensch ein irdisches Geschöpf ist, kann er sich selbst in einen “kleinen Mischkan” verwandeln, indem er sich dem Dienst von G´tt weiht. Sogar rein-menschliche Tätigkeiten sind, falls man sie mit der richtigen Kavana tut, vollkommen heilige Tätigkeiten, weil sie den Willen G´ttes erfüllen. 

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Written by Rav Dovid Gernetz

Der Autor wurde in Dnepropetrowsk, Ukraine geboren und ist in Berlin, Deutschland aufgewachsen. Er studierte zwei Jahre in einer Yeshiva in Zürich, Schweiz und anschließend zwei Jahre in einer Yeshiva in Gateshead, England. Seit seiner Hochzeit lebt er in Telz Stone in Israel.
Der Autor ist Vertreter von Imrey Deutschland e.V und verantwortlich für diese Website. Außerdem gibt er wöchentlich den Judentum.Online-Newsletter heraus und veröffentlicht zahlreiche Beiträge zu Themen rund ums Judentum.

Sprachen: Russisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch

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