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DIE CORONA-VIRUS-FRAGE BEI DER HAGGADA

DIE CORONA-VIRUS-FRAGE BEI DER HAGGADA
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Alle verzweifeln. Die ganzen Pessach-Vorbereitungen werden völlig durcheinander gebracht. Warum befällt der Corona-Virus auch gute Menschen? Diese letzte Frage nagt immer wieder an uns… Können wir die Antwort in der Hagada finden?

Was war nun der Zweck der Entstehung des Corona-Virus? 

Das ist es, was ein Freund mich fragt.

Ich habe eine E-Mail von einem alten Freund erhalten. Er hat es durchschaut…

Oh G’tt,

Was war nun der Zweck der Schaffung des Corona-Virus? Sterben jetzt mehr Menschen als zu Zeiten, als die Wirtschaft auf Hochtouren lief? Ich frage mich das, obwohl ich denke, dass der Stress der durchgedrehten Wirtschaft größer war als der jetzige Stress.

Ich bin dankbar, dass ich noch nicht betroffen bin. Ich bin dankbar, dass ich bereits ein oder zwei Wochen Ruhe in unserer Gesellschaft erleben durfte. Keine Verkehrsstaus mehr auf den Autobahnen.

Kein Dauerlärm und Rumpeln der Flugzeuge, wobei ich vermute, dass die Flüge um mindestens die Hälfte reduziert wurden.

G’tt, wie dankbar bin ich, dass ich dies noch mal erleben darf. Als ich meinen Führerschein erst kurz hatte, in den siebziger Jahren, da fuhr ich noch gerne Auto.

Das Auto und die Straße waren praktisch meins. Und was haben mich in den letzten zehn Jahren der rege Verkehr und die Hetzerei der Menschen geärgert.

Für einen Moment hat das aufgehört. Für einen Moment kommt die Natur wieder zur Ruhe. Kann sie wieder kurz durchatmen, weil die Menschen nicht hören wollten. Nie suchten sie die Lösung bei sich selbst, immer musste die Technik mit einer Lösung herhalten.

Die Menschen sind nun in ihren eigenen Häusern eingesperrt, Häuser, die sie in den letzten dreißig Jahren selbst als Paläste eingerichtet haben. Die schönsten Küchen und die schönsten Badezimmer haben die Menschen für sich selbst geschaffen.

Schön, dass man das Ultimative erreichen kann, was eigentlich nichts, aber dann auch nichts mit dem Leben zu tun hat. Immer gerade etwas schöner als das, was der Nachbar schon hatte.

Schaut her, wie großartig mein Haus ist und wie großartig wir alle sind!

Und mit, vor allem, viel Platz in den Wohnzimmern, so dass man mindestens 1,5 Meter voneinander entfernt sitzen kann, falls mal ein Corona-Virus ausbrechen sollte.

Ich glaube, ich kann Sie verstehen. Ende des Zitats.

Kommentar

Ich bespreche diesen Brief mit einem meiner Berater. Sein Kommentar lautete: “Die Fragen sind in der Tat einfacher als die Antwort. Ich glaube in der Tat auch, dass dieses ganze Geschehen eine Botschaft von G’tt ist. Aber was? Muss das jeder für sich selbst beantworten? Vielleicht schon, weil es wahrscheinlich keine einzige, richtige Antwort gibt.

Mein Vater sel. A. sagte oft: “Wir müssen schon bei uns selbst nachfragen, was jede Botschaft von G’tt uns sagt, aber oft ist und bleibt es für uns in naher Zukunft nur schwer zu beantworten, deshalb muss man sehr vorsichtig sein und darf niemals einen Mussar im Sinne von “das alles geschah, weil wir…” usw. aussprechen.

Für sich selbst darf man jede beliebige Schlussfolgerung ziehen (wie die Gemara in Berachot sagt, wenn jemand chas weschalom jisurin bekommt (von Schmerzen und Prüfungen heimgesucht wird). Dann muss er FÜR SICH SELBST überlegen, warum, aber niemals die Gemeinschaft beschuldigen.

Wir können die Zukunft nicht sehen; wenn wir am Strand stehen, denken wir, die Welt sei eine Scheibe; wir können nicht sehen, dass sie rund ist, weil unsere Sicht immer begrenzt ist.

Denjenigen, die mir diese Frage ebenfalls gestellt haben (warum passiert dies?), kann ich auch nur antworten: Jeder soll versuchen, sie für sich selbst zu beantworten, aber letztendlich “ufanai lo je-ra-u – Mein Angesicht wird nicht gesehen werden können” – d.h. wir werden nie in der Lage sein, G’ttes Gedanken und Pläne vollständig zu verstehen (dieser letzte Text wurde leicht überarbeitet). Ende des Zitats.

ABER G’tt hatte das Ende berechnet

Hier kommt in der Hagada die Antwort von HaSchem (G’tt) auf das Leiden der Juden in Ägypten. Eigentlich gilt es für alle Formen des Leidens: “G’tt berechnet das Ende”. Auch des Corona-Virus. Irgendwann hört es auf…

Erst im Nachhinein können wir die Ereignisse einordnen, alle Teile des Puzzles fallen an ihren Platz.

In der Parascha Ki Tisa bittet Mosche Rabbeinu von G’tt: “Zeige mir doch Deine Herrlichkeit” (Schemot/Ex. 33:18). Mosche wollte u.a. von G’tt wissen, warum es gute Menschen gibt, die leiden, und es schlechte Menschen gibt, denen es gutgeht (B.T. Berachot 7a). Die Antwort von HaSchem ist schwer zu verstehen: “Du wirst Mich von hinten schauen, aber Mein Angesicht kann nicht gesehen werden”…

Auf kurze Sicht ist es unbegreiflich

Der Chatam Sofer legte dies immer aus als ein Heilmittel gegen Ungeduld. Wenn man Ungerechtigkeit in der Welt sieht, sollte man nicht sofort nach einer Erklärung fragen. Kurzfristig ist es unbegreiflich, aber auf lange Sicht kann man sich wohl möglich ein klares Bild machen. Die Menschen haben normalerweise keine Geduld, um den Lauf der Geschichte abzuwarten. Dies wird durch den Satz angedeutet: “Du wirst Mich von hinten schauen, aber Mein Angesicht kann nicht gesehen werden”…

im Rückblick kann man das Ganze überblicken

Mit anderen Worten: Die Rückseite, d.h. im Rückblick, kann man das Ganze überblicken. Wenn man sich noch mittendrin befindet, ist das Gesamtbild noch getrübt. Der Mensch sieht nur in nächster Zukunft und übersieht nicht das Ganze. Der Helikopterview fehlt.

Warum tun Sie diesem Volk Böses an

Mosche beklagt sich bei G’tt: “Warum tun Sie diesen Leuten Böses an, wozu haben Sie mich hierher geschickt? Seitdem ich zu Pharao gekommen bin, um in Deinem Namen zu reden, lässt er es den Leuten noch schlechter gehen” (Schemot 5:22-23).

Mosche wurde der Ungeduld beschuldigt

HaSchem wurde wütend auf Mosche, wie auch Raschi es sagt: “G’tt sprach dann harsch zu Mosche” (Schemot 6:2). Mosche wurde der Ungeduld beschuldigt. Er machte diesen Fehler später beim Auszug aus Ägypten wieder wett (laut unseren Weisen im Midrasch (Schemot Rabba 23:3)).

Als die Juden durch den Jam Suf zogen und das Lied vom Meer sangen: “Da sang Mosche” auch. Der Midrasch sagt, dass der Honig von Mosches Lippen tropfte. Mosche sagte: “Herr der Welt, mit dem woran ich mich versündigt habe, komme ich jetzt, um Dich zu ehren.”

eine Krone für den König

Rabbi Levi bar Chia vergleicht es mit einer rebellischen Provinz. Der König sagt zu seinem General: “Lasst uns gegen sie in den Krieg ziehen”. Der General antwortete, dass das nicht funktionieren würde. Aber der König ging nachts allein in die rebellische Provinz und eroberte sie.

Der General erkannte, dass er den falschen Ratschlag gegeben hatte und schmiedete eine Krone für den König. Da sagte der König: “Was oder wem verdanke ich diese Krone?” Der General antwortete: “Ich habe gegen Sie gesündigt, weil ich gesagt habe, dass Sie dieser rebellischen Provinz nicht gewachsen sind”.

Mosche machte es wieder gut

In gleicher Weise sagte Mosche vor G’tt: “Ich weiß, dass ich vor Dir mit dem Wort ‘az’(dann) gesündigt habe”. So steht es geschrieben: ‘az’, als ich zu Pharao kam. Deshalb bejubele ich Sie noch einmal mit dem Wörtchen ‘az’: “Az jaschir Mosche” – dann sang Mosche.

Ein Zaddik (guter Mensch, Heiliger) berichtigt alles, was er falsch gemacht hat. Mosche hatte nur kurzfristig geschaut und zog falsche Schlussfolgerungen. Er erkannte dies und machte es wieder gut. Wir verstehen aber nur recht wenig.

Liebe Freunden, bleiben Sie stark. Möge Gott uns bald von dieser beispiellosen Plage befreien, die die ganze Welt erfasst.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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