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FALSCHE SEGNUNGEN UND SCHEINHEILIGE WÜNSCHE: WIE GEHEN WIR DAMIT UM? – Parascha Chukat-Balak

FALSCHE SEGNUNGEN UND SCHEINHEILIGE WÜNSCHE WIE GEHEN WIR DAMIT UM - Parascha Chukat-Balak
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Der heidnische Prophet Bile’am wird vom König Balak von Moaw angeheuert, um die Bnej Jisraejl, das Jüdische Volk in der Wüste, zu verfluchen. Diese gesamten Ereignisse – die in einem großen Debakel (einer Orgie von Götzendienst und Unzucht, bei dem mindestens 24.000 Jüdische Männer starben) entartete, wird im vierten Buch Moses Bemidbar/Numeri, Hauptkapitel 22 bis einschließlich 24, beschrieben. In der hebräischen Bibel wurde diese Episode nach Balak benannt. Es ist die einzige Episode in der Bibel, die nach einem heidnischen König benannt wurde, was als außergewöhnlich bezeichnet werden darf.

eine zu große Belastung

Noch außerordentlicher ist die Talmudische Tradition, dass unsere Weisen diese gesamte Geschichte von Flüchen und Verwünschungen, die in Segnungen umgewandelt wurden, beim Rezitieren des Schema- der alltäglichen Bestätigung der Einheit G“ttes – einbeziehen wollten. Letztendlich haben unsere Weisen das nicht gemacht, da so viel Text eine zu große Belastung für die Gemeinde bedeuten würde.

Trotzdem verweist diese Tradition auf die bedeutende Wichtigkeit dieser Episode, da es in unserer Geschichte oft geschieht, dass wir nicht wirklich gemeinte Segnungen entgegengebracht bekommen oder mit scheinheiligen Wünschen versorgt werden.

Verletzen durch Wörter

Das Judentum geht davon aus, dass verbale Äußerungen sehr wichtig seien. In den Niederlanden sagen wir so ab und zu, dass „schimpfen keinen Schmerz verursacht“, aber nichts ist weniger wahr. Das Verletzen durch Wörter kann viel schlimmer als eine körperliche Attacke sein.

Im Falle der Verwünschungen durch Bile’am war selbst eine spezielle G“ttliche Intervention erforderlich, um diese Flüche in Segnungen um zu wandeln. G“tt hatte mit dem sich noch im Frühstadium befindlichen Jüdischen Volk Mitleid und wollte es nicht verwünschen lassen. G“tt hörte nicht auf die falschen Absichten dieses heidnischen Propheten und „änderte den Fluch in einen Segen für Dich“ um (Dewariem/Deut. 23:6).

keinen Tag ohne Fluch

Aber welchen Wert haben diese „korrigierten Verwünschungen“? Es gibt selbst eine Talmudische Tradition, die behauptet, dass nach der Verwüstung des Tempels in Jerusalem, alle Flüche von Bile’am ihre Kraft wieder erhalten und dass es keinen Tag ohne Fluch und belastende Ereignisse geben würde.

Gebet und Thorastudium

Der einzige Segen, der uns immer begleitet hat, ist der Segen „Wie schön sind Deine Zelte, oh Ja’akov, Deine Wohnstätten, oh Israel“ (Numeri 24:5). Mit unseren Zelten ist unsere Synagoge gemeint, die die Kraft unserer Gebete symbolisieren, und mit unseren Wohnstätten sind unsere Lehrhäuser gemeint, was die Kraft unseres „Thora-Lernens“ betont. Nur diese zwei Aktivitäten – das Gebet und das Studium der Thora – sind Quellen von Segen und Inspiration geblieben, die immer im Stande gewesen sind, alle schlechte Einflüsse in gute „Ausrichtungen“ um zu wandeln.

ein „Gilgul“, eine Wiedergeburt von Lavan

Bile’am war nicht der erste Mann in der Geschichte, der gegen uns verkappte und verschleiernde Verwünschungen äußerte. Bile’am war ein „Gilgul“, eine Wiedergeburt von Lavan, dem boshaften Bruder unserer Erzmütter Rivka (Rebekka). Als Rivka im Begriff war, nach Kana’an auf zu brechen, um unseren zweiten Erzvater Jitzchak (Isaak) zu heiraten, segnete ihr Bruder Lavan sie mit den Worten „Du bist unsere Schwester, Du mögest zu Tausend von zehn Tausend werden“ (Bereschit/Gen. 24:60). Das Eigenartige ist, dass wir bis auf den heutigen Tag diesen Segen gegenüber der Braut, die unter der Chupa, dem Hochzeitsbaldachin, steht, aussprechen.

noch viel schlimmer als Pharao

Lavan wird von unseren Weisen als ein durchtriebener, mit weißem Kragen versehener Krimineller betrachtet, der eigentlich noch viel schlimmer als Pharao war. Der Pharao wollte uns „nur“ körperlich vernichten, aber Lavan wollte uns auch noch zusätzlich moralisch und religiös verderben. Mit seinem sogenannten Segen wollte Lavan besagen, dass er hoffe, dass die Millionen Nachkommen von Rivka genau so wie er werden würden. Es ist, als ob er sagte: „mögen alle Deine Nachkommen genau so durchtrieben werden, wie ich“. Dieses wünschst Du nicht Deinem schlimmsten Feind. Dieses ist kein Segen, sondern ein Fluch! Wie können wir die Wörter dieses „spirituellen Schuftes“ bei jeder Trauung als den Höhepunkt von Heiligkeit und wünschenswert  Erstrebtem einbringen?

 Yitzchak betete während zwanzig Jahre zu G“tt

Jitzchak heiratete Rivka, als er vierzig Jahre war, aber sie erhielten erst Kinder, als Jitzchak sechzig war. Die Thora vermeldet nur, dass Jitzchak gegenüber (also im Beisein) seiner Frau während dieser zwanzig Jahre zu G“tt betete (Bereschit/Gen. 25:21). Die Thora verwendet beim zeitlich aufwändigen Gebet von Jitzchak eine ganz besondere Bezeichnung, die daraufhin weist, dass sehr viel verändert werden müsse oder sich sehr viel verändern sollte, bevor der Segen von G“tt an Avraham, dass er nur durch Jitzchak werde Kinder bekommen können, auf Erden Wirklichkeit würde. G“tt hatte Avraham bereits mit Enkelkindern durch Jitzchak gesegnet. Weshalb musste dann Jitzchak so einbrünstig und lange für sich und für seine Frau Rivka beten, dass sie Kinder bekommen würden?

um den schlechten Einfluss von Lavan ab zu schütteln

Jitzchak musste so lange zu G“tt flehen, um den schlechten „Einfluss oder bösen Geist“ von Lavan ab zu schütteln. Da unsere Erzväter und –Mütter Perfektionisten waren, dauerte das lange und die Gebete mussten einbrünstig sein, um für alle Generationen zu zu sichern, dass das Böse, dass sich an diesem Segen geheftet hatte, ungeschehen gemacht werden würde.

Wenn G“tt letztendlich einen Fluch in einen Segen umändert, hat das den begleitenden Vorteil, dass dieser nun G“ttes Segen geworden sei, den alle mögliche böse Einflüsse und Nebenabsichten nichts anhaben können. Deshalb sind die Segnungen aus dem Balak-Zeitraum heutzutage ein integraler Teil unserer Gebete geworden und beginnen unsere Gebete selbst mit dem schönen Satz „Wie schön sind Deine Zelte, oh Ja’akov, Deine Wohnstätten, oh Israel“ (Numeri 24:5).

Ein menschlicher Fluch wird ein G“ttlicher Segen

Was machen wir also mit falschen Segnungen und mit fehlerhaften, aber sympathisch formulierten Wünschen? Wir wandeln diese um, durch inbrünstiges Gebet und tiefgehendes Thora-Studium. Hierdurch werden selbst die schlimmsten zerstörerischen Einflüsse in gute Absichten und Aussichten verwandelt. Ein menschlicher Fluch wird ein G“ttlicher Segen. Amen.  

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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