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INTENSIVIERUNG UND ERNEUERUNG DER JÜDISCHEN IDENTITÄT – Chanukka 5782

INTENSIVIERUNG UND ERNEUERUNG DER JÜDISCHEN IDENTITÄT - Chanukka 5782
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CHANUKKA, DAS FEST DER EINWEIHUNG

Dieses Jahr feiern wir Chanukka (das Fest der Einweihung) mit den 8 Kerzen in der Menora (im Chanukka-Leucher) ab SONNTAG, 28. NOVEMBER, abends. Da zünden wir die 1. Kerze an, sprechen dazu den Segen und mit den Berachot auch das Schehechijanu, Wekijemanu, Wehigijanu, Lasman Hasej.

Mit Chanukka verbinden wir immer gemütliche Wohnzimmer, beleuchtet durch Wärme ausstrahlende Kerzen oder Öllichter, mit Sufganjot (Jüdische Berliner Ballen) und mit Latkes (Reibekuchen, in Öl gebacken). Aber nur für diese Geselligkeit machen wir das nicht.

Was ist der zutreffende Charakter für und von Chanukka?

Chanukka ist das Fest der „Chisuk“ – der Intensivierung und der Steigerung unseres religiösen Bewusstseins. Chisuk stammt vom Wort „Chasak“ (stark) ab und bedeutet, dass wir uns irgendwo „stark für machen“ und uns irgendwo vollkommen dafür einsetzen. Wenn wir tatsächlich alles unternommen haben, um geistige Vollkommenheit zu erreichen, dürfen wir auf ein Wunder von Oben hoffen und auch damit rechnen. Dann ist das Wunder der Abschluss unseres geistigen Einsatzes, unseres Bestrebens.

Das konnten wir auch beim Exodus, beim Auszug aus Ägypten sehen. Erst als Nachschon ben Aminadav in das Schilfmeer gesprungen war, in der Überzeugung, dass dieses sich teilen würde, teilte sich der Jam Suf auch wirklich. Wenn wir uns komplett für etwas einsetzen, dann gelingt das meistens auch.

Im Zeitalter der Makkabäer (zweites Jahrhundert vor der Zeitrechnung) waren die Kohanim beim Tempeldienst etwas lasch. G“tt zeigte ihnen, wie und wo sie versagten, indem er ihnen durch die griechisch zugewandten, hellenistischen Syrern den Tempeldienst verbieten ließ. Eine Gruppe von Kohanim, die Makkabäer, war bereit, ihr Leben auf Spiel zu setzen, um diesen Tempeldienst wieder zurück zu erhalten. Die Botschaft von Oben war, dass der Tempeldienst durch die Vertreibung der Götzendiener und dem Wunder des Ölkrügleins, die es ermöglichten, mit diesem (inzwischen wieder) heißbegehrten Tempeldienst erneut und rein im spirituellen Sinne, los zu legen, wieder erfolgen könnte.

Chisuk bedeutet sich wieder festigen, nach einer Zeit der Flaute und Depression. Jeder hat sein „Tief“ im (religiösen) Leben, alle kennen wir eine „Midlife“-Krise, in der wir schon mal den Überblick verlieren. Der Winter hat etwas Bedrückendes, die Natur ist im Minus. Gerade jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, das Judentum wieder in den Mittelpunkt zu rücken und sich da vollkommen hinein zu begeben…

immer besser im spirituellen Sinne

Chanukka steht für die sich nach oben bewegende Richtung. Für das immer mehr, immer besser und immer schöner im spirituellen Sinne. Wir müssen lediglich den Antrieb finden, um gegen das immer mehr, immer besser und immer schöner im materiellen Sinne an zu kämpfen. Es besteht eine enorme Spannung zwischen unseren irdischen, materiellen Ambitionen und dem geistigen Leben. An Chanukka begegnen sich unsere irdischen und geistigen Vorhaben.

Reinheit

Die Makkabäer (die Chaschmoneer) wollten die Menora nicht mit unreinem Öl anzünden. Dahinter verbirgt sich ein tiefgehender Gedanke. Wenn wir das Licht des Judentums auf eine wunderbare Weise leuchten sehen möchten, muss es rein und vollkommen sein. Die Vermischung mit anderen Absichten, mit dem Judentum fremden Idealen, Strömungen und –ismen, reduziert die Heiligkeit unseres Glaubens. Wir müssen uns für die wahre Belebung des Judentums einsetzen; dieses ist authentisch und passend. Eine ewige Quelle der Inspiration. Aber was ist die Botschaft, der Sinn und die Ausstrahlung von Chanukka?

Geistig und körperlich?

Im Jahre 1172 wurden die Juden durch fanatische Islamisten bedrängt. Die Jemenitischen Juden durchliefen damals eine geistige Krise und wandten sich an Maimonides (der damals erst seit sechs Jahren in Ägypten lebte) und fragten ihn, was sie tun sollten oder könnten. In einem Schreiben, das später als Igèret Teman, den Brief an Jemen, bekannt wurde, erklärte er die Quelle des Antisemitismus: „Indem der Schöpfer UNS die Thora gegeben hatte, wies ER uns eine besondere Rolle zu. Indem ER uns erwählt hatte, wurden andere Völker eifersüchtig. Auch sie wollten an der prophetischen Ekstase am Berge Sinai beteiligt sein. Diese wurde ihnen verweigert, da sie die Thora nicht akzeptieren wollten. So ist der Antisemitismus entstanden.

Verfolgungen können auf zweierlei Arten erfolgen. Einige haben es darauf abgesehen, das geistige Erbgut des Jüdischen Volkes zu vernichten. Andere möchten unsere physische Existenz bedrohen“.

Maimonides zählt die Griechen aus der Zeit von Chanukka zu denjenigen, die das geistige Erbgut bedrohten. Aber etwas weiter vermerkt er, dass beide Arten der Verfolgung oft mit einander Hand in Hand gehen.

Körperliche und geistige Verfolgungen

In seinem großen Gesetzbuch beschreibt Maimonides, dass „die Griechischen Könige darauf hinaus waren, die Jüdisch-religiöse Wiederbelebung zu vernichten“. Bereits einige Bereiche weiter beschreibt er, wie diese religiöse Verfolgung in einen regelrechten Krieg umschlug. Die Pogrome von Antiochus Epiphanes waren an erster Stelle ein religiöser Kampf: der Monotheismus gegenüber dem Heidentum.

Aber als sofortige, zielgerichtete Folge davon wurde unsere physische Existenz bedroht. Der Jüdische Kalender, der Schabbat, die Brith Mila und die Nida (die Reinheitsgesetze) wurden verboten. Die Jüdische Hochzeit wurde durch das Recht des Gouverneurs entheiligt, indem er die erste Hochzeitsnacht mit einem gerade verheirateten Mädchen verbringen durfte. Nach dem Aufstand der Makkabäer konnten wir wieder erleichtert aufatmen.

Im Talmud wird nur das Wunder des Ölkrügleins behandelt, aber nicht der wundersame Kriegsgewinn. Laut Maimonides basiert Chanukka auf geistigem und physischem Kampf. Beide finden wir beim Feiern von Chanukka wieder:

1.       Der militärische Sieg wird auf einer physischen Art gefeiert, laut Maimonides mit einer Festmahlzeit.

2.       Die geistige Überlegenheit wird durch das Rezitieren von Hallel und Danksagung auf eine mehr geistige Art gefeiert. Das Anzünden der Menora ist eine Äußerung von Spiritualität.

Sieben oder acht Tage?

Das Wunder dauerte eigentlich nur sieben Tage. Weshalb feiern wir also dann doch acht Tage Chanukka? Wegen des Krügleins sauberen (koscheren) Öls, dass der Hohepriester bei der Tempeleinweihung in 164 vor der Zeitrechnung fand, dass jedoch nur Öl für einen Tag beinhaltete, aber dann doch Tage zu reichen schien?

Das Öl aus dem gefundenen Krüglein wurde in acht kleinen Mengen aufgeteilt, sodass es jeden Tag genug Öl gab, um die Menora eine kurze Zeit brennen zu lassen. Acht Tage waren erforderlich, um neues (koscheres) Öl her zu stellen. Das Wunder bestand darin, dass das Wenige Öl für jeden Tag während der ganzen Nacht weiter brannte.

Rav Simcha Ziesel aus Kellem erklärt wie folgt: die Hellenisten wollten, dass die Juden glauben sollten, dass alles zufällig erfolgt und die Natur den Verlauf der Ereignisse von sich aus regelt. Sie wollten, dass die Juden G“tt als Herr und Lenker der Welt vergessen sollten.

Manche Juden glaubten das auch wirklich, aber als sie das Ölwunder sahen, verstanden sie, dass G“tt sich mit jeder Einzelheit der Natur befasst und dass es eigentlich keinen Unterschied zwischen dem normalen Gang der Natur und Wunder gibt.

Die Natur als ein anhaltendes Wunder

Dass Öl brennt, ist schon an für sich ein Wunder. Da wir tagtäglich Feuer brennen sehen, empfinden wir es nicht mehr als ein Wunder. Nur wenn etwas Übernatürliches geschieht, bezeichnen wir das als ein Wunder. In der Natur jedoch erfolgen andauernd Wunder.

Unsere Chachamim (unsere Gelehrten) möchten uns unsere Augen dafür öffnen, dass auch die Natur ein andauerndes Wunder ist. Deshalb bestimmten sie auch den ersten Tag als einen Festtag, um deutlich zu zeigen, dass wir auch in so etwas natürlichem, wie das Brennen von Öl, die Hand G“ttes entdecken sollen.

Auch unsere Jüdische Gemeinde ist ein andauerndes Wunder. Wir sollten sie schätzen, sie in Freude beachten und feiern!

Chanukka Same’ach!   

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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