in

Ist Wein gut oder schlecht?

Die irdischen Genüsse wurden erschaffen, um geheiligt zu werden
image_pdfAls PDF Speichernimage_printDrucken

In unserem Wochenabschnitt Nasso (Bamidbar Kap.6 1-21) wird berichtet, dass ein Mensch die Möglichkeit hat, sich für 30 Tage zu einem “Nazir” machen kann. Das bedeutet, dass es ihm für diese Zeitperiode verboten sein wird, seine Haare zu schneiden, Wein zu trinken (und Trauben zu essen) und in Kontakt mit Toten zu kommen. 

Nachdem er sein Näzirertum vollendet, schneidet er sich die Haare komplett und bringt ein Sündopfer (Chatat) im Tempel. Warum muss ein Nazir ein Sündopfer bringen, wenn er überhaupt nicht gesündigt hat und im Gegenteil zusätzliche Verbote auf sich genommen hat?

Die Antwort findet wir im Talmud (Taanit 11a): “Rabbi Eliezer HaKefar lehrt, dass ein Nazir ein Sünder ist, weil er sich vom Wein enthält” 

Ich wurde einst gefragt (siehe Allgemeine Fragen), warum das Judentum den Genuss von Wein nicht gänzlich verbietet, wenn wir sehen, welche zerstörende Auswirkungen der (übermäßige) Wein-bzw. Alkoholkonsum haben kann?

Die erste “Geschichte” passierte schon kurz nach der Sintflut: Noach pflanzt eine Weinrebe an und stellt Wein her. Anschließend betrinkt er sich und liegt in seiner Trunkenheit entblößt in seinem Zelt, bis ihn seine Söhne Schem und Yefet bedecken (Bereschit Kap. 20-27).

Ein paar Generationen später, nach der Zerstörung von Sedom und Amora, betrinken die Töchter Lots (nur aus guten Absichten) ihren Vater mit Wein, um ihn anschließend zu verführen und letztendlich werden sie von ihm schwanger (auf diese Weise sind die Völker Moaw und Amon entstanden).

Im Talmud (Sotah 2a) wird die Frage gestellt, warum der Abschnitt der Sotah (eine Frau, welche von ihrem Ehemann verdächtigt wird, Ehebruch begangen zu haben) in der Tora neben dem Abschnitt des Nazirs steht? 

Darauf antwortet der Talmud, dass Wein sehr oft die Ursache dafür ist, dass Menschen die Kontrolle über sich selbst verlieren und sündigen.

Nachdem wir gesehen haben, welche Konsequenzen der Genuss von Wein und anderen alkoholischen Getränken haben kann, warum wurde es nicht verboten (wie es auch in anderen Religionen der Fall ist)?

Die Antwort ist, dass es im Judentum nicht darum geht, alles Mögliche, was zur Sünde führen könnte, zu verbieten, sondern zu lernen, wie man alles zum Dienst von G´tt benutzen kann. 

Natürlich gibt es auch Dinge, welche vollkommen von der Tora verboten wurden und darauf bezieht sich dieses Konzept nicht, sondern nur auf die restlichen materiellen Dinge, welche (für erlaubte) triviale Zwecke genutzt werden können oder für heilige Zwecke: 

Wenn Wein richtig verwendet wird, dann kann dadurch im Gegenteil mehr Heiligkeit in diese Welt gebracht werden, denn Kiddusch (Heiligung des Schabbats zu dessen Beginn) und Hawdala (Segenspruch zum Ende des Schabbats) werden auf Wein gesprochen. 

Auch bei zahlreichen weiteren Geboten und jüdischen Traditionen gehört der Segenspruch auf ein Glas mit Wein zur Prozedur (wie zum Beispiel Birkat HaMazon, Brit Mila, Chuppa usw.). Warum Wein zu diesen Geboten und Traditionen gehört, ist ein Thema für sich, aber wir sehen, dass Wein verwendet werden kann, um Dinge zu segnen und den Übergang des Menschen in eine neue Phase zu heiligen.

Alles, was G´tt in seiner Welt geschaffen hat, ist dafür bestimmt, um ihn zu ehren”, lehren unsere Weisen in den Sprüchen der Väter (Pirkei Avot 6:11) basierend auf dem Vers im Prophet Yeshaja (43:7)

Die Aufgabe des Menschen in dieser Welt ist es, zu lernen, wie die Genüsse dieser Welt dafür benutzt werden können, um G´tt zu dienen und auf diese Weise werden sie heilig. 

Der Nazir sah sich gezwungen, sich unter anderem das Trinken von Wein zu verbieten, weil er keinen anderen Ausweg sah, seinen bösen Trieb in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren, wie eine Art Notbremse, aber es sollte nicht so sein. 

Natürlich wird er für seinen Schritt, Nazir zu werden, gelobt und sogar als heilig bezeichnet (siehe Bamidbar 6:8), aber dennoch sollte der Mensch idealerweise lernen und im Stande sein, auch solche Dinge, wie Wein, nur für gute Zwecke zu verwenden und nicht zu solchen drastischen Mitteln greifen zu müssen. Aus diesem Grund bringt der Nazir ein Sündopfer, weil er sich vom Wein enthalten musste und es nicht dafür benutzt, um G´tt damit zu dienen.

Report

What do you think?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Written by Rav Dovid Gernetz

Der Autor wurde in Dnepropetrowsk, Ukraine geboren und ist in Berlin, Deutschland aufgewachsen. Er studierte zwei Jahre in einer Yeshiva in Zürich, Schweiz und anschließend zwei Jahre in einer Yeshiva in Gateshead, England. Seit seiner Hochzeit lebt er in Telz Stone in Israel.
Der Autor ist Vertreter von Imrey Deutschland e.V und verantwortlich für diese Website. Außerdem gibt er wöchentlich den Judentum.Online-Newsletter heraus und veröffentlicht zahlreiche Beiträge zu Themen rund ums Judentum.

Sprachen: Russisch, Deutsch, Englisch, Hebräisch

Manna

Manna

Rabbinische Antwort

Ist ein Mensch verpflichtet, seine Schwiegereltern zu ehren?