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KADDISCH 10 Kapitel 5.3

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KAPITEL 5

FRAGEN AUS DER PRAXIS

5.3 VON WEM KANN DAS KADDISCH GESPROCHEN WERDEN?

14. Frage:

Darf ein Vater für seine Kinder das Kaddisch sprechen?

Antwort:

R. Jecheskiel Landau sagt, dass die Auffassung, dass ein Vater für seine Kinder das Kaddisch spricht, nicht gestützt wird, weil nur “ein Sohn sich um seinen Vater verdient machen kann” und nicht umgekehrt. Shut Schwut Yaakov denkt jedoch, dass ein Vater für seine Kinder das Kaddisch sprechen kann, wenn diese keine eigenen Kinder hinterlassen haben.

Wenn der Verstorbene sowohl Eltern als auch Brüder hinterlassen hat und er der älteste Bruder war, dann ist es besser, wenn seine jüngeren Brüder das Kaddisch für ihn sprechen (wenn der Vater nichts dagegen einzuwenden hat, dass seine Söhne schon das Kaddisch sprechen, solange er noch am Leben ist), da nach Jüdischem Recht ältere Brüder von ihren jüngeren Brüder geehrt werden müssen.

Wenn jemand nur Brüder und einen Schwiegersohn hinterlassen hat, dann müssen die Brüder laut Zera Emet das Kaddisch sprechen, weil sie die vorgeschriebenen Trauerrituale für ihn einhalten müssen. Mischmeret Schalom meint jedoch, dass der Schwiegersohn das Kaddisch sprechen sagen muss, weil ein Schwiegersohn einem Sohn gleichgesetzt wird.

Wenn jemand einen Bruder und Enkelkinder hinterlassen hat, dann müssen die Enkelkinder das Kaddisch sprechen (wenn ihre noch lebenden Eltern nichts dagegen haben).

15. Frage:

Wer soll das Kaddisch sprechen, wenn der Verstorbene keinen Sohn hinterlassen hat?

Antwort:

Es gibt nur für einem Sohn die Verpflichtung das Kaddisch zu sprechen, nicht für andere Hinterbliebene. Dennoch müssen Maßnahmen ergriffen werden, um sicherzustellen, dass das Kaddisch für diesen Verstorbenen gesprochen wird. Über die Frage, wer diese sekundäre Pflicht erfüllen muss, wird viel diskutiert. Einige argumentieren, dass es eine Pflicht für einen jüngeren Bruder des Verstorbenen ist, weil die Tradition jüngere Brüder verpflichtet ihren älteren Brüder Respekt zu erweisen.

Andere glauben, dass die sekundäre Pflicht bei dem Schwiegersohn liegt, weil er mit einem Sohn verglichen wird; andere glauben, dass die sekundäre Pflicht bei den Enkeln liegt, weil sie in der Thora gleichberechtigt mit den Kindern genannt werden. Es wird auch disskutiert, dass der Vater verpflichtet wäre, das Kaddisch zu sprechen, so wie König David für seinen rebellischen Sohn Absalom gedavent hat.

In den Niederlanden hängt dies heutzutage von der Frage ab, welches der nächsten Familienmitglieder sich am meisten dazu berufen fühlt, das Kaddisch zu sprechen. Ist ein Elternteil des Verstorbenen noch am Leben, muss er seine Zustimmung geben, wer für seinen Sohn das Kaddisch sprechen darf.

Wenn nahe Verwandte aus eigenen Beweggründen nicht bereit oder nicht in der Lage sind, der Verpflichtung des Kaddisch-Sprechens nachzukommen, kann ein Dritter zu diesem Zweck beauftragt werden. Oft wurden die Schammaschim oder andere Vertreter der Synagoge darum gebeten.

Man hat es im Allgemeinen als besser angesehen, dafür zu bezahlen, weil man dadurch die dritte Person als persönlichen Vertreter betrachten konnte und auch, weil man sicher war, dass das Kaddisch auch tatsächlich gesprochen wurde. Es ist besser, dass dieser gemietete Kaddisch-Sprecher nicht gleichzeitig Aufträge von mehren Familien annimmt, denn dann hat das Kaddisch keine persönliche Bedeutung mehr.

Dennoch ist Vorsicht geboten. Obwohl es erlaubt ist, einen Dritten mit dem Sprechen des Kaddisch zu beauftragen, hat dies doch zu Missständen geführt. Der Ehrung des Verstorbenen wurde vor allem in materieller Hinsicht gedacht. „Paying” wurde wichtiger als „Praying“ und die Synagoge wurde eher als eine Art “Himmlischer Supermarkt” angesehen. Die Bank wurde gegen die Bibel getauscht und die Leute begannen zu glauben, dass Fehler und Übertretungen durch Spenden für Tzedaka beglichen werden könnten.

Einige große Poskim empfehlen jedoch, zum Gedenken an den Verstorbenen, eine Thora-Schule finanziell zu unterstützen, um es den Thora-Gelehrten zu ermöglichen, jeden Tag die Thora und den Talmud zu studieren und sie zu Ehren des Verstorbenen nach dem „Lernen“ das Kaddisch-Derabbanan sprechen zu lassen. Einige führende Thora-Gelehrte haben diese Praxis auch für sich gewählt und dies in ihrem Testament vermerkt, obwohl sie fromme Kinder hatten, die jeden Tag das Kaddisch für sie sprachen.

Die Verpflichtung, das Kaddisch zu sprechen, obliegt dem Sohn und nicht der Tochter. Die Chachamim (Weisen) hatten die Realität des Alltags im Blick und erkannten, dass das Rezitieren des Kaddisch – früh am Morgen und spät am Abend in der Synagoge – für Frauen normalerweise nicht möglich war. Die Pflicht, das Kaddisch zu sprechen, wurde daher den Frauen nicht auferlegt, wobei nicht zwischen verheirateten und unverheirateten Frauen und Frauen mit oder ohne kleinen Kinder unterschieden wurde.

Dies hat nichts mit der Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Töchtern zu tun, da Töchter in der Regel engere Beziehungen zu ihren Eltern haben als ihre Söhne. Söhne und Töchter müssen in gleichem Maße den Gesetzen der Awelut (der Trauerrituale) folgen, mit einer Ausnahme: dem Kaddisch, das an eine bestimmte Zeit und an einem bestimmten Ort gebunden ist.

Es steht sicherlich nicht im Widerspruch zur Geisteshaltung unserer Trauerbräuche, dass eine trauernde Tochter, die dazu in der Lage ist, regelmäßig die G’ttesdienste in der Synagoge besucht, um mit besonderer Aufmerksamkeit auf das Kaddisch die Antworten zu sprechen.

Deutlichkeitshalber möchte ich noch einmal betonen, dass die Pflicht, das Kaddisch zu sprechen, in erster Linie beim Sohn liegt. Selbst wenn nahe Verwandte sich bereit erklären würden, das Kaddisch zu sprechen, entbindet dies den Sohn nicht von seiner Verpflichtung. Ob der beauftragte Dritte, der das Kaddisch sprechen soll, ein Torah-Gelehrter oder ein besonders frommer Mann ist, spielt keine Rolle. Niemand kann den Sohn ersetzen.

Kaddisch ist keine magische Zauberformel, die die Tore des Himmels öffnet, unabhängig davon, von wem dies gesprochen wird. Es ist nicht möglich, den “Verdienst des Sohnes” auf andere zu übertragen. Dies widerspricht dem Respekt, der einem verstorbenen Elternteil geschuldet ist. Der Verdienst der Kinder muss ’verdient’ sein und kann nicht gekauft werden. Ein gemietetes Kaddisch ist eine Beleidigung für die Eltern, deren Söhne die Geduld oder Zeit nicht aufbringen können, das Kaddisch zu sprechen.

16. Frage:

Darf ein Sohn Kaddisch sprechen, bevor er das Bar-Mizwa-Alter erreicht hat?

Antwort:

Die Verpflichtung, Kaddisch zu sprechen, obliegt auch, oder besser gesagt, gerade einem Sohn unter dreizehn Jahren. Auch noch jüngere Kinder sollten versuchen, ab dem Zeitpunkt an, ab dem sie zu den Mizwot erzogen werden (in der Regel mit ca. sechs Jahren), das Kaddisch (mit) zu sprechen. Nach Rema (Y.D. Ende 376) ist das Kaddisch hauptsächlich für kleine Kinder gedacht, die noch nicht vordavenen können. Das Kaddisch-Gebet ist recht einfach zu lernen, so dass auch ein kleines Kind in der Lage ist, bei der Heiligung von G’ttes Namen die Gemeinde anzuführen.

Aus psychologischer Sicht ist das Kaddisch besonders geeignet, um auch kleinen Kindern die Möglichkeit zu geben, ihrem traurigen Gemüt Ausdruck zu verleihen und Trost aus der Umgebung zu schöpfen. Vielleicht bindet das Kaddisch-Gebet sie für den Rest ihres Lebens an die Synagoge. Wenn ein Nicht-Awel (ein Nicht-Trauernder) einem Kind das Kaddisch vorsagt, muss man darauf achten, auf das Kaddisch des Kindes zu antworten und nicht auf das Kaddisch des Souffleurs.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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