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ÖKONOMISCHE ASPEKTE AUS JÜDISCHER SICHT – TEIL VI – Parascha Nasso

ÖKONOMISCHE ASPEKTE AUS JÜDISCHER SICHT - TEIL VI - Parascha Nasso
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Verherrlichung durch Tzedaka (Wohltätigkeit)

Nachdem die Biblische Tora-Botschaft in Europa Fuß gefasst hatte, war Arbeit nicht mehr nur ein Mittel, um die eigene Existenz zu sichern, sondern wurde auf einen höheren Zweck, der Nächstenliebe, gerichtet. Auch der Reiche muss seinen Besitz produktiv machen, um mit den Überschüssen die Armen zu unterstützen. Die Arbeit wird zur Grundlage für die religiöse Tugend schlechthin: die Nächstenliebe.

Gebet und Arbeit werden durch eine karitative Ausrichtung lebendig

Später, als Ordensgemeinschaften entstehen, wird das Gebet mit der Arbeit verbunden, und Gebet und Arbeit werden durch eine karitative Ausrichtung lebendig. Nicht Arbeit für die Existenz und mehr in Form von Luxus, sondern Arbeit für die Existenz und Wohltätigkeit. Die Arbeit wird auf eine höhere Ebene gehoben.

Die Schattenseite der Wohltätigkeit

Arbeit ist nicht nur für den arbeitenden Menschen selbst gedacht, sondern auch für die Bedürftigen. Die Spende des Erlöses der eigenen Arbeit an andere verleiht der Arbeit zwar einen moralischen Anstrich, birgt aber auch eine Gefahr in sich. Nach dem frühen Mittelalter war es keineswegs so, dass jeder Mensch für sich selbst sorgen musste. Im Mittelalter wurde das “Armutsgelübde” von Priestern mit großem Respekt betrachtet.

die Armen als eine Art Heilige?

In einer religiösen Welt mit einem ausgeprägten Sinn für Mystik galten die Armen als eine Art Heilige. Die Hilfe in der Not dieser freiwilligen Armut wurde als ein Geschenk des Himmels angesehen. Man konnte himmlische Glückseligkeit erlangen, indem man Wohltätigkeit praktizierte, obwohl der Verzicht auf Eigentum soziologisch gesehen eigentlich bedeutete, auf der Tasche der Gesellschaft zu leben.

Die unkritische Verteilung von Almosen führte zu sozialen Problemen, weil man sich nicht fragte, wie der Bettler arm geworden war. Die Armut wurde nicht wirksam bekämpft. Den Bürgern wurde nicht beigebracht, auf eigenen Beinen zu stehen. Immer mehr Menschen zogen sich aus dem Arbeitsprozess zurück. Viele lebten von Almosen.

Förderung der Unabhängigkeit

Im Talmud gibt es eine zwingende Arbeitsethik, da eine Haltung der Abhängigkeit von der Tzedaka (Wohltätigkeit) anderer abgelehnt wird. Für den Empfänger kommt diese Ablehnung in einer Aussage von Rabbi Akiwa zum Ausdruck: “Mach lieber deinen Schabbat (den Tag der Ruhe, der in besonderer Weise gefeiert werden sollte) zu einem gewöhnlichen Wochentag (in dem Sinne, dass man nichts extra zu Ehren des Schabbats kauft), als von der Wohltätigkeit anderer abhängig zu werden”.

finanziell unabhängig machen

Für den Spender bedeutet die Ablehnung der Abhängigkeit von der Großzügigkeit anderer, dass er bei der Hilfe für die Armen so weit wie möglich versuchen sollte, sie finanziell unabhängig zu machen.

Dieser Gedanke mag einer der Gründe für die Aussage im Buch von Maimonides (1135-1204) sein, dass die höchste Form der Wohltätigkeit darin besteht, jemanden zu unterstützen, der Gefahr läuft, arm und damit finanziell abhängig zu werden. Man sollte versuchen, dem Armen eine Partnerschaft, ein Darlehen oder eine Anstellung zu verschaffen, damit er seine finanzielle Unabhängigkeit nicht (ganz) verlieren muss.

Zusammenfassung:

– Die Arbeit wird auf ein höheres Niveau gehoben, weil der Ertrag der Arbeit mit anderen geteilt wird.

– Jeder Mensch hat die Pflicht, so gut wie möglich seinen Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten.

– Da jeder Mensch die Pflicht hat, so weit wie möglich für seinen eigenen Lebensunterhalt zu sorgen, muss auch der Spender bei der Ausübung der Wohltätigkeit die finanzielle Unabhängigkeit des Empfängers so weit wie möglich fördern.

Renaissance und Humanismus

Nach dem Mittelalter wurde dem Menschen viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Erasmus und Thomas More (beide Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts) wollten die menschliche Produktion durch Bildung steigern. Sie wollten eine Gesellschaft, in der jeder arbeitet, um seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Bildung und Armenfürsorge wurden allmählich zu staatlichen Aufgaben. Der Bettler verlor seine mystische Aura und wurde zur Arbeit geschickt. Das Bildungswesen musste universell sein, und die Regierung musste für Beschäftigung sorgen.

Effizienz und Säkularisierung

Die neue Arbeitsethik achtet auf Effizienz und versucht, Armenhilfe und Bildung aus dem religiösen Bereich herauszuholen. Im Biblischen Denken ist die Sorge um die finanzielle Unabhängigkeit der besitzlosen Arbeiterklasse ein integraler Bestandteil der Religion. Die Säkularisierung der Armenhilfe ist eine unerwünschte Entwicklung im religiösen Denken.

Die Sorge um die soziale Unabhängigkeit der Besitzlosen und “Habenichtse” ist eine heilige Pflicht; die Fürsorge für die Armen ist der beste Weg, um einen Platz in der zukünftigen Welt (Olam Haba) zu gewinnen.

Zusammenfassung:

– In der Biblischen Tora-Weltanschauung ist es eine religiöse Pflicht, sich um die Armen zu kümmern, indem man ihnen Arbeit und Ähnliches zur Verfügung stellt, was als “Nachfolge G’ttes” angesehen wird (B.T. Bawa Batra 10a).

Daraus folgt, dass das Motiv für die Armenfürsorge und die Bildung aller Menschen eher religiöser Natur ist und sich auf das Wohlergehen des Individuums als solches konzentriert; die Tora scheint viel weniger daran interessiert zu sein, die Gesellschaft so effizient wie möglich zu organisieren (obwohl dies natürlich auch der Wunsch jeder guten staatlichen Organisation ist).

Humanistisch versus theozentrisch

Der Humanismus war die Antithese zur mittelalterlichen Religiosität. Der Humanismus stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Der Mensch kann seine Probleme selbst lösen. Jeder musste lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und für seinen eigenen Lebensunterhalt zu arbeiten.

Der Regierung wurde eine neue Aufgabe übertragen: die Schaffung von Arbeitsplätzen. Wenn der Marktmechanismus nicht genügend Arbeit bieten konnte, musste der Staat eingreifen.

Bildung und Arbeitsplätze

Wenn die Regierung dafür gesorgt hat, dass benachteiligte Jugendliche einen Beruf erlernen, musste sie auch dafür sorgen, dass die Absolventen in den Arbeitsprozess integriert werden. Unternehmen, die bereit waren, sich an diesen Arbeitsbeschaffungsprojekten zu beteiligen, mussten von der Regierung unterstützt werden. Das neue Motto lautete, aus eigener Kraft eine bessere Welt zu schaffen, frei von Armut und Not.

Beschäftigungspolitik ist eine staatliche Aufgabe

Die humanistische Position, dass Beschäftigungspolitik eine staatliche Aufgabe ist, steht im Widerspruch zu dem religiösen Charakter, der ihr in der Tora zugeschrieben wird. In der Biblischen Weltanschauung ist die Sorge um die finanzielle Unabhängigkeit der Unterprivilegierten eher eine individuelle Aufgabe, die in erster Linie eine Aufgabe jedes einzelnen Bürgers ist, was natürlich eine kollektive Verantwortung nicht ausschließt.

Es ist eine Frage des Nachdrucks. Die Tora überträgt die Hauptverantwortung auf jede Privatperson. Der neue Geist überträgt die Verantwortung auf die Regierung. Die Regierung sollte eine Beschäftigungspolitik betreiben.

Zusammenfassung:

Die Gewährleistung der sozialen Unabhängigkeit der Unterprivilegierten ist eine Angelegenheit, die nicht allein einer anonymen Institution wie dem Staat überlassen werden sollte.

Jenseits

Vor der Renaissance war der Mensch auf dem Weg ins Jenseits und das Streben nach Reichtum wurde von der Religion verurteilt. Es gab keine Marktwirtschaft, nur die Kosten für Rohstoffe und Arbeit bestimmten den Preis. Vor der Renaissance war es verboten, Geld gegen Zinsen zu leihen, und die Kapitalbildung für Industrie und Handel war selten. Der Unternehmer erkannte die soziale Verantwortung und strebte nicht in erster Linie nach maximalem Gewinn.

Recht auf Glück im Jenseits

Nach der Renaissance änderte sich dies, und viele Menschen gingen davon aus, dass sie ein Recht auf Glück im Jenseits haben. Es entstand eine Marktwirtschaft, in der die Preise für Waren und Dienstleistungen durch den Markt bestimmt wurden. Der Glaube, man könne sich auf Kosten anderer bereichern, setzte sich durch, und es wurde erlaubt, Geld gegen Zinsen zu leihen. Nach und nach wurde Kapital für den Handel und später auch für die Industrie angesammelt. Nach der Renaissance erkannte der Unternehmer keine soziale Verantwortung mehr an und strebte über die Preisgestaltung nach maximalem Gewinn.

Die Reformation

Die Reformatoren Luther und Calvin (16. Jahrhundert) erlebten natürlich auch die tägliche Praxis mit ihren wirtschaftlichen Problemen. Mit der Reformation entstand eine andere Vorstellung vom Platz und von der Funktion der Arbeit. Martin Luther wandte sich klar gegen die Mammon-Knechte, die nicht gerettet werden konnten. Der Reformator wandte sich vehement gegen Menschen, die von der Arbeit ihrer Mitmenschen schmarotzen, verurteilte die Bettelei aufs Schärfste und wandte sich gegen die Arbeitsscheue.

Nirgendwo in der Biblisch-Jüdischen Literatur findet sich jedoch eine Stütze für die Behauptung, dass Arbeit – im gewöhnlichen Sinne des Wortes – eine individuelle moralische und allgemeine gesellschaftliche Anforderung ist, die für alle gilt, ohne Rücksicht auf Einzelne. In der Gedankenwelt der Tora ist die Kombination von Arbeit und Lernen zentral. Bildung Beständigkeit im religiösen Sinne ist das Biblisch-Jüdische Menschenideal. 

Zusammenfassung:

Die Tora sieht Arbeit und Handel (im säkularen Sinne des Wortes) nicht als individuelles moralisches und allgemeines soziales Erfordernis, das ausnahmslos für alle gilt. Bildung ist ein zentraler Bestandteil der Jüdischen Lehre.

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Written by Dajan Raphael Evers

Oberrabbiner von Düsseldorf /Dajan des Europäischen Beit Din's

Bekannt für seine enzyklopädischen Kenntnisse in fast allen Bereichen des Judentums. Ist ein Mitglied in CER (Konferenz der europäischen Rabbiner) sowie im europäischen Beit Din.

Hat mehrere Bücher geschrieben. Darunter: „Talmudisches Denken“, „Die Echte Torah“, „Schaatnes Gesetze“.

Im Moment widmet sich dem Ziel das jüdische Leben in Düsseldorf wieder aufzubauen.

Sprachen: Holländisch, Yiddisch, Hebräisch, Englisch, Deutsch

(Foto gemacht von: J. Feldmann)

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